Hamburg - "Das war ein wirklich unvergessliches Erlebnis", erinnert sich Collin Benjamin an den Einmarsch in die Arena am 2. Dezember 2001. "Eine unglaubliche Atmosphäre. Als wir aus dem Tunnel kamen, sah man auf der einen Seite nur Braun, auf der anderen nur Schwarz-Weiß-Blau."

Mit seinem Treffer zum 3:0 und der Vorlage zum 4:1 war der heute 32-Jährige beim 4:3-Erfolg seines HSV der Mann des Spiels im letzten Hamburger Stadt-Derby im Volkspark. "Ich dachte wirklich, wenn ich jetzt sterben würde, dann macht es nichts", beschreibt der einzige Profi in den Kadern der Rivalen seine Gefühle nach dem Erfolg vor über zehn Jahren.

Reinhardt schockiert

Nach Sterben war am Mittwoch wohl keinem der HSV-Akteure, aber nach der 0:1-Pleite gegen den FC St. Pauli wären sie wohl gern nach Abpfiff im Erdboden versunken. Mit hängenden Köpfen schlichen die Spieler in die Kabine.

"Ich könnte kotzen", brachte Ex-Profi und Sportdirektor Bastian Reinhardt seine Gefühle auf den Punkt. "Das ist der bitterste Moment, seit ich beim HSV bin."

HSV-Profis sprachlos

Die Spieler waren geschockt und sprachlos. "Ich möchte am liebsten gar nichts sagen", so David Jarolim, tat es dann aber als einer der wenigen doch. "Das ist bitter. Immer wieder reißen wir ein, was wir uns mühsam aufgebaut haben. So wird das ganz schwer mit dem Europapokal."

Was der Mittelfeldrenner meint, wird klar, wenn man sich die Saison des Bundesliga-Dinos Revue passieren lässt. Immer wenn sich die Hamburger in der Tabelle auf Schlagdistanz an die begehrten Europapokalplätze herangearbeitet hatten, schlich sich der Schlendrian ein, und es gab überraschende Rückschläge.

Mit einem Sieg hätte der sechsmalige Deutsche Meister die Führung in der Rückrundentabelle übernommen. So hat der Tabellen-Siebte weiter vier Punkte Rückstand auf Mainz 05 auf Europapokalplatz fünf.

"Eine bittere Niederlage"

"Das war eine bittere Niederlage. Wir wollten gegen St. Pauli und am Samstag gegen Bremen gewinnen, um in die Europapokalplätze vorzustoßen", beschreibt Armin Veh seine Pläne für die Englische Woche.

Veh hatte gehofft, seine Spiele für die Derbys nicht motivieren zu müssen, denn "wer gegen St. Pauli nicht mit dem Herzen dabei ist, hat kein Herz, und mit Bremen sind ja aus der jüngeren Vergangenheit noch einige Rechnungen offen", so der HSV-Trainer zu bundesliga.de.

Jetzt ist der Psychologe Veh gefragt: "Ab morgen müssen wir wieder aufstehen. Das wird schwer, aber das sind wir den Fans schuldig."

"Heißer Kampf" gegen Bremen

Ein Selbstgänger wird das nach Ansicht von Rost nicht. "Wir waren die bessere Mannschaft, aber wenn du die Tore nicht machst, wirst du gnadenlos abgestraft. Wer sagt, er will schönen Fußball sehen, der ist ein Heuchler. Im Profi-Fußball geht s um Punkte", so der HSV-Keeper drastisch.

Und die Punkte wird auch sein Ex-Club kaum freiwillig an der Elbe lassen. "Für Bremen geht es um viel. Die werden uns einen heißen Kampf bieten", ist Rost sicher und fordert ein Ende der Schönspielerei. "Es hilft nicht, wenn man immer erzählt, was man alles will und was man alles kann. Jetzt heißt es: Arsch hoch, Kopf hoch - weiter geht s. Und dann holen wir am Sonnabend hoffentlich drei Punkte."

Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs