Wolfsburg - Nach sechs Siegen in der Bundesliga in Serie, hat sich der VfL Wolfsburg auf Platz 2 der Tabelle etabliert, vier Punkte hinter dem FC Bayern München und drei vor Borussia Mönchengladbach.

Zuletzt spielten die Wölfe nicht nur einen erfolgreichen, sondern auch sehenswerten Fußball mit vielen Toren. Im Interview mit bundesliga.de zieht Klaus Allofs, Wolfsburgs Geschäftsführer Sport, ein Zwischenfazit. Außerdem spricht er über die Rolle des Clubs, die Entwicklung von Kevin de Bruyne und das gute internationale Abschneiden der Bundesligisten.


bundesliga.de: Herr Allofs, die Bundesliga pausiert wegen der Länderspiele. Können Sie in dieser Zeit etwas entspannen oder macht es keinen großen Unterschied zum sonstigen Alltag?

Klaus Allofs: Es ist weiterhin viel zu tun. Wir hatten durch die gedrängten Termine und Reisen in der Bundesliga und der Europa League nicht so viel Zeit. Dann bleiben ein paar Dinge auf der Strecke, die man in dieser Zeit abarbeiten muss. Aber die nervliche Anspannung lässt ein bisschen nach.

"Wir wussten, dass wir uns verbessern würden"

bundesliga.de: Wie viele Profis tummeln sich derzeit auf den Trainingsplätzen, wenn so viele Spieler mit ihren Nationalmannschaften unterwegs sind?

Allofs: Wie viele genau, kann ich gar nicht sagen. Gestern waren aber eine ganze Menge auf dem Platz, was auch daran liegt, dass wir die Gelegenheit nutzen, um auch Spieler aus der U23 und aus der U19 dazuzuholen, um zu schauen, wie sie sich weiterentwickelt haben.

bundesliga.de: So eine Pause ist auch eine Gelegenheit, den bisherigen Saisonverlauf zu bewerten. Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach dem ersten Saisondrittel aus?

Allofs: Diese Bewertung machen wir nach jedem Spiel. Der Start war nicht nur punktemäßig nicht so gut, sondern auch nicht gerade berauschend von der Art und Weise, wie wir Fußball gespielt haben. Aber wir kannten die Gründe dafür und haben es richtig eingeschätzt. Wir wussten, dass wir uns Schritt für Schritt verbessern würden. Wir haben dann auch zunächst die Resultate erzielt und spielen inzwischen auch guten Fußball. Es ist eine Bestätigung dessen, was wir erwartet haben. Wir haben nicht zwingend mit Platz 2 gerechnet, aber schon damit, dass wir uns weiterentwickeln werden und dass der Kader, den wir haben, eine Menge Möglichkeiten bietet.

bundesliga.de: Was sagt dieser 2. Platz aus? Sehen Sie sich als Bayern-Jäger Nummer 1?

Allofs: Wir sind Zweiter, das ist ein Fakt. Das muss man auch nicht kleinreden. Das heißt aber auch nicht, dass wir leistungsmäßig mit den Bayern gemeinsam genannt werden können. Das wäre eine falsche Einschätzung. In diese Falle werden wir nicht tappen. Wir haben eine gute Mannschaft, die sich weiterentwickelt hat und die sich noch weiterentwickeln muss, um oben dabeizubleiben. Wie man uns nennt oder was man uns zutraut, ist die eine Sache. Wir wissen, was wir leisten müssen, um unsere sportlichen Ziele zu erreichen. So gehen wir damit um.

"Darf nicht mehr dieses Hin und Her geben"

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bundesliga.de: Wie sehen diese Ziele aus? Haben Sie die Champions League auch schon im Fokus?

Allofs: Wir kommen aus der Situation, dass der VfL Wolfsburg vor eineinhalb Jahren noch gegen den Abstieg gespielt hat. Dann haben wir gesagt, dass wir mittelfristig zurück in den internationalen Fußball wollen. Das haben wir kurzfristig geschafft. Das war toll, das hat uns einen Riesenschub gegeben. Wir haben das Glück gehabt, auch gute Spieler verpflichten zu können, haben aber auch trotzdem vor der Saison gesagt, dass wir diese Leistung bestätigen wollen. Es darf nicht mehr dieses Hin und Her aus Qualifikation für die Europa League und Abstiegskampf geben. Und dennoch haben wir im gleichen Atemzug gesagt, dass wir besser werden wollen. Wir waren Fünfter mit nur einem Punkt hinter Bayer Leverkusen. Dann wünscht man sich, dass der Champions-League-Platz einmal herausspringt. Mittelfristig wollen wir uns dahin entwickeln und eine Mannschaft sein, die mehr als einmal in der Champions League vertreten ist.

bundesliga.de: Besser werden ist ein schönes Stichwort für Kevin De Bruyne, der in dieser Saison richtig durchzustarten scheint. Wie zufrieden sind Sie mit seiner Entwicklung? Müsste er noch mehr Tore machen?

Allofs: Wir sind sehr zufrieden mit ihm, aber auch damit, dass wir Spieler wie Luiz Gustavo, Joshua Guilavogui (Hintergrund: Sechser mit Weltklasse-Potenzial), Aaron Hunt, Sebastian Jung und andere überzeugt haben, zum VfL zu kommen. Wir haben Kevin prophezeit, dass er sich hier entwickeln und ein noch besserer Spieler werden wird. Das bewahrheitet sich. Obwohl er es schon gut macht, kann er sich in einigen Dingen noch verbessern. Aber wenn einer so viele Tore vorbereitet, wäre es falsch darüber zu meckern, dass er nicht so oft trifft.

"Wir müssen an unsere Grenzen gehen"

bundesliga.de: Kurios ist, dass beim VfL die Abwehrspieler häufiger treffen als die Stürmer.

Allofs: Aber ein Defensivspieler ist in dem Moment, in dem wir einen Eckball haben, kein Defensivspieler mehr. Für uns ist positiv, dass sich die Tore auf viele Schultern verteilen.

bundesliga.de: Das nächste Spiel des VfL findet beim FC Schalke 04 statt, bei einem Verein, der bislang seinen Ansprüchen hinterher hinkt. Das macht die Aufgabe vermutlich nicht einfacher.

Allofs: Ja. Auch Borussia Dortmund ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben und zeigte zuletzt in der Champions League oder gegen Mönchengladbach gute Spiele. Gleiches gilt für Schalke. Wenn man nur auf den Tabellenstand schaut, dann würde man der Mannschaft nicht gerecht werden. Das wird ein schwieriges Spiel. Aber auch die Spiele daheim gegen Hamburg oder in Freiburg sind Spiele, in denen man hundertprozentig vorbereitet sein und an die Grenzen gehen muss. Das nehmen wir uns für die restlichen Partien der Hinrunde vor. Wir müssen an unsere Grenzen gehen und unser Potenzial ausschöpfen.

bundesliga.de: Sie haben die Dortmunder Auftritte in der Champions League angesprochen. Wie bewerten Sie die Bundesliga im internationalen Vergleich? Sehen Sie eine Weiterentwicklung gegenüber den letzten Jahren?

Allofs: Ich denke schon. Auch das Selbstverständnis der deutschen Vereine ist größer geworden. Sie müssen sich international hinter niemandem verstecken. Die Qualität der deutschen Mannschaften ist besser geworden. Das wundert mich nicht so sehr. Trotzdem ist es außergewöhnlich, wenn an einem internationalen Spieltag alle Clubs gewinnen oder wie zuletzt fünf von sechs. Das zeigt, dass spanische, englische oder italienische Mannschaften im Moment nicht dazu in der Lage sind.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski