Spät sind sie angekommen im Mönchengladbacher Borussia-Park. Der Mannschaftsbus des VfL Wolfsburg steckte im Stau fest und erreichte erst eine Stunde vor dem Anpfiff sein Ziel.

Und während die Anspannung vor dem ersten Spiel als Tabellenführer in dieser Saison allmählich stieg, wird wohl so mancher Wolfsburger Kicker auch einmal aus dem Fenster geschaut haben.

Von Meisterschaft zu reden ist ein Tabu

Dabei könnten die Spieler auch die Plakate entlang der dreispurigen Zufahrtsstraße zum Stadion entdeckt haben, auf denen für eine Veranstaltung der ungewöhnlichen Art geworben wurde. In Mönchengladbach findet in Kürze das "Festival der Marktschreier" statt. Bei diesem Event dürften die "Wölfe" in ihrer gegenwärtigen Stimmungslage allerdings ziemlich chancenlos sein.

Denn auch nach dem 2:1 in Mönchengladbach und dem damit neunten Sieg in der Bundesliga in Folge wird beim Spitzenreiter bei einem Thema gemauert und auf Understatement gesetzt: Von der Meisterschaft öffentlich zu sprechen, bleibt in Wolfsburg ein Tabu.

Die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb gilt nach wie vor als vorrangiges Ziel. Und auch trotz eines stattlichen Zehn-Punkte-Polsters auf den Tabellen-Sechsten Hoffenheim lassen sich die Spieler nicht aus der Reserve locken.

Nicht blenden lassen

Vielleicht ist das ja die richtige Herangehensweise. Die Beispiele der bisherigen, kurzzeitigen Tabellenführer im Jahr 2009, Hoffenheim, Hamburg und Hertha, könnten eine Warnung sein. Hoffenheim ist seit neun Partien sieglos, Hertha kassierte zuletzt drei Niederlagen in Serie und nur der HSV ist neben den Bayern noch in Reichweite.

"Wir haben im letzten Jahr gute Erfahrungen damit gemacht, nur von Spiel zu Spiel zu denken", stapelt Torhüter Diego Benaglio tief. "Damit sind wir gut gefahren. Warum sollten wir da dieses Jahr etwas ändern? Es sind noch sieben Spieltage, da kann noch so viel passieren. Wir lassen uns von der Tabellenführung nicht blenden."

Pflicht gegen Gladbach erfüllt

Auch der Wolfsburger Top-Vorbereiter Zvejezdan Misimovic, dem im Borussia-Park bei Edin Dzekos Führungstreffer zum 1:0 (20. Minute) sein 16. Assist in dieser Saison gelang, teilt diese Meinung: "Wir reden nicht darüber, am Ende oben zu stehen. Momentan ist es ganz schön, dass wir oben sind. Was aber am Ende dabei herauskommt, werden wir sehen."

Meisterlich war Wolfsburgs Auftritt in Mönchengladbach sicher nicht. Doch eine Spitzenmannschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Spiele auch dann gewinnt, wenn sie nicht ihr wahres Potenzial abruft. Nach der Gala gegen die Bayern erfüllte der VfL seine Pflichtaufgabe ohne zu glänzen und fuhr einen Arbeitssieg ein.

"Nach dem 1:1 hat man gesehen, was eine Mannschaft ausmacht, die oben steht", analysierte Wolfsburgs Coach Felix Magath dennoch zufrieden die Gemütslage seines Teams nach Dantes Ausgleichstreffer (79.). "Wir haben Moral gezeigt", freute sich Magath über Sascha Riethers 2:1 (86.).

"Schwer uns zu schlagen"

"Wir haben uns das hart erarbeitet, dass wir die Spiele erfolgreich bestreiten", sagt VfL-Mittelfeldspieler Christian Gentner, der vor zwei Jahren mit dem VfB Stuttgart bereits den Gewinn der Meisterschaft feiern durfte: "Wir wissen selber, dass das wahrscheinlich nicht durchgehend bis zum Schluss der Fall sein wird. Aber so lange wir mit dem Selbstvertrauen auftreten, das wir momentan haben, haben wir gegen jeden Gegner eine Chance. Und für jeden Gegner ist es schwer, uns zu schlagen."

Einmal im Redefluss rutscht dem 23-Jährigen dann doch noch beinahe das Unwort Meisterschaft heraus: ""Unser Ziel bleibt die Teilnahme am internationalen Geschäft. Das sollten wir uns nicht nehmen lassen. Wenn wir ein, zwei Spieltage vor Saisonende immer noch dort oben stehen, können wir über mehr sprechen."

Gut, für das "Festival der Marktschreier" reicht dieser mutiger Vorstoß Gentners noch nicht. Aber mit jedem weiteren Erfolg kommen die "Wölfe" der großen Überraschung immer näher. Es läuft eben in Wolfsburg, und läuft und läuft. Das kommt doch auch irgendwie bekannt vor...

Tobias Gonscherowski