Felix Magath hätte allen Grund gehabt, zufrieden und vielleicht sogar ein bisschen euphorisch zu sein. Der Trainer des FC Schalke 04 hatte mit seiner Elf auch das zweite Revierderby der Saison gegen den großen Rivalen Borussia Dortmund gewonnen (2:1). Es war der siebte Heimsieg in Serie, von den letzten elf Pflichtspielen hat Schalke nur eines verloren.

Nach dem emotionalen Erfolg durch Ivan Rakitic' Traumtor in der ausverkauften Veltins-Arena war Magath aber trotzdem erstmal mächtig angefressen. Im TV-Interview sah er die Leistung seiner Mannschaft nicht ausreichend gewürdigt, verließ erbost das Sky-Studio.

Magath: Gegentor als Befreiungsschlag

Am Tag danach war der Ärger bei Magath schon etwas verraucht, auch wenn er von seiner inhaltlichen Kritik nicht abrückte. Auch bei ihm wird die Befriedigung darüber eingesetzt haben, dass sich seine junge Mannschaft nach Leverkusens Remis gegen Köln bis auf zwei Punkte an den zweiten Platz herangepirscht hat.

Und im Titelrennen könnte sich Magaths Wutausbruch sogar als geschicktes Manöver entpuppen. "Wir Underdogs gegen die da oben" - daraus kann sich der Teamgeist entwickeln, der eine Mannschaft auch über schwierige Hindernisse am Saisonende hinweghilft.

So wie gegen den BVB, als die Schalker zum ersten Mal in dieser Saison einen Rückstand noch in einen Sieg verwandelten. "Anscheinend haben wir wieder einmal ein Gegentor gebraucht. Das hat gewirkt wie ein Befreiungsschlag", analysierte Magath und präzisierte: "Erst als wir nichts mehr zu verlieren hatten, haben wir besser gespielt."

"Das ist unglaublich, einfach Wahnsinn"

Nach dem Rückstand durch den Elfmetertreffer von Dortmunds Nuri Sahin (47.) war es einmal mehr eine Standardsituation, die "Königsblau" wieder auf Kurs brachte. Lukas Schmitz schlug, schon zum vierten Mal in dieser Saison, einen Freistoß der zum Tor führte. Verteidiger Benedikt Höwedes wuchtete den Ball per Kopf in die Maschen (66.). Rakitic' Hammer in den rechten Dortmunder Torwinkel besiegelte später den Erfolg (83.).

"Wir haben uns mit diesem Sieg erst mal richtig in der Spitzengruppe festgesetzt. Aber wenn wir jetzt auf die Tabellenspitze schielen und von der Meisterschaft reden, bringt uns das einfach nicht weiter", sagte Vorbeiter Schmitz im Interview mit bundesliga.de.

Torschütze Höwedes reagierte zwar begeisterter, unterstützte aber gleichzeitig die Zurückhaltung des Kollegen: "Das ist unglaublich, einfach Wahnsinn. Wir haben nicht nur das Derby gewonnen, sondern auch Dortmund als Verfolger auf Abstand gehalten. Denn Ziel bleibt Platz 5."

Wochen der Entscheidung

Auch wenn die Ziele noch nicht nach oben korrigiert werden, der Derby-Erfolg gibt den "Knappen" genau zur richtigen Zeit Rückenwind. Denn die Schalker stehen vor den Wochen der Wahrheit. Die werden zeigen, ob vielleicht sogar noch mehr geht als "nur" die Qualifikation für die Europa League.

Die Gelsenkirchener spielen nacheinander in Frankfurt, gegen Stuttgart, beim HSV, in Leverkusen, und gegen die Bayern. Hinzu kommt am 24. März auch noch das Pokal-Halbfinale, auch das gegen die Bayern.

"Wenn wir diese Spiele hinter uns haben, wissen wir ganz genau, was für uns drin ist in dieser Saison. Es kann aber auf jeden Fall nicht schaden, in Frankfurt zu gewinnen", erklärte Schmitz.

Die Champions League vor Augen

In der Hinrunde verloren die Gelsenkirchener keines der Bundesligaduelle gegen die kommenden Gegner. Gelingt das auch in der Rückrunde, wird zumindest Champions-League-Rang 3 den Schalkern kaum noch zu nehmen sein. Auf den HSV auf Platz 4 haben die "Knappen" nach der Niederlage der Hamburger beim FC Bayern schon acht Punkte Vorsprung.

Mit den jungen Schalkern in der ersten Saison in die Champions League - bei solch einem Saisonabschluss würde der von Magath eingeforderte Respekt für seine Mannschaft ganz von selbst kommen. Und dann würde auch beim Erfolgscoach sicherlich die ungetrübte Euphorie ausbrechen.

Matthias Becker


Lukas Schmitz im bundesliga.de-Interview