München - Ein Mann sieht rot-weiß: Als Franck Ribery am Donnerstagmittag im roten T-Shirt mit der weißen Aufschrift "Mia san rot-weiß" im Presseraum des FC Bayern München an der Säbener Straße erscheint, wirkt der französische Nationalspieler extrem fokussiert. Zwei Tage vor dem Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea (Samstag, ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) im eigenen Stadion hat der Superstar den Tunnelblick eingeschaltet.

"Ich bin 29. So ein Spiel erlebt man nicht jedes Jahr. Es ist sehr schwer, in der Champions League ins Endspiel zu kommen. Deshalb ist das sehr wichtig", erklärte der Flügelflitzer, für den es das erste Finale in der "Königsklasse" ist.

2010 bei der bitteren 0:2-Niederlage des Rekordmeisters gegen Inter Mailand blieb ihm aufgrund einer Rotsperre bloß die Zuschauerrolle - beides ist abgehakt: "Ich will nicht daran denken, zu verlieren. Zu verlieren wäre brutal. Wir haben die Meisterschaft und den Pokal verspielt, aber wenn wir die Champions League gewinnen, ist das alles vergessen."

Zwischen Anspannung und Vorfreude



Während der kleine Dribbelkünstler das "Finale dahoam" vom Stellenwert her gar "auf einer Stufe mit dem WM-Endspiel von 2006" wähnt, geht sein kongenialer Partner die Sache ein wenig gelassener an. Denn als Arjen Robben gut eine halbe Stunde vor Ribery im dunkelblauen Trainingsanzug mit orangefarbenen Streifen aufs Podium gestiegen war, hatte er schon so eine Art Gewinnerlächeln im Gesicht.

"Och, ich glaube schon...", meinte er schelmisch auf die Frage, ob er für das bevorstehende Fußball-Fest entsprechend motiviert sei. Von seiner leichten Erkältung will sich der Niederländer vor dem Duell mit seinem Ex-Club jedenfalls nicht stoppen lassen: "Wenn ich nicht 40 oder 41 Grad Fieber habe, werde ich auf dem Platz stehen, das ist sicher."

Alle Augen aufs Finale



Allein der Heimvorteil, glaubt Robben, müsse schon Ansporn genug sein, um zur Höchstform aufzulaufen. "In der Stadt wird über nichts anderes mehr geredet als über dieses Finale. Überall sieht man die Plakate. Das ist ein Supergefühl, das für uns weniger Druck als vielmehr Motivation sein muss: Wir haben die Ehre, dabei zu sein und das müssen wir auch ausstrahlen", sagte der 28-Jährige.

Das 2:5-Debakel im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund sei für die Bayern kein Thema mehr: "National war Dortmund in dieser Saison stärker als wir, das müssen wir akzeptieren und respektieren. Aber in Europa haben wir gezeigt, dass wir mit Sicherheit eine der besten Mannschaften sind. Das müssen wir am Samstag noch einmal beweisen und hoffentlich können wir dann sagen, dass wir sogar die beste Mannschaft in Europa sind. Das wäre das Größte."

Bayern müssen "Gas geben"



Mit einer ausgewogenen Mischung aus Riberys Biss und Robbens Lockerheit wollen die Münchner die "Blues" knacken - "Rib" und "Rob", das Ying und Yang der Bayern. Wenngleich das hochkarätige Mittelfeldgespann vor dem Showdown mit dem Tabellensechsten der Premier League augenscheinlich besonders im Mittelpunkt steht, bleiben die beiden Protagonisten dennoch auf dem Teppich. "Es geht nicht um uns beide, sondern um die Mannschaft und um den FC Bayern, unseren Verein", betonte Robben, bevor Ribery nachlegte: "Wir müssen alle Gas geben und alles probieren - und wenn wir danach tot sind, dann sind wir eben tot."

Unterschätzen werden die "Roten" den Rivalen aus England wohl nicht, dafür dürfte Robben, der selbst drei Jahre an der Stamford Bridge spielte, schon sorgen. Noch am Mittwochabend hatte ihn ein Mitarbeiter von Chelsea-TV eigens per SMS über die nahende Abreise der Londoner in Richtung München informiert: "The Blue Army is on its Way".

"Weiß nicht, was hier los sein wird"



Und die martialischen Worte zeigten durchaus Wirkung. "Chelsea war in den vergangenen neun Jahren schon sechs Mal im Halbfinale. Sie haben ältere Spieler als wir, für die es vielleicht die letzte Chance ist, die Champions League zu gewinnen und die entsprechend heiß sind", warnte der Linksfuß und sieht seine Mannschaft gefordert, das Spiel zu machen. "Ich glaube, sie sind defensiv gut organisiert und werden nicht voll angreifen. Das wird ein enges Spiel."

Im Grunde ist also alles angerichtet. Die Spieler sind heiß und die Stadt rot-weiß. Der Weg zum Titel führt nun über 90 oder 120 Minuten Topleistung. Und wenn dem Rekordmeister das gelingt, so Robben, "dann weiß ich nicht, was hier los sein wird".

Von der Säbener Straße berichtet Stefan Missy