Vielleicht hat Louis van Gaal an der heimischen Wohnzimmerwand ja noch ein Plätzchen frei. Wenn ja, dann könnte sich der Erfolgstrainer des FC Bayern München eigentlich eine schöne Grafik vom Bundesliga-Gipfel bei Bayer 04 Leverkusen rahmen und aufhängen.

Denn obwohl der Rekordmeister beim 1:1 in der BayArena die Chance verpasste, in der Tabelle bis auf vier Punkte vom Tabellenzweiten Schalke 04 wegzuziehen - Taktik-Guru van Gaal dürfte mit seiner Elf nicht unzufrieden gewesen sein. Denn die hielt in Leverkusen im 4-4-2-System derart diszipliniert ihre taktische Grundordnung, dass sich die Grafik der Aufstellung und die Grafik, die zeigt, wo sich die Spieler über die 90 Minuten tatsächlich auf dem Platz aufgehalten haben, kaum unterscheidet.

"Das System hängt immer von den Spielern ab"

Van Gaal fasst solch einen reifen Auftritt in seinem guten Deutsch mit niederländischem Akzent gerne mit dem Begriff der "guten Orchanisation" zusammen. Disziplin, Ballkontrolle und Organisation: Das ist der Dreiklang, den van Gaal auf dem Spielfeld haben möchte.

Wie sehr die Saisonend-Bayern diese Philosophie des Trainers inzwischen verinnerlicht haben, zeigt die Tatsache, dass sie vier Wochen vor Ende der Spielzeit immer noch die Chance auf drei Titel haben. Damit strafen sie all jene Kritiker Lügen, die während des holprigen Saisonstarts noch orakelten, dass von van Gaal bevorzugte 4-3-3 sei beim FC Bayern nicht umzusetzen.

Das hatte der Coach aber nie zwanghaft vorgehabt. "Es handelt sich dabei eher um eine Philosophie als ein System", erklärte van Gaal schon während seiner Zeit bei AZ Alkmaar seine Arbeitsweise: "Das System selbst hängt immer von den Spielern ab."

Lahm und Gomez begeistert

Ob 4-3-3 (wie bei Ajax Amsterdam), 2-3-2-3 (wie beim FC Barcelona) oder eben ein 4-4-2 (wie in Alkmaar und jetzt in München) - nicht die taktische Aufstellung, sondern die Spielintelligenz des Teams ist entscheidend. "Das taktische Einstudieren der Laufwege beziehungsweise das Stellungsspiel eines jeden Spielers ist wesentlich", erklärte van Gaal.

Mit dieser Arbeit kommt der Niederländer, der sich selbst als großen Kommunikator bezeichnet, in der bayerischen Landeshauptstadt vorzüglich voran. Die Spieler folgen seinen Ideen inzwischen bedingungslos. Sie merken, dass van Gaals Arbeit sich positiv auf die Leistung der Mannschaft auswirkt, dass der FC Bayern spielerisch etwas Eigenständiges verkörpert.

"Wir sind auf dem Weg, wie ich es immer haben wollte", sagt Philipp Lahm, der sich noch im Herbst in einem Zeitungsinterview kritisch geäußert hatte. Und auch Mario Gomez sieht die Bayern schon auf dem Weg, es dem ganz großen Vorbild im Weltfußball gleich zu tun: "Der Trainer gibt die Philosophie vor, wir haben die Spieler dafür. Barcelona ist das Idealbild - wie sie das Spiel dominieren, wie sie eine Partie bestimmen können. Daran können wir uns orientieren."

Ballkontrolle auf entscheidenden Positionen

Barcelonas Dominanz erwächst aus Ballbesitz und den schier endlosen, auf den Rasen gemalten Pass-Staffetten. Wie ein Blick in die Datenbank zeigt, befinden sich die Bayern wirklich auf den Spuren des Champions-League-Siegers. Zwar ist der durchschnittliche Ballbesitz der Münchner in der Bundesliga von 60,1 Prozent in der Vorsaison nur auf 60,2 Prozent in der aktuellen Spielzeit gestiegen. Auffällig ist aber, dass mit Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Holger Badstuber drei Münchner die Rangliste mit den meisten Ballkontakten in der Bundesliga anführen.

Ein defensiver Mittelfeldspieler (Schweinsteiger) und die beiden Außenverteidiger (Lahm, Badstuber) - auf den drei wichtigsten Positionen des modernen Fußballs haben die Bayern die von ihrem Coach geforderte Kontrolle.

Dazu kommt, dass auch die Passquoten der Bayern unter van Gaal hervorragend sind. 83 Prozent der Zuspiele erreichten in der Bundesliga den Mitspieler, in der gegnerischen Hälfte sind es immer noch 76 Prozent. Beides sind die Bestwerte der Liga. Bastian Schweinsteiger überzeugt auch hier und ist mit 80 Prozent Erfolgsquote ligaweit der beste Passgeber in der gegnerischen Hälfte.

Nerlinger schwärmt vom Trainer

Auch die vom Coach eingeforderte Disziplin spiegelt sich wider. Die Bayern sahen bislang die wenigsten Gelben Karten, kassierten die wenigsten Gegentore nach Standardsituationen und gerieten in der gesamten Saison erst ein Mal mit zwei Toren in Rückstand (beim 1:2 am 3. Spieltag in Mainz).

"Van Gaal hat eine Philosophie, die er umsetzt. Trainer mit seiner Qualität gibt es auf der ganzen Welt nur wenige", jubilierte Sportdirektor Christian Nerlinger schon vor einigen Wochen im "Münchner Merkur".

Alles was jetzt noch fehlt, um das erste Jahr der unter der Regentschaft des neuen Coachs perfekt abzuschließen, ist mindestens ein Titelgewinn. Dann müsste Louis van Gaal weiteren Platz an der Wohnzimmerwand frei machen - für ein Erinnerungsfoto mit Trophäe.


Matthias Becker

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