Zuzenhausen - Die TSG 1899 Hoffenheim hat an diesem Dienstag geschafft, in Huub Stevens den Nachfolger vom am Montag beurlaubten Markus Gisdol vorzustellen - und gleichzeitig auch schon dessen Nachfolger bekanntzugeben. Stevens wird bis zum Saisonende versuchen, den in die Krise geratenen Tabellenvorletzten vor dem Abstieg zu retten. Danach wird der 61 Jahre alte Niederländer den Verein wieder verlassen und von Julian Nagelsmann ersetzt.

Nagelsmann ist derzeit Trainer der U 19 der TSG, die er 2014 zur Deutschen Meisterschaft führte. Er gilt als großes Trainertalent, das im vergangenen Frühjahr Angebote vom FC Bayern und auch schon vorher von RB Leipzig und "vielen anderen Bundesligisten hatte", wie TSG-Sportdirektor Alexander Rosen ausführte. Nagelsmann wurde damals bei der TSG mit der Perspektive gehalten, irgendwann einmal  dort Cheftrainer werden zu können. Nun wird er es nächsten Sommer als jüngster Coach, der je einen Dreijahresvertrag als Cheftrainer in der Bundesliga unterschrieben hat.

Nagelsmann wird früher als geplant Chefcoach

Durch die Dynamik der vergangenen Tage sei nun eine Konstellation entstanden, so Rosen, in der Julian nun also früher als geplant Bundesligacoach werde. Der Stevens-Nachfolger bringe alles mit, schwärmt der Sportdirektor: "Wir sind total von Julian überzeugt." Nagelsmann werde in Ruhe seinen Fußballehrer im Laufe des Jahres machen, Interviews werde er keine geben, kündigte Rosen an. "Huub Stevens ist die Gegenwart, Julian Nagelsmann die Zukunft", sagt Rosen.

Nun heißt es also erst einmal für Huub Stevens eine völlig verunsicherte Mannschaft wieder aufzurichten. "Das ist keine leichte Aufgabe. Ich glaube, dass der Kader die Situation nicht gewohnt ist", sagte Stevens. Und fügte in seiner typisch verschmitzten Art hinzu: "Aber die Spieler müssen sich daran gewöhnen."

Stevens auf der Couch "gestört"

Er könne derzeit nicht laut werden "zu die Jungs", scherzte Stevens stark verschnupft gleich einmal bei seiner Vorstellung am Dienstagnachmittag im Trainingszentrum der TSG in Zuzenhausen. Auf Nachfrage erläuterte der Niederländer, der auch unter dem Namen, der "Knurrer von Kerkrade" bekannt ist, er habe das ironisch gemeint. Am Morgen war er aus Holland gekommen, wo ihn am Samstag der Ruf der Hoffenheimer ereilt hatte. Auf der Couch, beim Bundesligagucken, wie er witzelte.

"Der Alex hat gestört", scherzte Stevens bei der Vorstellung auf seiner achten Bundesligastation. Solche kleinen Witze entkrampfen starre Situationen. Huub Stevens weiß das. Den richtigen Moment für die richtige Ansprache zu finden, gehört zu den Qualitäten dieses Fußballtrainers, der nun zum achten Mal eine Stelle in der Bundesliga angetreten hat. Und Entkrampfung kann die verunsicherte Mannschaft der TSG sicher gut gebrauchen.

Gisdol übergibt an früheren Chef

Stevens‘ Vorgänger Markus Gisdol musste ja auch gehen, weil er es nicht geschafft hatte, der Mannschaft verlorene Leichtigkeit wieder zu geben. Vor zweieinhalb Jahren hatte Gisdol die TSG noch über die Relegation vor dem Abstieg gerettet, nun übergibt er den Club nach nur einem Sieg in zehn Spielen in dieser Runde an seinen früheren Chef. Gisdol war einst Co-Trainer von Stevens in Schalke. Nach dem trostlosen 0:1 gegen den Hamburger SV vergangenen Freitag reifte auch in Hoffenheims Sportdirektor Alexander Rosen die Erkenntnis, eine Veränderung auf dem Trainerposten vornehmen zu müssen. Ihm sei das nicht leicht gefallen, erläuterte Rosen, der im April 2013 vom Chef des Nachwuchsleistungszentrums zum Sportchef befördert worden war und mit Gisdol zunächst Erfolge feierte.

„Wir brauchen jetzt einen Mann mit Erfahrung, der die Mannschaft aufrichten und begeistern kann“, sagte Rosen nun über Stevens. Der Trainerroutinier hatte es in den vergangenen beiden Jahren geschafft, zwei Mal den VfB Stuttgart vor dem Abstieg zu bewahren. Seine Expertise als Retter ist hervorragend. Und in Hoffenheim könnte ihm sein altes Motto aus Schalker Zeiten behilflich sein, der Mannschaft Stabilität zu verleihen: „Hinten muss die Null stehen.“

Stevens: "Müssen ein Team werden"

Ein Problem der Elf unter Gisdol war seit Monaten, dass sie zu oft in den letzten Minuten Gegentore bekam, die wichtige Punkte kosteten. "Ich habe den Jungs gesagt, dass wir alle ein Team werden müssen", erzählte Stevens, der kurz vor seiner Vorstellung das erste Mal mit den Spielern gesprochen hatte. Um 16 Uhr leitete er am Dienstag sein erstes Training. Stevens ist zu erfahren, um nicht vor Überraschungen gefeit zu sein. Dennoch hält er den Kader der TSG für gut genug, um aus dem Tabellenkeller herauszukommen.

"Ich glaube schon, dass die Mannschaft da nicht hingehört", sagt er. In den nächsten Tagen will er sich einen Überblick über die Verfassung der Spieler auch in Einzelgesprächen verschaffen. Ob er mit Vorgänger Gisdol telefonieren werde, der ja einst in Schalke sein Assistent war, wisse er noch nicht, so Stevens. Am kommenden Wochenende spielt die TSG beim 1. FC Köln. Leicht wird es nicht, Nationalstürmer Kevin Volland fehlt beim FC ebenso gesperrt wie Innenverteidiger Ermin Bicakcic.

Aus Zuzenhausen berichtet Tobias Schächter