Hertha BSC steckt tief in der Krise. Nach 14 Spieltagen steht die Mannschaft von Chef-Coach Friedhelm Funkel auf dem 18. und damit letzten Tabellenplatz. Noch besteht aber Hoffnung für die Herthaner.

Vor den Spielen gegen Ventspils und Schalke sprach bundesliga.de mit dem ehemaligen Hertha-Profi und gebürtigen Berliner Marko Rehmer über die Lage der Hauptstädter und wie die Mannschaft den Klassenerhalt noch packen kann. Zudem äußerte sich Rehmer zu Friedhelm Funkel, unter dem er in seinen beiden letzten Jahren als Profi bei Eintracht Frankfurt trainierte. Außerdem verrät er, warum die Mannschaft das Europa-League-Spiel in Ventspils (ab 20:50 Uhr im Live-Ticker) völlig befreit angehen kann.

bundesliga.de: Herr Rehmer, leiden Sie derzeit mit Ihrem Ex-Club Hertha?

Marko Rehmer: Auf jeden Fall. Soweit es die Zeit erlaubt, bin ich auch immer im Stadion und schaue mir die Spiele an. Und ich wünsche mir natürlich nichts mehr, als dass Hertha da unten raus kommt.

bundesliga.de: Sie kennen auch Trainer Friedhelm Funkel aus gemeinsamen Zeiten bei Eintracht Frankfurt. Was zeichnet ihn besonders für die Rolle des "Feuerwehrmanns" aus?

Rehmer: Er kennt sich mit der Situation Abstiegskampf am besten aus und weiß, wie er jeden Spieler speziell ansprechen muss. Er ist ein Trainer, der viel mit den Spielern spricht und sich mehrere Meinungen einholt. Aber er kann auch dazwischen hauen, wenn es mal nicht so läuft. Jetzt muss man schnellstmöglich die Tugenden rausholen, die man im Abstiegskampf braucht. Ich weiß nicht, ob schon jeder Spieler begriffen hat, worum es im Moment geht. Aber wer es jetzt nicht versteht, der kann auch zuhause bleiben.

bundesliga.de: Nach 14 Spieltagen nur ein Sieg und fünf Punkte auf dem Konto: Noch nie hat eine Mannschaft mit einer solchen Bilanz den Klassenerhalt geschafft. Warum reißt die Hertha das Ruder noch herum?

Rehmer: Es hängt natürlich viel davon ab, wie der Rest der Hinrunde läuft. Wobei man gegen Schalke, München und Leverkusen nicht unbedingt damit rechnen sollte, Punkte zu holen. Aber hoffen kann man ja, und in der Rückrunde muss das Team dann eine Serie starten. Dazu ist die Mannschaft auch auf jeden Fall in der Lage. Ich würde mich freuen, wenn sie es schaffen.

bundesliga.de: Vergangene Saison wurde Berlin Vierter, einen Rang hinter dem VfB Stuttgart. In dieser Runde sind beide Clubs am Tabellenende zu finden. Ist das Zufall?

Rehmer: Das kam ja schon öfter vor, dass Mannschaften, die ein Jahr oben mitgespielt haben, sich dann in der Folgesaison sehr schwer getan haben. Bei Hertha heißt es oft, dass drei wichtige Abgänge zu verkraften seien, aber der Kern der Mannschaft steht eigentlich. Mit Sicherheit waren es drei wichtige Spieler, die gewechselt sind: Josip Simunic hinten in der Abwehr und vorne mit Andrej Voronin und Marco Pantelic zwei treffsichere Stürmer. Aber das alleine ist nicht der Grund.

bundesliga.de: Sondern?

Rehmer: Klar konnten gerade in der vergangenen Saison viele Spiele gewonnen werden, etliche davon allerdings auch glücklich. Hertha war nicht immer die bessere Mannschaft, aber die Siege wurden eingefahren - das fehlt jetzt einfach. Man sieht ganz klar, wie verunsichert die Mannschaft ist. Sie versucht, offensiv zu spielen und sich nichts anmerken zu lassen. Aber dann gibt es ein Gegentor, und die Körpersprache lässt nach.

bundesliga.de: Welchem Spieler aus dem aktuellem Kader trauen Sie es zu, die Mannschaft mitzureißen?

Rehmer: Ich würde nicht sagen, dass das von einzelnen Personen abhängt. Denn der, der die Mannschaft mitreißen kann, hätte sich schon längst zeigen müssen. Gerade gegen Frankfurt ist mir aufgefallen, dass die Truppe leblos war. Es müssen sich jetzt einfach mal alle Spieler an einen Tisch setzen, Klartext sprechen und dann als Mannschaft wieder rauskommen. Vielleicht fehlen auch einfach ein paar Typen, die dazwischenfunken, aber jetzt ist die ganze Mannschaft gefordert.

bundesliga.de: Sie haben noch zusammen mit Hertha-Geschäftsführer Michael Preetz gespielt. Was zeichnet Ihn aus und warum ist er der richtige Mann für Berlin?

Rehmer: Das ist natürlich sehr schwer für ihn, dass er jetzt direkt in eine solche Situation reingeraten ist. So hat er sich das sicherlich nicht vorgestellt, aber wichtig ist, dass er ruhig bleibt und nicht irgendwelche Sprüche macht. Michael geht sachlich an die Sache ran, er weiß aber auch, wie ernst die Lage ist. Und wenn Hertha, wovon ich mal ausgehe, am Ende der Saison nicht absteigt, dann hat er diese Krise gemeistert und daraus sicherlich viel für seine weitere Tätigkeit gelernt.

bundesliga.de: Am Donnerstagabend treten die Berliner in der Europa League in Lettland bei Ventspils an. Mit einem Sieg kann die Hertha immerhin einen großen Schritt in Richtung nächster Runde machen. Was erwarten Sie von diesem Spiel?

Rehmer: In die Partie kann Berlin eigentlich ohne Druck rangehen. Man sieht, dass beim Team in den Ligaspielen eine Blockade vorhanden ist, wenn es wirklich wichtig ist, Punkte einzufahren. Gerade aufgrund der Verletzungssorgen werden viele junge Spieler zum Einsatz kommen und sich ins Rampenlicht spielen wollen, um dann eben auch in der Bundesliga ihr Können zu zeigen. Deswegen denke ich, dass Hertha ein gutes Spiel abliefern und in Ventspils punkten oder einen Sieg holen wird. Aber in der jetzigen Lage ist das völlig zweitrangig. Der Fokus muss definitiv auf der Bundesliga liegen.

bundesliga.de: Sind die Europapokalpartien nicht eine zusätzliche Belastung?

Rehmer: Nein. Da kann man wirklich ganz unbeschwert rangehen, mit freiem Kopf einfach ein schönes Spiel machen und sich sagen: Wenn wir verlieren, dann verlieren wir halt. Das kann man in der Bundesliga nicht machen. Dort müssen die Spieler jetzt einfach punkten.

bundesliga.de:. Wie muss die Hertha am Sonntag auf Schalke auftreten, um mit Punkten nach Hause fahren zu können?

Rehmer: Die berühmten Abstiegskampf-Tugenden Leidenschaft und Kampfgeist müssen gezeigt werden. Die Mannschaft muss mit mehr Leben auftreten und weiter versuchen, offensiver zu spielen. Je mehr man sich hinten reinstellt, umso mehr bettelt man um ein Gegentor. Die Schalker sind natürlich trotz der Niederlage in Gladbach gut drauf und wollen vor eigenem Publikum drei Punkte holen. Wichtig wäre es für die Hertha, mal zu Null zu spielen und auch nach vorne Akzente zu setzen. Und ganz wichtig ist, dass die Mannschaft bis zum Umfallen kämpft, denn die Situation ist schon sehr, sehr kritisch.

Das Gespräch führte Sebastian Bisch