München - Der VfB Stuttgart hat unter seinem neuen Trainer Jens Keller mit dem Auswärtspunkt beim FC Schalke 04 den ersten Schritt aus der Krise gemacht. Die Schwaben lagen dabei in Führung und hatten in der Schlussminute durch Pogrebnyak sogar nochmals die große Möglichkeit, für ein perfekten Einstand von Keller zu sorgen.

Trotz der Punkteteilung ist der Auftritt beim Champions-League-Teilnehmer aus dem Ruhrgebiet nach zuvor drei Niederlagen in Folge dennoch als positiv zu bewerten - doch was hat sich im Spiel des VfB wirklich verändert? Wo genau hat Jens Keller den Hebel angesetzt? bundesliga.de hat die letzte Partie unter Gross und das erste Spiel unter Keller analysiert.

Die für die Zuschauer offensichtlichste Veränderung war natürlich schon klar, bevor der Ball in der Veltins-Arena überhaupt rollte. Gleich viermal hatte Keller die VfB-Startelf umgebaut. Zwangsläufig musste dabei der rotgesperrte Delpierre pausieren – Niedermeier ersetzte ihn.

Keine Angst vor unpopulären Entscheidungen

Neu im Team waren außerdem Arthur Boka für Cristian Molinaro als Linksverteidiger sowie Timo Gebhart für Bah im Mittelfeld. Die größte Überraschung bot sich im Sturm, wo Pavel Pogrebnyak Ciprian Marica Platz machen musste.

Keller outete sich also gleich als ein Anführer, der nicht vor unpopulären Entscheidungen zurückschreckt um seine Ziele zu erreichen. Immerhin ist der Russe mit fünf Saisontreffern bisher Stuttgarts bei weitem bester Schütze und hatte auch im Heimpspiel gegen Frankfurt eingenetzt.

Keller entschied sich für Marica, der bisher nur ein Saisontor auf dem Konto hat. Der Rumäne passte vom Typ her besser in Kellers Spielauffassung, mit der er S04 knacken wollte: Obwohl mit Marica und Cacau zwei echte Stürmer auf dem Spielberichtsbogen standen, agierte Marica weit vor Cacau als einzige echte Spitze.

Steht Keller für geballte Defensive?

Überhaupt stand Kellers Elf gegen Schalke viel tiefer gestaffelt, als es unter Gross beim VfB generell der Fall war. Im Spieldurchschnitt hielten sich nur Marica und Cacau länger in der gegnerischen Hälfte auf als in der eigenen – bei der Niederlage gegen Frankfurt traf dies noch auf sechs Stuttgarter zu. Kellers VfB schaltete sehr schnell um und war nach Vorstößen meist sofort wieder sortiert.

Selbst dem Ex-Stürmer Fredi Bobic imponierte die schwäbische Defensivstärke gegen die "Königsblauen": "Das war eine sehr gute Leistung, wir sind kompakt gestanden."

Eine gut strukturierte Defensive scheint dem ehemaligen Abwehrspieler Keller über alles zu gehen. So lobte er zwar das Defensivverhalten in Halbzeit eins, war aber mit der zweiten Hälfte unzufrieden. "Aus meiner Sicht haben wir eine gute Partie abgeliefert und vor der Halbzeit kaum Chancen zugelassen. Nach dem Seitenwechsel haben bei uns allerdings etwas die Kraft und vor allem die Ordnung gefehlt."

Effizienz ist das Schlüsselwort

Eine starke Defensive bedeutet allerdings nicht, dass Stuttgart unter Keller nicht offensiv denkt. Zwar ergaben sich aus der zurückgezogeneren Grundhaltung weniger Torchancen, aber diejenigen, die sich die Schwaben heraus spielten, waren von höherer Qualität. 77 Prozent der Torversuche des VfB gingen auf den gegnerischen Kasten – gegen Frankfurt lag diese Quote noch bei 36 Prozent.

Wenig zulassen, viel erreichen. Den maximalen Erfolg bei relativ kleinem Aufwand – unter dieser Maxime könnte man Kellers Debüt zusammenfassen, wäre ihm tatsächlich ein Sieg geglückt. Im Vergleich zum letzten Auftritt unter Gross (45 Prozent) erstpielte sich Stuttgart deutlich weniger Ballbesitz – nur 39 Prozent. Dennoch spricht der Punktgewinn beim Favoriten aus Schalke für Keller.

Über die Außen zum Erfolg

Gerade über die Außen hat sich einiges getan im ersten Match unter Kellers Regie. Seine beiden Neuen auf zwei Außenpositionen im Team, Boka und Gebhart, waren beim 1:0 Vorbereiter und Torschütze. Das Tor nach einer Flanke und auch hier zeigt sich Kellers Effizienz: Bokas Hereingabe war eine von nur acht Stuttgarter Flanken – gegen Frankfurt schlug das Team sage und schreibe 33 Hereingaben und verlor am Ende trotzdem.Vor allem der zweite Treffer durch Martin Harnik aber verdeutlichte Kellers schnell ausgelegte Spielweise.

Im Stile der deutschen Nationalmannschaft knackte Stuttgart die Schalker Defensive mit einem gut getimten Vertikalpass im richtigen Moment; auch dieser Angriff ging über außen. Trotz der monumentalen Anzahl von 33 meist ineffizienten Hereingaben spielte sich das Stuttgarter Angriffspiel bei Gross' letztem Einsatz nicht auf die Außen verteilt, sondern stark linkslastig und zentral ab. 41 Prozent der Offensivaktionen des VfB liefen über links, nur 26 Prozent über die rechte Seite.

Keller belebte die Außen sichtlich – Boka und Gebhart fügten sich gut ein und sorgten für eine gleichmäßige Angriffsverteilung von 37 Prozent über links und 38 Prozent über rechts. Allgemein lief das Spiel also um 8 Prozent häufiger über außen, kam mit weniger erfolglosen Flanken aus und führte einmal öfter zum Torerfolg. Nicht umsonst gestand Schakes Coach Magath nach der Partie ein: "Auf den Außenpositionen sind wir noch zu anfällig."

Träsch ist im Zentrum am Wertvollsten

Der letzte Puzzlestein von Kellers schnell organisierten Umstellungen betrifft Nationalspieler Christian Träsch. In den sieben Saisonspielen unter Gross agierte Träsch nur einmal auf seiner angestammten Position im defensiven Mittelfeld. Genau dorthin stellte ihn auch Keller – mit Erfolg. Träsch war die dominante Figur im VfB-Spiel, hatte meisten Ballkontakte aller Stuttgarter (64) und brachte 86 Prozent der Pässe zum Mann.

Auch Träsch selbst stellte nach dem Spiel klar, dass er sich in dieser Rolle am wohlsten fühlt. "Ich bin ganz froh, dass ich auf dieser Position spielen durfte. Im Mittelfeld ist man im Zentrum des Spiels, hat die meisten Bälle. Da kann man in der Regel auch mehr Einfluss auf das Spiel nehmen als als Außenverteidiger."

Letztlich kann man natürlich aus einem einzigen Spiel unter neuer Regie nicht mit absoluter Sicherheit feststellen, ob Stuttgart nun eine ganz andere Mannschaft ist, die das Zeug dazu hat, mit einer Serie das aufholen kann, was sie in den ersten Partien hat liegen lassen. Dennoch lässt sich zumindest Kellers Marschroute herauslesen: Mit Effizienz und über die Außen zum Erfolg. Bestätigen sich die positiven Ansätze des ersten Keller-Spiels, geht es für den VfB schnell wieder nach oben.


Christoph Gschoßmann