Neapel - Sein zweiter italienischer Anlauf gerierte sich zweifelsohne kuscheliger. Rafael Benitez unterschrieb Ende Mai einen Zweijahres-Vertrag beim SSC Neapel, obwohl der Spanier den Stiefel in keiner guten Erinnerung besaß. Die Entscheidung war im wirren Trainer-Geflecht recht mutig. Benitez galt als zweite Wahl hinter Dortmunds Jürgen Klopp, bei dem sich Napoli-Patron Aurelio De Laurentiis jedoch zuvor eine Absage eingehandelt hatte.

Erst dann wählten die Süditaliener den 53-Jährigen, der gerade ein sechsmonatiges Intermezzo bei Chelsea hinter sich hatte. Dort gewann Benitez zwar die Europa League, wurde wegen seiner alten Fehde mit dem dortigen Idol Jose Mourinho allerdings stets verachtet. Nichts wirklich Neues, denn 2010 folgte Benitez aus Liverpool auf die portugiesische Nemesis beim frischen Triple-Sieger Inter Mailand und erlebte das gleiche Schicksal.

"Don Rafae" der Hoffnungsträger



Psycho-Stratege Mourinho hinterließ Benitez damals feixend eine der kompliziertesten Anstellungen im europäischen Fußball: Mourinho-Nachfolger. Kaum ein Tag verging, an dem Passquote, Tore oder Punkte nicht mit den Mou-Richtwerten verglichen wurden. Bisweilen fürchtet man um die Adern im runden Bubengesicht des Spaniers, wenn ein Interview mal wieder mit dem Namen des portugiesischen Magiers startete - bereits im Dezember 2010 ergriff Benitez zornig die Flucht aus Italien.

Nun trifft er zum zweiten Mal auf Jürgen Klopp, der eigentlich auf seinem Platz hätte sitzen können, und würde sich mit einem Remis vorzeitig für das Achtelfinale qualifizieren. Dann hätte der Spanier im ohnehin schon ekstatischen Champions-League-Rausch der neapolitanischen Tifosi seinen Platz in der Galerie bereits sicher.

Es ist erst die zweite Teilnahme an der europäischen Eliteklasse seit der goldenen Maradona-Ära, die 1991 endete, und deshalb begrüßte man Benitez stürmisch als "Don Rafaè" und schickte in wenigen Tagen über tausend Einträge auf dessen offizielle Homepage, was sich der Spanier denn zuerst in Neapel ansehen solle, und wo er die beste Pizza genießen könne.

"Napoli ist unvergleichbar"



Benitez gewann in der Vergangenheit zwei Mal die Europa- und ein Mal die Champions League - das macht den Neapolitanern immense Hoffnung. "Ich dachte, ich hätte das Nonplusultra der Euphorie in Liverpool erlebt. Doch Napoli ist tatsächlich unvergleichbar", gestand der Spanier.

Für das neue 4-2-3-1 modelte er fast die Hälfte der Startelf um, unter anderem kamen Raul Albiol, Jose Callejon und Gonzalo Higuain aus Madrid. "Mit Don Rafaè und Higuain kommen wir wieder an Europas Spitze", frohlockte einer der Fanklub-Präsidenten.

Benitez hingegen bremst den süditalienischen Rausch. Er ist weder Entertainer noch chancenreicher Anwärter auf die Rolle als Armani-Testimonial, sondern sachlich, fundierter Fußball-Lehrer mit fatalem Bedürfnis nach Schokolade. Er ging durch die Jugendschule von Real Madrid, als Fan sah er im Estadio Bernabeu 1976 sein damaliges Idol Franz Beckenbauer spielen. Ansonsten imponierten ihm die Real-Gastarbeiter Uli Stielike und Günter Netzer.

Der "Priester" mit dem Notizblock



Mit 20 beendete eine Knieverletzung seine aktive Karriere und Benitez widmete sich dem Trainerjob. Acht Jahre arbeitete er als Coach für den Real-Nachwuchs, arbeitete zusammen mit Vicente Del Bosque und hospitierte nebenher in England, Frankreich, Italien und den Niederlanden. "Die größte Inspiration gaben mir Arrigo Sacchi und Fabio Capello - bei ihnen schrieb ich etliche meiner Notizbücher voll", sagt Benitez, den die Valencia-Spieler "Priester" tauften, weil er auf dem Trainingsgelände in seine Notizen vertieft umherschlich als seien sie ein Gebetstext.

In Valencia feierte er mit zwei Meisterschaften und einem Uefa-Pokal die ersten wichtigen Erfolge, obwohl ein Funktionär des Vereins bei der Verpflichtung des Trainers 2001 gehöhnt hatte: "Ich kenne nur einen Benitez - den berühmten Torero Manuel, el Cordobés!" In seinen sechs Jahren Liverpool führte der Spanier den Verein zwei Mal ins Endspiel der Champions League, 2005 triumphierte er im Elfmeterschießen, nachdem Liverpool zur Pause gegen den AC Mailand 0:3 hinten gelegen hatte.

Mit 13 Jahren schenkte ihm der Papa einen Notizblock und Rafael Benitez begann, Daten und Formationen zu verewigen. Er vergab auch Noten, sich selbst stets einen glatten Einser. Dieses Gutachten würde er liebend gern auch seinem Team am Dienstagabend in Dortmund ausstellen.

Oliver Birkner