London - Erst zeigte sich Bundestrainer Joachim Löw ungewohnt angriffslustig, dann überraschte er die Nationalspieler mit einer der ungewöhnlichsten Aktionen in der 113-jährigen Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes: Zum Abschlusstraining vor dem Klassiker am Dienstag gegen England (ab 20:45 Uhr im Live-Ticker) reiste das DFB-Team auf Löws Weisung hin wie der gewöhnliche Londoner per U-Bahn - das Verkehrschaos auf den Straßen der britischen Metropole wollte der Perfektionist tunlichst vermeiden.

Der DFB betonte, dass es sich bei diesem Gang unter die Erde weder um einen PR-Gag, noch um eine Aktion anlässlich der 150-Jahr-Feier des englischen Fußball-Verbandes FA und auch nicht der U-Bahn, die stündlich von 315.000 Menschen benutzt wird, gehandelt habe - für Aufsehen sorgte das prominente Reisegrüppchen dennoch. Schließlich nahm der Fußball-Bund am Montagabend die entsprechende Meldung zum "Tube-Trip" von Per Mertesacker und Co. kurzerhand von seiner Homepage - die unterirdische, 42 Minuten lange Rückreise sollte nicht von deutschen Fans gestört werden.

"War für mich immer klar, zu experimentieren"



Tief unter der Londoner Erde besserte sich dann auch Löws Laune. Die war nämlich zuvor noch genauso schlecht wie das englische Herbstwetter gewesen - und das lag nicht nur an den Nachwirkungen der schweren Knieverletzung von Sami Khedira. Den Bundestrainer nerven Schlagzeilen in England über seine personellen Entscheidungen vor dem Duell mit den Three Lions.

"Für mich ist das noch einmal die Gelegenheit, auf Schlüsselpositionen den ein oder anderen Spieler zu testen. Deshalb war es für mich immer klar, zu experimentieren. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir mit einer B-Mannschaft antreten und respektlos mit dem Gastgeber umgehen", verteidigte Löw mit Nachdruck seine geplanten Experimente im Prestigeduell.

2008 habe England in Berlin auch einmal ohne Wayne Rooney, Steven Gerard und Frank Lampard gespielt, führte Löw weiter aus und konterte so am Montag in der Bücherei des noblen Hotels "The Royal Horseguard" unweit vom Buckingham Palace entsprechende Fragen. "Tiefschlag von Löw! Deutschland brüskiert England", hatte etwa der Daily Mirror kritisiert und Löw so verärgert.

Acht Veränderungen geplant



Die Engländer haben offenbar das Gefühl, vom Bundestrainer nicht ernst genommen zu werden, da dieser trotz erheblicher Verletzungssorgen auf Kapitän Philipp Lahm, Mesut Özil und Manuel Neuer freiwillig verzichtet und die DFB-Auswahl vier Tage nach dem 1:1 in Italien rigoros umbauen wird. "Es wird einige Wechsel geben, zwangsläufig schon", meinte Löw. Möglicherweise stehen gleich acht Veränderungen an. Nur Benedikt Höwedes, Toni Kroos und Mats Hummels
könnten ihren Platz in der Startelf behalten.

Sicher ist, dass Roman Weidenfeller sein Debüt in der Nationalelf feiern wird und mit 33 Jahren und 106 Tagen zum ältesten Torwart-Debütanten der DFB-Historie avanciert. "Das hat er sich verdient. Er ist eine gereifte Persönlichkeit", lobte Löw. Zudem werden der wiedergenesene Per Mertesacker, Marco Reus, Marcel Schmelzer und Sven Bender beginnen. Der Dortmunder wird Khedira ersetzen, der nach seinem Kreuzbandriss im rechten Knie um die WM bangen muss.

Der Ausfall des Stars von Real Madrid ist im Kreis des DFB-Teams nach wie vor Thema. "Was die Situation noch leicht überschattet, ist die Verletzung von Sami. Es wird noch viel darüber gesprochen", sagte Löw, war aber mit Blick auf die WM in Brasilien um Zuversicht bemüht. "Er ist eine Kämpfernatur, wenn es einer schaffen kann, dann Sami Khedira. Er wird alles daransetzen."

"England verfügt über große Klasse"



Auch wenn England zuletzt 0:2 gegen Chile verloren hat und nicht unbedingt zum Favoritenkreis in Brasilien gezählt wird, hält der Bundestrainer große Stücke auf das Team von Roy Hodgson: "England gehört immer noch zu den großen Fußball-Nationen, verfügt über große Klasse. Die Mannschaft spielt mit unheimlicher Wucht und Dynamik." Vor allem aber hinterlasse sein Kollege Hodgson auf seinen Stationen immer "tiefe Spuren".

Ungewohnt verlief für die deutschen Stars indes am Montag die Anreise zum Abschlusstraining. Um dem Londoner Verkehrschaos zu entgehen, ließ der DFB-Tross seinen Bus stehen und machte sich wie gewöhnliche Pendler mit der "Tube", der Londoner U-Bahn, in Richtung Wembley auf. Fahrzeit: 42 Minuten - inklusive Umsteigen.


Die voraussichtliche deutsche Mannschaftsaufstellung:

Weidenfeller - Höwedes, Mertesacker, Hummels, Schmelzer - Kroos, Sven Bender - Sam, Draxler, Reus - Kruse