Der Jüngste ist 17 Jahre, sein erfahrenster Kollege 40 Jahre älter. Beiden gemeinsam ist die ehrenamtliche Tätigkeit für ihren Bundesliga-Club. Schüler René Ambiel bringt den blinden und sehbehinderten Fans der TSG Hoffenheim als Live-Audio-Reporter das Geschehen bei Heimspielen näher, Paul Beßler geht der gleichen Aufgabe mit viel Leidenschaft auf den Blindenplätzen beim VfL Wolfsburg nach.

Der Großteil der Clubs aus der Bundesliga und 2. Bundesliga bietet diesen Live-Service für ihre Fans auf den Blindenplätzen inzwischen an. Der Startschuss fiel vor fast genau zehn Jahren in Leverkusen: Bayer 04 setzte den ersten Live-Reporter am 15. Oktober 1999 beim Heimspiel gegen den SSV Ulm ein.

Live-Reportage mit Feedback der Kollegen

Die DFL Deutsche Fußball Liga GmbH unterstützt und fördert die Reporter bei ihrer anspruchsvollen Aufgabe. Bereits zum zweiten Mal fand am 14. und 15. November ein Reporter-Seminar in der Sportschule Kamen-Kaiserau statt: die Qualitätsoffensive "Mit den Ohren sehen".

Beim ersten Seminar im Januar 2009 standen die Schulung der Fußballregeln durch den Ex-FIFA-Schiedsrichter Hellmut Krug, bei der DFL zuständig für das Schiedsrichterwesen, und viele Tipps aus der Praxis von Radio-"Legende" Manfred Breuckmann im Zentrum der Fortbildung. Diesmal gaben die Audio-Reporter in mehreren Kleingruppen Kostproben ihrer Übertragungskunst, um sich anschließend dem Feedback der Kollegen zu stellen.

Hohes Niveau

Broder-Jürgen Trede, der als Dozent an der Uni Hamburg die ersten systematischen und wissenschaftlichen Analysen der Live-Reportagen für Blinde und Sehbehinderte durchführte, hatte zusammen mit den DFL Fankoordinatoren Thomas Schneider und Marco Rühmann verschiedene Video-Sequenzen aus Bundesliga-Spielen vorbereitet.

"Es ist erheblich schwieriger, ein Bundesliga-Spiel zu reportieren, das als Video über den Computer läuft. Die Live-Reporter sehen nur einen kleinen Spielausschnitt, während sie sonst im vertrauten Stadion sitzen und die ganze Atmosphäre erleben und an die Blinden und Sehbehinderten weitergeben können. Und trotzdem war das Niveau der Reportagen ganz hervorragend", lobte Schneider.

Lob von den "Sehhunden"

Ein Urteil, dem sich die wahren "Experten" nur anschließen konnten. Regina Hillmann und Nina Schweppe, die Vorsitzenden des "Fanclubs Sehhunde", bestätigten das durchweg hohe Niveau der Übertragungskunst. Seit 1991 organisieren sich bei den "Sehhunden" blinde und sehbehinderte Fußballfans aller Vereine von der Bundesliga bis zur Kreisklasse. Die "Sehhunde" haben entscheidenden Anteil daran, dass Clubs der Bundesliga und der 2. Bundesliga Hörfunk-Reportagen anbieten.

Der wichtigste Unterschied zur gewohnten Radio-Reportage besteht darin, dass die Blinden und Sehbehinderten eine kontinuierliche und konkrete Nennung der Orte des Spielgeschehens benötigen: Über welche Seite läuft der Angriff, wo steht der ballführende Spieler, wie groß ist die Torentfernung? "Verortung" heißt der Fachausdruck, und der richtige Umgang mit der Verortung während der Live-Reportagen wurde in einem anderen Workshop herausgearbeitet.

Sensibilisierungseinheiten für Live-Reporter

Weitere Höhepunkte für die Teilnehmer waren zwei Sensibilisierungseinheiten, in denen die Teilnehmer die Umwelt von Blinden und Sehbehinderten Menschen hautnah miterleben konnten. "Diese Aufgaben sensibilisieren die Reporter noch stärker, wie Blinde und Sehbehinderte die Umwelt sowie ihre Sinne wahrnehmen und verarbeiten", erklärte Marco Rühmann.

Thomas Schneider sprach allen Teilnehmern ein großes Lob aus und bedankte sich im Namen der DFL: "Wir wissen, dass fast alle Blinden-Reporter ehrenamtlich arbeiten. Das ist keineswegs selbstverständlich und das verdient große Anerkennung."

Stefan Kusche