München - Für die meisten Spieler von Hertha BSC dürfte die bevorstehende Auswärtspartie beim großen FC Bayern München zu den Highlights der Saison gehören - für vier Hauptstädter bedeutet der Auftritt in der Allianz Arena weit mehr. Das Duell mit dem Rekordmeister ist eine Reise in die eigene Vergangenheit.

Vor allem für Trainer Markus Babbel, der seine Profikarriere als gebürtiger Münchner in der Jugendabteilung an der Säbener Straße startete und ganze 16 Jahre im Trikot der Bayern auflief. Eine Erfolgsgeschichte, an deren Ende anno 2000 drei Deutsche Meisterschaften (1997, 1999, 2000), zwei DFB-Pokale (1998, 2000) und der UEFA-Cup (1996) standen, nicht zu vergessen der EM-Titel 1996 als Stammspieler der Nationalmannschaft.

Die Berliner Balance stimmt

Wenngleich Babbel danach in seiner Laufbahn auch für andere namhafte Vereine wie den FC Liverpool und den VfB Stuttgart aktiv war, dürfte die Bayern-Ära den 39-Jährigen gewiss am stärksten geprägt haben. Bestimmte Wesenszüge, das vielzitierte "Bayern-Gen" lassen sich jedenfalls nicht leugnen: Da wäre an erster Stelle natürlich seine schlicht und einfach enorm erfolgreiche Arbeit zu nennen. Nach dem bitteren Abstieg 2010 führte der Ex-Nationalspieler die "Alte Dame" zum direkten Wiederaufstieg und belegt momentan mit dem Aufsteiger den 10. Platz.

Zudem lässt Babbel die Berliner keineswegs mauern, sondern mutig nach vorne spielen, setzt stets auf eine ausgewogene Balance aus Spiel- und Zweikampfstärke. Mit 83 Prozent angekommenen Pässen und an die 52 Prozent gewonnenen Duellen ist die Hertha ganz vorne dabei und kommt den Bayern - gleichwohl nur statistisch - schon gefährlich nahe.

Mit Realismus und Rotation

Bei aller Euphorie um den gelungenen Saisonstart neigt Babbel gleichzeitig aber nicht dazu, abzuheben. Gesundes Selbstbewusstsein ja, Größenwahn jedoch nein. Klares Ziel ist und bleibt bis auf weiteres der Klassenerhalt. Dafür schreckt der erklärte Liebhaber gitarrenlastiger Rockmusik selbst vor unpopulären Maßnahmen in Sachen Mannschaftsaufstellung nicht zurück - auch das Rotationsprinzip ist gewissermaßen ein Relikt aus seiner Zeit in München.

Mit Recht verschont davon bleiben bis dato meist Außenverteidiger Christian Lell, Mittelfeldmotor Andreas Ottl und Keeper Thomas Kraft - drei Leistungsträger mit Vorgeschichte in Reihen des Rekordmeisters, durch deren Verpflichtung der Chefcoach sein Team spürbar stabilisiert hat. Den Sprung von Statisten beim "Stern des Südens" zu Hauptdarstellern in der Hauptstadt bewältigt das Trio bislang spielend.

Hungrige Herthaner

"Wir haben das Potenzial, um uns in diesem Jahr in der Bundesliga zu etablieren", erklärte Ottl, der es in der bayrischen Landeshauptstadt in der vergangenen Saison bloß auf 15 Spiele brachte. "Hertha ist ein Verein mit großer Tradition und ich bin überzeugt davon, dass wir auf Sicht von ein paar Jahren das Potenzial haben, um uns für das internationale Geschäft zu qualifizieren. Das ist mein Ziel."

Wie seine beiden alten und neuen Kollegen Lell und Kraft bringt der 26-Jährige neben taktischem und technischen Niveau sowie internationaler Erfahrung ausgesprochenen Einsatzwillen und Erfolgshunger mit, sprich Lust auf Fußball. Nachdem der Wechsel zur "Alten Dame" für die drei eine Art Neuanfang war, wartet mit der Rückkehr zur einstigen Wirkungsstätte nun eine ernsthafte Reifeprüfung.

Mit breiter Brust gegen die Bayern

Auch wenn die Bilanz im Vorfeld deutlich gegen die Berliner spricht, die schon seit 34 Jahren nicht mehr in der Isarmetropole gewonnen haben, ist Kraft vor dieser schweren Aufgabe nicht Bange: "Wir wollen jedes Spiel gewinnen, auch das gegen die Bayern", meinte der 23-Jährige zur "BZ". "Dass es schwer wird, steht außer Frage. Aber wenn wir kompakt stehen und schnell kontern, können wir auch in München siegen."

Das sieht auch Babbel so: "Für die Bayern ist die Partie nichts Besonderes, doch wir fahren nicht dahin, um einfach nur den Sparringspartner abzugeben. Das wird ein Bonusspiel für uns. Wir haben nichts zu verlieren." Mit anderen Worten, das "Bayern-Gen" verliert man auch durch Vereinswechsel nicht.


Stefan Missy