Fast sah es so aus, als wiederhole sich Geschichte doch. Exakt am gleichen Spieltag wie im Vorjahr mit dem VfL Wolfsburg hatte Felix Magath diesmal mit Schalke 04 die Tabellenspitze gestürmt.

Eine Nacht standen die "Königsblauen" nach ihrem Sieg über Stuttgart ganz oben, dann rückten die Bayern die Rangordnung wieder zurecht. Und der Trainer sah sich bestätigt, dass großer Jubel fehl am Platze ist: "Wer unser Spiel gesehen hat, kann schlecht in Euphorie ausbrechen."

"Treffer wie der von Edu sind keine Leistung, sondern Glück"

Natürlich gehört es schon seit Wochen zu Magaths Taktik, die eigene Mannschaft eher klein zu reden, Druck von ihr zu nehmen und Hochstimmung ebenso wie Selbstzufriedenheit gar nicht erst aufkommen zu lassen. Aber seine Aussagen sind nicht nur Kalkül - Magath ist auch Realist.

Er weiß, dass zu Siegen wie über den VfB Stuttgart ein Stückweit auch Glück gehört. "Das war bisher immer haarscharf. Unsere Spiele sind immer so eng, dass auch der Gegner gewinnen könnte", meint der 56-Jährige.

"Treffer wie der von Edu sind keine Leistung, sondern Glück. Wir mussten auch gegen Stuttgart über 90 Minuten zittern." Dass es am Ende doch für drei weitere Zähler reichte, lag neben Fortunas Hilfe vor allem an drei Faktoren. Und die sind ein Spiegelbild der gesamten Saison.

Hinten Neuer, vorne Kuranyi

Zum einen kann Schalke sich auf Manuel Neuer verlassen, der auch gegen den VfB einige Male glänzend parierte und "uns einmal mehr ein Spiel gewonnen hat", wie Magath lobt. Dazu stellt der Revierverein weiterhin mit nur 20 Gegentreffern die beste Abwehr der Liga - Kompaktheit ist Trumpf. Dabei sind Heiko Westermann, Benedikt Höwedes und Co. nicht nur defensivstark, sondern bei Standards auch torgefährlich.

Und dann wäre da noch Kevin Kuranyi - der Torjäger hat bereits 14 Treffer auf seinem Konto. "Wenn man hinten stabil steht und vorne einen Mann hat, der immer für ein Tor gut ist, dann reicht es halt oftmals für drei Punkte", meint Felix Magath. Kritik schwingt dabei allerdings nicht nur als Unterton mit: "Wir spielen am Limit."

Was den Trainer wurmt: Spielerisch kann Schalke mit den Spitzenteams der Liga nicht mithalten. Die "Knappen" müssen sich ihre Siege und Punkte zumeist erarbeiten. Auch darum weist der Wolfsburger Meistermacher jeden Vergleich mit seiner alten Mannschaft aus dem Vorjahr weit von sich: "Das ist gar nicht möglich. Die Wolfsburger Mannschaft war auch offensivstark und hat ihre Siege nicht nur erkämpft. Sie hat auch nach vorne stark gespielt - davon sind wir auf Schalke noch entfernt."

"Die Atmosphäre bringt uns tatsächlich Punkte"

Gerade weil es spielerisch aber hakt und vieles über Arbeit und Kampf geht, kommt dem Publikum auf Schalke eine große Bedeutung zu. Neben Glück und Defensivstärke ist es die Stimmung im Stadion, die auch Felix Magath zu den Erfolgsgeheimnissen des Schalker Höhenfluges zählt: "Begeisterung ist das, was wir brauchen und was der Mannschaft hilft. Gerade bei einer so jungen Mannschaft ist das die halbe Miete. Die Anfeuerung gibt uns die Kraft, auch gegen bessere Mannschaften wie Stuttgart dagegen zu halten."

Und das mit handfesten Ergebnissen, ist der Trainer überzeugt: "Ohne diese Stimmung wären wir nicht so weit oben. Die Atmosphäre bringt uns tatsächlich Punkte."

Harte Brocken warten

Da trifft es sich eher schlecht, dass der FC Schalke jetzt gleich zwei Mal in Folge auswärts antreten muss. In den vier Auswärtspartien dieses Jahres konnte sich die Elf bei einer Niederlage und zwei Remis nur ein Mal durchsetzen. Dass die kommenden Gegner Hamburger SV und Bayer Leverkusen heißen, macht die Aufgabe nicht leichter.

Nach diesen Spielen und dem Auftritt im heimischen Stadion gegen den FC Bayern "wissen wir dann schon eher, wo wir stehen", vermutet Felix Magath. Sollte seine Mannschaft sich auch gegen diese Teams durchsetzen, länger als 22 Stunden an der Tabellenspitze stehen und richtige Ekstase entfachen, hat der Trainerfuchs aber schon einmal vorbeugend auf die Euphoriebremse getreten: "In der Bundesliga muss man auch gegen den 17. und 18. aufpassen - vor allem wir, weil eben spielerisch bei uns nicht so viel geht."

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte