Viele Fragen stellen sich in diesen Tagen die Kiebitze im KSC-Trainingslager in Baiersbronn: Wie verkraftet der Karlsruher Sport-Club die Abgänge des Kapitäns Mario Eggimann zu Hannover 96 und des Leistungsträgers Tamas Hajnal zu Borussia Dortmund sowie die dreimonatige Verletzungspause von Andreas Görlitz? Kann Maik Franz sein Temperament als neuer Kapitän zügeln und wann platzt bei Edmond Kapllani endlich der Knoten?

Edmund Becker ficht das alles nichts an, er sieht der zweiten Bundesliga-Saison nach Rang 11 im Endklassement der vergangenen Saison gelassen entgegen. In Stuttgarts Mittelfeldspieler Antonio da Silva glaubt Becker einen ähnlichen Spielertypen wie Hajnal gefunden zu haben: "Da Silva ist ein sehr guter Zuspieler und super Fußballer. Zudem ist er von der Mentalität noch impulsiver als Hajnal und wir versprechen uns durch ihn mehr Torgefahr bei den Standardsituationen."

Auch in Tim Sebastian sieht der 51-Jährige das sportliche Äquivalent zu Mario Eggimann: "Tim Sebastian hat schon in Rostock gezeigt, dass er ein sehr guter Innenverteidiger ist. Darüber hinaus ist er auch im Mittelfeld und als rechter Außenverteidiger einsetzbar." Entwicklungspotenzial sieht der KSC-Trainer lediglich in Sebastians noch etwas schüchternem Auftreten.

Mit Celozzi ins "kalte Wasser"

Das Karlsruher "Urgestein" gibt im Gespräch mit bundesliga.de preis, dass Sebastian "nicht unbedingt von Bayern München, sondern von Hansa Rostock gekommen" sei, doch Becker baut auf den Faktor Zeit. Schließlich habe auch Mario Eggimann lange gebraucht, bis er sich den Stellenwert erarbeitet habe, den der Kapitän inne hatte, als er den Verein gen Hannover verließ.

Sorgenfalten in Beckers Gesicht treibt zurzeit lediglich der Innenbandanriss von Andreas Görlitz. Zwar sieht er in Stefano Celozzi, dem 19-jährigen Neuzugang aus der Regionalliga-Mannschaft von Bayern München, einen "Fußballer mit großer Perspektive", den er "durchaus einmal von Beginn an ins kalte Wasser schmeißen" wolle, doch ob dieser den Rechtsverteidiger auf Anhieb sportlich gleichwertig ersetzen kann, bleibt zumindest fraglich.

"Franz spielt mit großer Leidenschaft"

Für Aufsehen sorgte in der Saison-Vorbereitung die Impulsivität von Maik Franz. Bei einem Trainingsturnier in der Sportschule Schöneck erwischte der Innenverteidiger den Ersatztorhüter Jeff Kornetzky bei einer Grätsche versehentlich am Fuß. Danach kam es zu einem Handgemenge, doch Franz entschuldigte sich im Nachhinein bei seinem Teamkollegen. Der Boulevard machte dann viel Wirbel um diese Szene, doch die Situation war eine Stunde später bereits wieder ausgeräumt.

Der Karlsruher Trainer verteidigte seinen Schützling, den er am Montag im Trainingslager in Baiersbronn sogar vor Stellvertreter Christian Eichner zum neuen Kapitän bestimmte: "Maik Franz ist eben ein Typ, der mit sehr großer Leidenschaft Fußball spielt und auch eine gewisse Aggressivität mitbringt. Man kann nicht sagen: Du, jetzt gib aber mal nur 95 Prozent. Zwischenzeitlich schießt man dann eben auch mal über das Ziel hinaus. Ein van Bommel, Matthäus, Kahn oder Effenberg haben in ihrer Karriere auch öfter über das Ziel hinausgeschossen."

Authentischer Teamgeist

In gewisser Weise ist Becker auch stolz, dass ein Typ wie Franz neuer Karlsruher Spielführer ist: "Wir brauchen genau diesen Typ. Ab und an muss er Dinge vielleicht noch ein bisschen besser kanalisieren, aber prinzipiell brauchen wir diesen "Aggressiv-Leader" genauso wie Bayern Mark van Bommel braucht."

Auch die Mannschaft ist froh, dass ihr "Aggressiv-Leader" so ist, wie er ist, denn auch bei Freizeit-Veranstaltungen, die den Teamgeist stärken - wie letzte Saison das Kartenspiel nach dem Training, der gemeinsame Kochkurs oder die Fahrt auf der Gokart-Bahn - ist Franz oft der federführende Organisator. Und der gewaltige KSC-Teamgeist wird von vielen auch als das Erfolgsgeheimnis der letzten Saison bezeichnet. "Ede" Becker braucht dabei nicht einmal einzugreifen und solche Aktionen künstlich von außen aufzuoktruieren, denn "wichtig ist, dass dieser Impuls aus dem Team kommt. Nur dann sind solche Maßnahmen auch authentisch."

"Kapllani muss sich verbessern"

Nur so konnte in der letzten Saison auch die Ladehemmung des so erfolgreichen Torjägers der 2. Bundesliga, Edmond Kapllani, kompensiert werden. Nur zwei Mal traf der Albaner in 28 Einsätzen - in der Zweitliga-Saison 2006/07 hatte der Torjäger noch 17 Mal ins Netz getroffen. Durch den großen Zusammenhalt und dadurch, dass einer wie Mittelfeldspieler Sebastian Freis mit acht Saisontoren in die Bresche sprang, konnte die Formschwäche Kapllanis kompensiert werden. Am Ende standen zu Saisonbeginn der Bundesliga von vielen Experten nicht für möglich gehaltene 43 Punkte für den KSC zu Buche.

Trotz dieser letztlich positiven Ausbeute macht Becker deutlich, dass er sich besonders von Kapllani eine Steigerung erwartet: "Er hat vielleicht gedacht, dass es in der Bundesliga so weitergeht wie in der 2. Bundesliga, aber in der Bundesliga besteht natürlich eine ganz andere Qualität, was die Abwehrspieler anbelangt. Da muss man versuchen, sich zu verbessern." Dass Kapllani das Zeug dazu hat, bewies er mit seinen fünf Toren beim 13:0-Testspielsieg gegen den Verbandsligisten VfB Bühl.

Die Mission "40plus"

Hoffnung für Beckers Saisonziel "40 plus" - mit dieser Punktzahl wäre der Klassenerhalt wohl abermals gesichert - macht Kapllanis Frühform auf jeden Fall, denn wenn dem albanischen Nationalspieler ein ähnlicher Coup in der Bundesliga gelingen würde, hätte er die Hälfte seines Solls auf einen Schlag erfüllt.

Schließlich gibt Becker für die Mission "40plus" schon mal folgende Marschroute für Kapllani, Kennedy und Co. vor: "Das Ziel eines Stürmers sollte es sein, im zweistelligen Bereich zu liegen. Egal in welcher Liga."

Jean-Charles Fays