Köln - Warum konnten Schalke 04, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach und der VfL Wolfsburg die großen Erwartungen in dieser Saison noch nicht erfüllen? Wem ist in der Restsaison noch die große Aufholjagd zuzutrauen. Das kann Ex-Profi Mike Hanke beurteilen, der bei drei dieser vier Vereine selbst gespielt hat und in 284 Bundesliga-Spielen für Schalke, Wolfsburg, Hannover 96, Mönchengladbach und den SC Freiburg 57 Tore erzielte. Der 12-fache Nationalspieler legt sich im Interview mit bundesliga.de fest.

bundesliga.de: Herr Hanke, bei Schalke 04 gab es vor der Saison einen Neustart auf mehreren Ebenen: Neuer Vorstand Sport, neuer Trainer, neue Spieler. Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund die Schalker Leistungen im ersten Halbjahr ein?

Mike Hanke: Ich glaube, die Fans sehen, dass sich etwas bewegt und dass es Zeit braucht, wenn ein neuer Manager und ein neuer Trainer kommen. Das muss sich erst einspielen. Sie haben auch eine gute Mannschaft, die sich in der Rückrunde fangen wird. Schalke hat schon zum Ende der Hinrunde gute Leistungen gezeigt und ordentlich Punkte geholt. Sie werden in Richtung der Europapokalplätze schielen können.

bundesliga.de: Die Knappen haben in der Winterpause personell nachgelegt und Holger Badstuber und Guido Burgstaller geholt. Werden diese Spieler Schalke weiterbringen?

Hanke: Badstuber auf jeden Fall. Ich hoffe, dass er verletzungsfrei bleibt und durchspielen kann. Wenn er in den Rhythmus kommt, kann er der Mannschaft weiterhelfen.

bundesliga.de: Der VfL Wolfsburg hat 2016 insgesamt ein schlechtes Jahr erlebt. Das fing bereits in der Rückrunde der vergangenen Saison an, setzte sich fort und gipfelte in den Entlassungen von Trainer Dieter Hecking und Geschäftsführer Klaus Allofs. Was erwarten Sie von Wolfsburg in diesem Jahr?

Hanke: Ich sehe keine solche Entwicklung wie bei Schalke. Trotzdem wird sich der VfL fangen und im Mittelfeld landen, zumal Mario Gomez jetzt wieder trifft.

"Hecking packt die Kehrtwende"

© imago / Horstmüller

bundesliga.de: Borussia Mönchengladbach hat eigentlich einen sehr guten Saisonstart hingelegt und ist dann aus der Spur geraten. Wo liegen bei den Fohlen die Probleme?

Hanke: In Mönchengladbach hat die Mannschaft zuletzt die neue Struktur des Trainer Andre Schubert nicht so richtig angenommen. Ich glaube, dass sich Dieter Hecking, den ich sehr gut kenne, in seiner Persönlichkeit enorm weiterentwickelt hat. Er hat in Wolfsburg einen Riesenjob erledigt. Er wird die Mittel finden, um die Mannschaft zu packen und die Kehrtwende schaffen. Die Borussia wird nichts mit dem Abstieg zu tun haben.

bundesliga.de: Welche Gründe für den Absturz von Platz 3 aus der Vorsaison in die Abstiegsregionen lassen sich finden? Wurde Granit Xhaka nicht adäquat ersetzt?

Hanke: Einen Granit Xhaka kann man in seiner Art und mit seiner Physis nicht eins zu eins ersetzen. Letztendlich haben sie starke Leute für die Sechser-Position mit Christoph Kramer, mit Tony Jantschke, der dort auch schon gespielt hat, oder Tobias Strobl. Die genauen Gründe für die Talfahrt kann ich auch nicht anführen. Schubert hat nach dem Abgang von Lucien Favre das Spielsystem übernommen und fortgeführt. Mit einem Unterschied: Favre ließ die Mannschaft zurückgezogener spielen, Schubert wollte, dass die Mannschaft vorne mehr draufgeht, was auch die Mannschaft wollte. Mehr Änderungen hat er nicht vorgenommen. Irgendwann ist aber nach meinem Eindruck alles eingeschlafen. Die Mannschaft wirkte müde. Ich glaube, der Trainerwechsel war jetzt richtig.

bundesliga.de: Die Borussia spielt am Samstag beim Tabellenletzten Darmstadt 98. Ist ein Sieg dort bereits Pflicht?

Hanke: Normalerweise sind drei Punkte Pflicht. Aber in Darmstadt müsste sich Gladbach auch mal mit einem Punkt zufrieden geben. Im Winter in Darmstadt auf diesem Rasen zu spielen, ist immer schwierig. Ich bin echt gespannt auf das Spiel.

Video: Bayer und Chicharito wollen mehr

bundesliga.de: Für Bayer 04 Leverkusen haben Sie selbst nicht gespielt, aber die Entwicklung dort dürften Sie auch verfolgt haben. Eigentlich dachte man, dass die eingespielte Werkself, die vor der Saison zusammengeblieben ist und sogar noch verstärkt wurde, die Spitze angreifen könnte. Warum hat das nicht geklappt?

Hanke: Wenn man einmal im Negativstrudel drin ist, wird es schwer, da wieder rauszukommen. Das sieht man symptomatisch an den vielen verschossenen Elfmetern. Trotzdem glaube ich, dass Leverkusen sich in der Rückrunde berappeln und oben angreifen wird.

bundesliga.de: Ist es Zufall, dass es in dieser Saison diese vier prominenten Vereine erwischt hat und auch eine Mannschaft wie Borussia Dortmund als Sechster die eigenen Erwartungen noch nicht erfüllt hat?

Hanke: Ich glaube, dass die Europameisterschaft eine Rolle gespielt haben kann. Die Spieler, die dabei waren, müssen erst wieder ihren Rhythmus finden. Sie hatten nicht richtig Urlaub. Nach jedem großen Turnier gibt es immer wieder solche Probleme.

bundesliga.de: Letzte Frage: Was macht Mike Hanke aktuell?

Hanke: Ich bin in der Weisweiler-Traditionsmannschaft sehr gut aufgehoben. Wir haben am Wochenende beim Hallenturnier in Berlin den Turniersieg eingefahren. Bei uns läuft's. (lacht)

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski