München - Wenn in Deutschland der Name Nadal fällt, denkt jeder an Rafael Nadal, einen der besten Tennisspieler der Geschichte und ohne Zweifel einen der weltbesten Sportler der letzten Jahre. Fußballkenner wissen aber auch, dass es davor einen anderen, sehr erfolgreichen Nadal gab: Miguel Angel Nadal.

Der heute 47-jährige Onkel von Rafael war einer der besten Innenverteidiger in der spanischen Fußballgeschichte. Der 1,90 Meter große Hüne spielte unter anderem von 1991 bis 1999 beim FC Barcelona, wurde mit den Katalanen fünf Mal Meister, zwei Mal Pokalsieger, holte 1992 den Landesmeisterpokal und 1997 den Pokal der Pokalsieger. Er bestritt für Spanien 62 Länderspiele, nahm unter anderem an der WM 1994 in den USA teil. Mit bundesliga.de spricht der gebürtige Mallorquiner über die spanische Nationalmannschaft, die DFB-Elf und einen ehemaligen Mannschaftskollegen - den heutigen Bayern-Trainer Pep Guardiola.

bundesliga.de: Herr Nadal, Sie sind momentan weltweit viel unterwegs, seitdem Sie für Ihren Neffen Rafael Nadal beratend tätig sind. Ich habe Sie gleich beim ersten Anruf erreicht. Wo erwische ich Sie gerade?

Miguel Angel Nadal: Da haben Sie Glück gehabt. Ich bin gerade in meiner Heimatstadt Manacor auf Mallorca. Sie als Deutscher waren doch bestimmt schonmal hier. Ich habe mal gelesen, dass es seitens Ihrer Landsleute das meistangeflogene Urlaubsziel weltweit ist. Seien Sie ehrlich, Mallorca ist ein Traum, eine wunderschöne Insel.

bundesliga.de: Sprechen Sie denn auch schon ein bisschen Deutsch, die erste "inoffizielle" Sprache der Balearen?

Nadal: Nein (lacht). Hier sind an erster und zweiter Stelle Katalanisch und Spanisch. Deutsch ist mittlerweile an dritter Stelle. Aber ganz ehrlich: Die Deutschen, die nach Mallorca kommen, könnten ab und zu auch ein bisschen Spanisch lernen, oder?

bundesliga.de: Da ist etwas dran! Aber jetzt in medias res - die WM steht vor der Tür. Sie haben selbst als ehemaliger Nationalspieler WM-Erfahrung und weiterhin viele gute Kontakte im spanischen Fußball. Viele fragen sich auch speziell in Deutschland, wie es um den Weltmeister steht. Wie sehen Sie aktuell die Verfassung der Roja vor der WM am Zuckerhut?

Nadal: Diese Saison war sehr lang und anstrengend. Vergessen Sie bitte nicht, dass der Meisterschaftskampf bis zum letzten Spieltag andauerte, da mussten die Spieler der Topteams bis zuletzt alles geben, und sowas, da spreche ich aus eigener Erfahrung, hinterlässt natürlich auch Ermüdungserscheinungen. Jetzt ist es sehr wichtig, sich so schnell wie möglich zu regenerieren. Spanien muss von seinem Potenzial her zu den WM-Favoriten gehören, auch wenn es natürlich eine Herkulesaufgabe ist, einen WM-Titel zu holen .

bundesliga.de: Ein Großteil des WM Kaders besteht aus Spielern des FC Barcelona. Experten in Spanien behaupten, dass einige der Blaugrana wie zum Beispiel Xavi, Fabregas, Jordi Alba oder Pique weit weg von ihrer Topform sind, eine ihrer schwächsten Saisons gespielt haben. Sollte es so sein, könnte dies ein Handicap für ein gutes Abschneiden der Iberer bei der WM sein?

Nadal: Der FC Barcelona hat nicht auf dem Topniveau anderer Saisons gespielt, die große Mehrheit der Spieler hat nicht die Leistungen erbracht, die man von ihr erwarten konnte. Es kann sein, dass manche diesen Leistungsabfall mit in die WM schleppen, andererseits ist so ein Turnier natürlich auch was ganz Spezielles. Viele steigen als Weltmeister in das Turnier ein, da werden sie die Zähne zusammenbeißen, da will man der Weltöffentlichkeit alles zeigen. Die meisten Barcaspieler werden ein akzeptables und entsprechendes Leistungsniveau offerieren.

bundesliga.de: Was ist denn für Sie das Prunkstück der Furia Roja? Ist es der Angriff und das Offensivspiel mit Topspielern wie Silva, Torres, Pedro, Negredo oder Llorente?

Nadal: Das Erfolgsgeheimnis der spanischen Nationalmannschaft ist ohne Zweifel der Ballbesitz und das überragende Passspiel, auch auf engstem Raum. Dies wird weiterhin die Spielphilosophie sein. Wichtig ist es aber auch, zum Abschluss zu kommen, dafür verfügt del Bosque über schnelle, technisch starke Spieler. Generell werden der Spielrhythmus und das Tempo bei der WM etwas geringer sein, das kommt den Spaniern entgegen. Spanien wird versuchen, speziell im Mittelfeld ein Übergewicht zu schaffen, aber es stimmt schon, dass Spanien offensiv sehr gut ausgestattet ist.

bundesliga.de: Die Spanier haben international wieder mal fast alles abgeräumt. Der FC Sevilla hat die Europa League gewonnen, der Champions-League-Titel ging in einem spanischen Finale an Real Madrid. Inwieweit kommen diese Vereinserfolge einem möglichen erfolgreichen WM-Abschneiden der Spanier entgegen?

Nadal: Die spanische Liga ist bärenstark, ohne Zweifel. Doch ich warne davor, diese Erfolge eng mit der Nationalmannschaft zu verbinden. Sie dürfen nicht vergessen, dass viele Topleistungsträger der Nobelclubs Ausländer sind. Bei Real zum Beispiel spielen die Ronaldos, Bales, Benzemas, di Marias, Marcelos, Pepes, usw. Deswegen muss man das relativieren. Diese Cluberfolge sind nicht unbedingt ein Schub für das Nationalteam. Bei Atletico ist es genau das gleiche. Ein bunter Haufen mit Spielern aus vielen Ländern.

bundesliga.de: Wenn es eine Nationalmannschaftsikone momentan gibt, ist es sicherlich Torwart Iker Casillas, mittlerweile 33 Jahre alt und schon 153 Länderspiele auf dem Buckel, damit auch Rekordnationalspieler. Erstaunlich allerdings, dass er in der Meisterschaft nicht gesetzt ist, trotzdem hält Vicente del Bosque an ihm fest. Wie bewerten Sie seine aktuelle Situation und sein Standing in der Seleccion?

Nadal: Er hat sich das Vertrauen des Nationaltrainers über die Jahre hinweg erarbeitet, unabhängig von der kuriosen und gewöhnungsbedürftigen Situation bei Real Madrid. Es ist aber auch nicht so, dass er nicht gespielt hätte. Zum Glück für ihn wurde er sowohl im Pokal als auch in der Champions League eingesetzt. Casillas ist natürlich ein Mann mit sehr viel Gewicht im Kader, vor ihm hat man großen Respekt. Für ihn ist die WM ohne Zweifel nochmal ein Ansporn, zu versuchen, Fußballgeschichte zu schreiben. 

bundesliga.de: Schauen wir 20 Jahre zurück. Damals standen sie im Kader bei der WM in den USA. Unvergessen für die spanischen Fans das legendäre Viertelfinale gegen Italien, als man sehr unglücklich mit 1:2 verlor, sie spielten die 90 Minuten durch. Spanien hatte ein Weltklasseteam mit Topleuten wie Zubizarreta, Bakero, Sergi, Luis Enrique oder Goicoechea. Trotzdem hat es damals auch wieder nicht erreicht für den ganz großen Erfolg. Wo sehen Sie die Gründe für die vielen Rückschläge der Spanier bis zum EM-Erfolg 2008?

Nadal: So ist leider der Fußball. Manchmal hat man das Gefühl, dass man das Pech sucht. Es stimmt, dass wir recht oft aus unterschiedlichen Gründen im Viertelfinale ausgeschieden sind. Unsere Mannschaft damals hatte mit Sicherheit das Potenzial, um weiter zu kommen. Das ist aber auch schon anderen Nationalmannschaften passiert, machnmal gibt es auch außersportliche Gründe, die einem Erfolg im Weg stehen. Glück gehört auch dazu. Bei der EM 2008 wurde der Viertelfinalsfluch gegen Italien auch erst im Elfmeterschießen vertrieben.

bundesliga.de: Wo sehen Sie die Schwachpunkte der Spanier?

Nadal: Sportlich sehe ich keine großen Problemzonen, eher noch im mentalen Bereich. Als Titelverteidiger ist der Druck für unser Land auch um einiges größer, da ist die Erwaltungshaltung auch enorm. Viele erwarten von Spanien wieder einen ganz großen Erfolg, sowas kann die Spieler auch von Beginn an belasten, mit dieser Situation muss man umgehen können. Wichtig ist es, mit Erfolgen in die WM zu starten, das stärkt enorm das Selbstbewusstsein und den Glauben an sich selbst. Wie Sie wissen, ist das erste Spiel das Endspiel der letzten WM, es geht gegen die Niederlande.

bundesliga.de: Die deutsche Nationalmannschaft wird von vielen Seiten als einer der großen Titelfavoriten gesehen. Wie schätzen Sie persönlich das Potenzial und die Titelchancen des dreimaligen Weltmeisters ein?

Nadal: Obwohl sich die deutsche Nationalmannschaft in den letzten Jahren technisch erheblich verbessert hat, verfügt sie weiterhin über ein körperbetontes Spiel, das war immer eines der Pluspunkte. Im mentalen Bereich waren sie auch sehr oft kaum zu schlagen, sie haben immer gewusst, was sie wollten. Auf dem amerikanischen Kontinent hat nie eine europäische Mannschaft gewonnen, da muss man abwarten, wie ein mitteleuropäisches Team mit den Wetter- und Temperaturverhältnissen in Brasilien umgeht. Bei diesem Turnier ist es nicht viel anders als früher: Die Favoriten kann man an einer Hand abzählen, und dazu gehört auch Deutschland, nicht nur wegen seiner WM Erfolge .

bundesliga.de: In Deutschland gibt es getrennte Meinungen über die Zusammensetzung des Kaders. Gibt es bei der DFB-Elf einen Spieler, den Sie fußballerisch besonders mögen? Wer ist Ihr deutscher Lieblingsspieler?

Nadal: Das kann ich Ihnen genau sagen: Toni Kroos. Ein Riese! Der gefällt mir gut! Ein sensationeller Spieler! Er imponiert mir sehr! Kroos hat eine exzellente Ballbehandlung, eine große Spielübersicht und einen sehr guten Abschluss. Ein sehr kompletter Spieler auf Weltklasseniveau!

bundesliga.de: Sie sind immer noch eng verwurzelt mit Ihrem Ex-Club, dem FC Barcelona, haben sehr gute Kontakte zu den Verantwortlichen. Jetzt wurde der Wechsel von Marc-Andre ter Stegen offiziell bestätigt. Ist das einer, der sich dort durchsetzen kann? Was halten Sie persönlich von ihm?

Nadal: Stellen Sie sich vor, der Junge ist erst 22 jahre alt. Das zeigt, dass Barcelona langfristig plant und in die Zukunft investiert. Er passt von seiner Spielanlage her zum FC Barcelona und erfüllt die Bedingungen, um dort zu bestehen .

bundesliga.de: Sie haben viele Jahre lang sowohl im Verein wie auch in der Nationalmannschaft mit Pep Guardiola zusammen gespielt. Da hatten Sie natürlich ganz andere Einblicke in das Innenleben des aktuellen Cheftrainers der Münchner Bayern. Wie tickt Pep wirklich? Was macht ihn aus? Was ist das für ein Typ?

Nadal: Ich habe Pep als ziemlich transparenten Typ kennengelernt. Er hat immer sehr viel von sich selbst verlangt, speziell bei der Arbeit. Er arbeitet nicht nur im Fußball, er liebt Fußball, lässt nichts unversucht für den Erfolg. Ich bin gut mit ihm befreundet. Er ist ein guter Mensch mit vielen Emotionen, ein Familienmensch. Er hat so viele Erfolge errungen und ist trotzdem Mensch geblieben . 

bundesliga.de: Sie sagten eben, dass Sie mit Pep gut befreundet sind und weiterhin Kontakt zu ihm halten. Haben Sie das Gefühl, dass Guardiola glücklich bei den Bayern ist? 

Nadal: Absolut. Für Pep war es wichtig, nach seinem Weggang vom FC Barcelona den richtigen Club auszuwählen. Der Club musste seine Ansprüche erfüllen. Der FC Bayern ist eine der besten Fußballadressen der Welt.

Das Gespräch führte Miguel Guttierrez