Dortmund - Der BVB ist das Maß aller Dinge in der Bundesliga, der Herbsttitel rückt mit großen Schritten näher - doch das Wort mit "M" bleibt bei Spielern, Trainer und Verantwortlichen weiterhin ein traumhaftes Tabu.

Schon am Freitagabend nach dem 2:0-Sieg über den Hamburger SV stand fest: der BVB bleibt spitze. Und Geschäftsführer Hans-Joachim lächelte zufrieden. "Ich werde jetzt das ganze Wochenende auf dem Sofa liegen, mir alle anderen Spiele in Ruhe angucken und die Situation einfach nur genießen."

"Wir bauen keine Luftschlösse"

Es ist das Höchste der Gefühle, was sich Angestellte des Ballspielvereins Borussia in diesen Tagen an offizieller Euphorie gönnen. Auch nach dem Erfolg über den HSV - dem zehnten Saisonsieg - bleibt Enthusiasmus und Ekstase ein Privileg der feiernden Fans.

So leidenschaftlich sie kämpfen, so schön sie spielen, so erfolgreich sie punkten - genauso unaufgeregt und gelassen gehen die Dortmunder mit allen meisterlichen Perspektiven um. Titelträume sind tabu. Oder um es noch einmal mit dem BVB-Boss zu sagen: "Wichtig ist, dass die Verantwortlichen einen kühlen Kopf bewahren. Wir bauen bestimmt keine Luftschlösser."

Natürlich ist Watzke ebenso wie Jürgen Klopp und Michael Zorc nicht verborgen geblieben, dass die Herbstmeisterschaft von Woche zu Woche realistischere Gestalt annimmt - und das mit Recht. Der BVB ist nach dem FC Bayern erst der zweite Verein in der Geschichte der Bundesliga, der an den ersten zwölf Spieltagen zehn Mal gewann. Sieben Punkte Vorsprung sind ein sicheres Polster, zumal mit der der besten Abwehr der Liga - die seit drei Partien die Null hält - und dem besten Sturm der Liga.

Ohne Rucksack in die weitere Saison

Und doch meiden sie das M-Wort wie der Teufel das Weihwasser. Bloß keine zusätzliche Belastung aufbauen für die junge Elf, heißt die Losung der Stunde. "Wir genießen den Augenblick, aber wir wollen den Jungs keinen Rucksack aufbinden", gewährt Watzke einen Einblick in die Strategie. Den Druck so gut wie möglich fern- und die Spielfreude damit erhalten, so lautet das Ziel.

Bisher geht das Konzept auf. Die "schwarz-gelben" Protagonisten auf dem grünen Rasen zeigten sich auch während der 90 Minuten gegen den HSV beeindruckend unbeeindruckt von aller Euphorie. Im Gegenteil: Die Mannschaft bewies, dass sie nicht nur leidenschaftlichen Vollgas-Fußball zelebrieren kann. Geduldig und diszipliniert kaufte man dem HSV den Schneid ab, ließ nichts zu, wartete ab - und erhöhte dann unwiderstehlich das Tempo. "Intelligent spielen", nennt Watzke das.

"Erstaunlich uneuphorisch"

Ebenso souverän wie im Spiel geben sich die Spieler auch abseits des Rasens. Selbstvertrauen ja, Selbstüberschätzung nein. "Wir sind erstaunlich uneuphorisch. Wir sind zwar glücklich und zielstrebig, wissen aber, dass man auch verlieren kann. Und das wollen wir tunlichst vermeiden", meint Mats Hummels.

Eine Aussage, die auch Hans-Joachim Watzke gerne hört. Doch an der charakterlichen Reife seiner jungen Spieler lässt der BVB-Geschäftsführer ohnehin keinen Zweifel. Und das verkündet er im Gegensatz zu allen vermeintlichen Titelambitionen auch ganz offen: "Die Jungs sind alle unglaublich auf dem Boden. Die holen sich gegenseitig zurück auf den Boden, sobald es nötig wird. Und sie stacheln sich genauso gegenseitig an."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte.