Mönchengladbach - Das 0:5 von Borussia Mönchengladbach bei Bayer 04 Leverkusen war im elften Bundesliga-Spiel seiner Amtszeit der erste wirkliche Dämpfer für Borussia-Trainer André Schubert. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Schubert über die Gründe für die deutliche Niederlage, über die herausragenden zurückliegenden Wochen und über seine ganz eigene Vorstellung von Fußball.

bundesliga.de: Herr Schubert, seit genau drei Monaten ist das Leben der Borussia, ihrer Fans und nicht zuletzt Ihr eigenes nicht mehr wie zuvor. Was haben die vergangenen drei Monate mit Ihnen gemacht?

André Schubert: Mein Leben hat sich gar nicht so sehr verändert, ich habe auch davor bei Borussia Mönchengladbach gearbeitet (lacht). Sicherlich hat sich die Arbeit insofern verändert, dass sie auf einer anderen, einer höheren Ebene stattfindet. Der Mitarbeiterstab ist wesentlich größer als das im U23-Bereich der Fall ist, man trifft in der Bundesliga und in der Champions League auf Gegner von einem ganz anderen Kaliber. Und natürlich bringt die Arbeit ein ganz anderes Ausmaß an Öffentlichkeit mit sich.

bundesliga.de: Ein Ausmaß, das Sie innerhalb weniger Wochen vom "normalen" Fußball-Trainer zur "Superglatze", zum "Jahrhundert-Interimstrainer" und - dank des Sieges gegen den FC Bayern München - zu "Peps Kryptonit" gemacht hat. Hat Sie dieses Ausmaß bisweilen geängstigt?

Schubert: Was sollte mich da ängstigen?! Auch in Hamburg, wo ich beim FC St. Pauli gearbeitet habe, gibt es eine relativ große Medienlandschaft, wahrscheinlich größer als die in Mönchengladbach oder in Düsseldorf. Wenn man in der Bundesliga Trainer ist, weiß man, was einen möglicherweise erwarten könnte. Ich mache meinen Job und konzentriere mich auf Fußball, auch wenn ich nun mehr Medientermine habe. Das ist den Erfolgen geschuldet, die wir in den vergangenen Monaten feiern konnten. Für mich war es faszinierend zu sehen, wie die Spieler dieses hohe Niveau Woche für Woche abrufen konnten.

bundesliga.de: Erst beim 0:5 in Leverkusen, dem elften Bundesliga-Spiel und gleichzeitig der ersten Bundesliga-Niederlage unter Ihrer Regie, gelang das nicht. Welche Gründe sehen Sie für diese in der Höhe besonders deutliche Niederlage?

Schubert: Wir haben dem Gegner voll in die Karten gespielt und vieles nicht richtig gemacht.  Das hat richtig wehgetan in Leverkusen! Wir haben eine tolle Serie gespielt, aber man merkt, dass die Kräfte so langsam nachlassen. Jetzt müssen wir uns nochmal zusammenreißen.

bundesliga.de: Mit Ausnahme des Leverkusen-Spiels hat Borussia in den vergangenen Wochen wunderschönen, an die großen Zeiten der Fohlenelf erinnernden Fußball gezeigt. War dabei eine gewisse defensive Verletzbarkeit einkalkuliert, oder fehlte bisher die Zeit zur Feinabstimmung?

Schubert: In den ersten acht, neun Spielen haben wir nicht ein einziges Tor aus dem Spielverlauf heraus bekommen. Wir haben unser Spiel zwar deutlich nach vorne verlagert, zumindest in der Anfangszeit aber nicht an defensiver Stabilität eingebüßt.

bundesliga.de: In den Bundesliga-Spielen der vergangenen drei, vier Wochen aber, gegen Hannover, Hoffenheim oder Bayern München, kam der Gegner durchaus aus dem Spiel heraus zu vielen Chancen...

Schubert: Das ist richtig. Da haben wir auch Tore aus dem Spiel heraus kassiert. Das liegt aber weniger an der Art unseres Fußballs, als vielmehr daran, dass wir den einen oder anderen Ausfall nicht mehr kompensieren konnten und können. Unsere Spielweise ist heute keine andere als in den ersten acht oder neun Spielen. Irgendwann aber verliert man durch diese Ausfälle einfach auch Qualität. Nach vorne haben wir das noch ganz gut auffangen können, defensiv aber ist uns das nicht mehr so gut gelungen.

bundesliga.de: Tatsächlich konnte man den Ausfall von potenziellen Offensivspielern weit besser verkraften. Wie werden Sie darauf in der Winterpause reagieren?

Schubert: Wenn es Möglichkeiten gibt, unseren Kader zu verstärken, die machbar und sinnvoll sind, werden wir etwas unternehmen. Auf gar keinen Fall aber werden wir Verpflichtungen nur für das gute Gewissen und zur Beruhigung der Öffentlichkeit tätigen. Wir müssen sehr überzeugt sein, wenn wir etwas machen. Sie sprechen das Missverhältnis zwischen Defensive und Offensive an: Martin Stranzl fehlte uns schon längere Zeit. Alvaro Dominguez, der in den ersten sechs, sieben Spielen ganz wichtig für uns war, fällt seit einigen Wochen aus. Wir mussten also viel improvisieren und zuletzt haben in Andreas Christensen und Nico Elvedi zwei 19-Jährige in unserer Dreierkette gespielt. Wären wir ein Weltklasse-Team, würden wir das ohne Probleme bewältigen. Dann wären wir Bayern München. Sind wir aber nicht.

bundesliga.de: Trotzdem konnte Borussia den FC Bayern schlagen...

Schubert: Stimmt. Was ich aber grundsätzlich ausdrücken möchte: Mein Ansatz ist es überhaupt nicht, dass wir bewusst irgendwelche großen Risiken eingehen und jedes Spiel 4:3 gewinnen wollen. Nein, vorne möchten wir gerne viele Tore erzielen, hinten aber möglichst gar keine bekommen. Wilder Hurra-Fußball ist nicht unser Ding. Im Gegenteil: Die Basis unserer bisherigen Erfolge ist ein sehr gutes Verteidigen. Denn wir benötigen für unser Spiel, für das schnelle Umschalten, die guten Ballgewinne aus dem Verteidigen heraus, und das möglichst bereits in der gegnerischen Hälfte.

bundesliga.de: Stichwort "Schnelles Umschalten": Wie haben Sie es geschafft, dass Spieler, die nach den fünf verlorenen Spielen zum Start orientierungs- und hilflos wirkten, buchstäblich über Nacht wieder mit enorm breiter Brust auftreten und Traumfußball spielen konnten?

Schubert: Ich glaube, dass diese Dinge letztlich recht einfach zu erklären sind. Es stimmt, dass die Mannschaft unter Lucien Favre nicht gut in die Saison gestartet war. Dafür gab es aber Gründe. Wichtige Spieler und Leistungsträger waren verletzt oder hatten den Verein verlassen, beispielsweise Max Kruse und Christoph Kramer. Viele Dinge müssen sich dann erst wieder finden, was damals aber wegen der verletzungsbedingten Ausfälle, etwa von Martin Stranzl, schwierig war. Manchmal rutscht man so in eine Negativspirale, aus der nur schwer wieder herauszufinden ist. Lucien hat dann entschieden, dass die Mannschaft einen frischen Impuls benötigt. Und den haben wir versucht ihr zu geben.

bundesliga.de: Klingt kinderleicht...

Schubert: Es ist sicherlich nicht so, dass man den Spielern einmal auf die Schulter klopft, und schon läuft es wieder. Ganz so einfach sind die Dinge dann doch nicht. Wichtig ist zum einen der mentale Bereich. Man führt viele Einzelgespräche und zeigt den Spielern ihre Stärken auf, etwa durch Videos oder indem man im Training diese Stärken immer wieder explizit anspricht. Zudem haben wir im taktischen Bereich etwas geändert. Manche bezeichnen das als "Kleinigkeiten". Pep Guardiola aber soll gesagt haben, dass wir jetzt einen komplett anderen Stil verfolgen.

bundesliga.de: Was sagen Sie selbst?

Schubert: Wir spielen sicher deutlich anders, als das unter Lucien der Fall war. Wir pressen zum Beispiel sehr viel höher. Das kann man als "kleinen Unterschied" bezeichnen. Ich glaube aber, dass es einen deutlichen Unterschied ausmacht, ob man zwanzig Meter vor dem eigenen Tor mit dem Pressen beginnt, oder aber, ob die Abwehrkette vierzig Meter vor dem Tor steht. Dazu kommen unterschiedliche Reaktionen sowohl nach Ballverlust wie auch nach Ballgewinn. Passt alles sofort, wie gegen Augsburg, wo wir klasse gespielt haben, merken auch die Jungs: "Es funktioniert!". Man vertraut wieder mehr auf die eigene Stärke. Dann folgt der nächste Sieg. So baut sich allmählich wieder Selbstvertrauen auf. Vor dem Augsburg-Spiel habe ich den Jungs gesagt: "Mit jedem gewonnenen Zweikampf, mit jedem geblockten Schuss des Gegners, mit jeder erarbeiteten Chance wird euer Selbstvertrauen ein Stückchen wachsen". Und so ist es auch gekommen. 

bundesliga.de: Einige Spieler wie Fabian Johnson, Ibrahima Traoré oder Julian Korb scheinen seitdem geradezu losgelöst zu sein...

Schubert: Den Spielern kommt entgegen, dass wir wesentlich schneller umschalten. Fabian Johnson, Ibrahima Traoré und Julian Korb, auch wenn er Außenverteidiger ist, haben einen deutlichen Zug zum gegnerischen Tor. Den können sie nun etwas mehr ausleben. Die Mannschaft mag diese Art Fußball zu spielen. Sie war schon in der vergangenen Saison eine der laufstärksten, scheint jetzt aber noch viel emotionaler dabei zu sein, so dass die eine oder andere individuelle Stärke noch einen Tick besser zum Tragen kommt. Aber erneut: Das ist keine Kritik an dem, was vorher war! Die Mannschaft hat unter Lucien vier Jahre erfolgreich Fußball gespielt und zuletzt als Tabellendritter die Champions League erreicht. Das ist herausragend gut!

bundesliga.de: Granit Xhaka ist unter Ihrer Regie zum Kapitän aufgestiegen und scheint noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht zu haben...

Schubert: Granit erfüllt das Tragen der Kapitänsbinde mit großem Stolz. Es ist außergewöhnlich, dass sich jemand, der aus dem Ausland nach Deutschland kommt, so mit seinem neuen Verein identifiziert und zum Gesicht des Vereins wird. Granit macht das hervorragend.

bundesliga.de: Werden Sie nun die Winterpause nutzen, um alle Entscheidungen und die zurückliegenden Spiele noch einmal zu analysieren?

Schubert: Das werde ich ganz bestimmt nicht tun (lacht). Ich habe aus der Vergangenheit gelernt, dass ich hin und wieder komplett abschalten muss. Das geht aber nicht, wenn man 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche brummt. Wenn ich heute einen Tag frei habe, bleibt der auch frei. Diese Auszeiten habe ich mir früher nicht genommen. Heute aber habe ich diese Gelassenheit und gehe mit Freunden mal einen Kaffee trinken oder lese zuhause einfach nur ein Buch. Dann ist es kein Problem, am nächsten Tag wieder voll motiviert an die Arbeit zu gehen und, wenn nötig, auch 15 oder 16 Stunden zu arbeiten. Den Weihnachtsurlaub werde ich dafür nutzen, mich körperlich wieder in eine bessere Verfassung zu bringen. Das ist unbedingt notwendig (lacht).

Das Gespräch führte Andreas Kötter