Er ist der einzige deutsche Nationalspieler bei einem englischen Topclub und beim FC Chelsea seit über drei Jahren eine feste Größe. Im ausführlichen Interview äußert sich Michael Ballack zur Bundesliga und zur Premier League, zu persönlichen Plänen - und zu "Nebengeräuschen" des Fußballs.

bundesliga.de: Herr Ballack, Sie spielen jetzt das vierte Jahr in der Premier League. Wie sieht Ihre fußballerische Lebensplanung allgemein aus?

Michael Ballack: Ich möchte gerne spielen, so lange ich gesund bin, mir Fußball Spaß macht und das natürlich auch meine Leistung hergibt. Dabei die großen Turniere mit einzubeziehen, ist nicht ganz einfach. Bei der EURO 2012 wäre ich 35 - dahingehend muss man eher von Jahr zu Jahr planen. Aber grundsätzlich habe ich zum jetzigen Zeitpunkt keine Gedanken ans Aufhören, weder im Verein noch in der Nationalmannschaft. Andererseits ist die langjährige Planung auch nicht mehr da. Mein Ehrgeiz, weitere große sportliche Ziele zu erreichen, ist unverändert vorhanden.

bundesliga.de: Ihre eigene Karriere verlief geradlinig: von Chemnitz aus über Kaiserslautern, Leverkusen und den FC Bayern erst mit 29 Jahren zu einem Topclub in der derzeit stärksten Liga Europas - ein Muster auch für andere?

Ballack: Selbst bin ich damit sehr gut zurechtgekommen, rückblickend war das der richtige Weg. Wobei ich natürlich nicht weiß, wie die Entwicklung gewesen wäre, wenn ich eines der früheren Auslandsangebote angenommen hätte. Genauso kann ich aus dieser für mich guten Erfahrung keinem anderen Spieler etwas raten. Wenn heute ein 20-Jähriger ein Riesenangebot aus dem Ausland bekommt, muss er für sich entscheiden: Will ich diese Herausforderung schon jetzt annehmen? Wie sehen die Alternativen aus? Und letztlich gehört zu allem auch ein wenig Glück.

bundesliga.de: Wie fällt Ihre Zwischenbilanz für den Lebensabschnitt in England aus?

Ballack: Ein solcher Schritt ist, wie gesagt, auch immer eine persönliche Herausforderung, nicht nur in sportlicher Hinsicht. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit, die inzwischen natürlich längst Vergangenheit ist, sind meine Erfahrungen sehr gut. Mit der gesamten Familie fühlen wir uns hier sehr wohl. Als wir ein Haus gefunden hatten, die Kinder zur Schule gingen und wir gewisse Abläufe kannten, waren wir hier auch angekommen. Und der englische Fußball macht großen Spaß, auch von dem ganzen Drumherum in den sehr engen Stadien ohne Zäune. Das fasziniert jeden Spieler.

bundesliga.de: Trifft die Bezeichnung als beste Liga der Welt zu? Und durch welche Elemente wird diese Einschätzung gestützt?

Ballack: In erster Linie macht natürlich die Qualität der Spieler den Unterschied aus. Auch die Bundesliga bietet hervorragende Voraussetzungen von der Infrastruktur mit wunderbaren, fast immer ausverkauften Stadien und tollen Fans und allem was sonst noch dazugehört. Viele Topspieler gehen aber vor allem nach England, weil dort der Reiz am größten ist, sportlich wie finanziell. Und das hebt natürlich das Niveau der Premier League, was sich auch im internationalen Vergleich in den letzten Jahren in der Champions League gezeigt hat.

bundesliga.de: Geht die herausragende sportliche Qualität über die vier bestimmenden Clubs ManU, Liverpool, Chelsea und Arsenal hinaus?

Ballack: Diese Clubs haben sicher eine Ausnahmestellung und waren in den vergangenen Jahren dominierend. Dass im Moment keine andere Mannschaft in diese Phalanx einbrechen kann, zeigt den unglaublich hohen Level, auf dem diese vier Teams spielen.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie das Niveau der Clubs aus der zweiten Tabellenhälfte in Premier League und Bundesliga?

Ballack: Die Ligen sind in dieser Hinsicht nur schwer zu vergleichen, weil der Fußball ein anderer ist. Auf jeden Fall sind Mannschaften aus dem unteren Teil der Premier League robuster, viel körperbetonter, und sie setzen auf andere taktische Mittel, um sich zu behaupten.

bundesliga.de: Was muss ein Profi außer sportlicher Qualität mitbringen, um in der Premier League zu bestehen?

Ballack: Neben dieser fußballerischen Klasse und mentaler Stärke vor allem eine gute physische Präsenz - mehr als in jeder anderen Liga in Europa. Robustheit auch außerhalb des Platzes ist wichtig, damit sich ein Spieler nicht beeindrucken lässt von den Nebengeräuschen des Fußballs.

bundesliga.de: Ist der Druck für Spieler im Laufe Ihrer Karriere gestiegen?

Ballack: Der Druck ist größer geworden, und er wird noch weiter wachsen. Durch die Breite der Berichterstattung wird das Ganze immer transparenter. Schon jetzt wird jedes einzelne Wort auf die Goldwaage gelegt, selbst etwas eher lapidar Dahergesagtes. Jeder, außer Franz Beckenbauer, muss am nächsten Tag Erklärungen abgeben oder etwas zurücknehmen, obwohl er das gar nicht so gemeint hat. Die Aufmerksamkeit für einen Spieler ist heute enorm. Und nicht immer reicht das Gegenargument, dass er dafür doch auch sehr gut bezahlt wird. Nicht in jedem Fall geht so etwas an Profis spurlos vorbei, die nach wie vor die Hauptakteure sind.

bundesliga.de: Sind junge Spieler bei der Nationalmannschaft über die Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga-Clubs für diese Aufgabe gut gewappnet?

Ballack: Allgemein werden Spieler heutzutage auch in Deutschland früher darauf vorbereitet, was sie im Profifußball erwartet - sicherlich besser als früher, obwohl ich selbst in Ostdeutschland eine gute und optimal abgestimmte Schule durchlaufen konnte. Was Professionalität und Leistungsdiagnostik betrifft, bekommen die Jugendlichen auch bei den Bundesliga-Vereinen schon mit 16, 17 Jahren alle erdenkliche Unterstützung.

bundesliga.de: Wie wesentlich ist auch für einen Routinier wie Sie noch eine positive Rückmeldung von außen?

Ballack: Bestätigung und Anerkennung ist immer wichtig, im Fußball wie in jedem anderen Job auch. Wir stehen ständig im Fokus und bekommen somit regelmäßig unsere öffentliche Bewertung - also Daumen hoch oder Daumen runter.

bundesliga.de: Erleben Sie Ihre große Popularität in der Wahlheimat anders als zuhause in Deutschland?

Ballack: Dass ich in dieser Millionen-Stadt London mit ihren vielen Prominenten auf der Straße weniger erkannt werde als zum Beispiel in München, kann ich nicht sagen. Der Fußball ist halt allgegenwärtig in der Welt. Allein in London sind fünf Premier-League-Clubs beheimatet. Ich kann mich in London in der Öffentlichkeit bewegen wie auch in Deutschland - dieses Fanatische wie vielleicht in südeuropäischen Ländern und in Südamerika gibt es hier nicht so sehr. Die Ausnahmen sind auch Teil meines Jobs und Teil meines Lebens. Daran gewöhnt man sich mit der Zeit, auch weil man weiß: Es kommt von deinen Fans, ist also nichts Schlimmes, sondern grundsätzlich erfreulich.