Köln – Der Endspurt um die Torjägerkrone ist eröffnet. Zehn Spiele haben die besten Goalgetter der Bundesliga (siehe Infografik) noch Zeit, um sich die Trophäe zu sichern. Ex-Stürmer und Sky-Experte Erik Meijer verrät im Interview, was einen echten Torjäger ausmacht und wer die besten Chancen auf den Titel hat.

bundesliga.de: Herr Meijer, Sie waren früher selbst Stürmer. Was macht einen echten Goalgetter aus?

Erik Meijer: Dass er zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle steht. So einfach ist das – und so schwer. Aber das ist alles intuitiv, das kann man nicht aus Büchern lernen.

"Ein von der Natur gegebenes Talent"

bundesliga.de: Wie dann?

Meijer: Durch tägliches Training von Kindheit an. Du musst immer an dir arbeiten, nie zufrieden sein. Natürlich hilft es, wenn man beidfüßig ist und ein ordentliches Kopfballspiel hat – auch wenn einige, wie etwa Arjen Robben, auch mit einem überragenden Fuß auskommen. Aber grundsätzlich ist das einfach auch ein von der Natur gegebenes Talent, die Fähigkeit, den Ball im Tor unterzubringen. Je weiter oben du spielst, desto weniger Platz bekommst du, lernst deine Grenzen kennen. Für die Besten liegen die beim FC Bayern, für andere in der 3. Kreisklasse.

bundesliga.de: In der Bundesliga rangieren Alexander Meier mit 18 und Arjen Robben mit 17 Toren aktuell vorne, dahinter stürmt Bas Dost (13) mit großen Schritten heran. Können Sie diese drei beschreiben?

Meijer: Meier ist ein Wandspieler vorne drin, steht immer als Anspielstation bereit, zudem ist Alex relativ schnell. Ein Vorteil von ihm ist sicherlich, dass er jahrelang auf der Zehn gespielt hat, also hinter den Spitzen, den Ball dadurch verteilen kann. Jetzt spielt er mehr mit dem Rücken zum Tor. Es freut mich, dass sich ein Spieler auch im zweiten Teil seiner Karriere noch so verbessern kann.

"Arjen war der beste Spieler der WM"

bundesliga.de: Auch Robben hat sich noch einmal enorm verbessert.

Meijer: Das stimmt. Für mich war Arjen eindeutig der beste Spieler der WM. Die FIFA hat einen Riesenfehler gemacht, ihm nicht den Goldenen Schuh zu geben. Robben kreiert sich seine Chancen selbst, braucht nicht unbedingt Zuspiele. Im Gegensatz zu Bas Dost.

bundesliga.de: Inwiefern?

Meijer: Dost ist ein echter Goalgetter, ein Gefühlsmensch, der gefüttert werden muss. Wenn du ihn fütterst, zahlt er es dir mit Toren zurück. Wenn nicht, hast du auch nichts von ihm. Deshalb ist sein Lauf auch eine Momentaufnahme.

bundesliga.de: Dost lebt also auch entscheidend von seinen Mitspielern wie André Schürrle und Kevin De Bruyne?

Meijer: Natürlich. Wenn du solche Spieler hinter dir hast, musst du als Stürmer nur noch am richtigen Fleck stehen. So einen Lauf hatte er beim SC Heerenveen schon einmal, damals machte er in den Niederlanden 32 Tore, weil er von außen gefüttert wurde. Und es geht ihm aktuell wie jedem Goalgetter: du hast Phasen, da rennst du zum ersten Pfosten, und der Ball kommt immer an den zweiten. Und du hast Phasen, da wirst du praktisch jedes Mal angeschossen, und der Ball ist drin.

"Robben ist variabler geworden"

bundesliga.de: Woran liegt es denn, dass Robben so viele Tore schießt wie nie zuvor?

Meijer: Arjen ist fit im Kopf und seit langem frei von schwereren Verletzungen. Das liegt auch an der Zusammenarbeit mit seinem Osteopathen, dem er absolut vertraut. Arjen war schon immer sehr ehrgeizig, manchmal hat er sich übernommen. Dann lief der Motor mit zu vielen Umdrehungen, er hat sich immer wieder verletzt. Jetzt läuft der Motor rund. Hinzu kommt, dass er sein Spiel ein wenig verändert hat. Früher hat er einen Haken geschlagen, ist nach innen gezogen und hat geschossen. Das macht er heute auch noch, aber er ist insgesamt variabler geworden, geht auch mal zur Grundlinie oder ist auch ohne Ball mehr in der Mitte.

bundesliga.de: Er macht jetzt sogar Kopfballtore.

Meijer: Genau, Robben hat wahrscheinlich ein normales Kopfballspiel, aber an der Außenlinie kriegt man keine Kopfballchancen. In der Mitte hat er sie.

"Lewandowski kann es noch schaffen"

bundesliga.de: Welchem Stürmer trauen Sie es denn noch zu, das Trio zu überflügeln?

Meijer: Wenn, dann sicherlich dem besten Mittelstürmer der Bundesliga: Robert Lewandowski. Sechs Tore Rückstand auf Meier sind machbar, da brauchst du zwei gute Wochenenden. Die Bayern schießen ja viele Tore, da kann er immer mal zuschlagen.

bundesliga.de: Warum kommt Lewandowski bei den Bayern nicht so zum Zug wie in Dortmund?

Meijer: Das ist ganz normal, im System von Pep Guardiola haben Stürmer eine schwierige Position. Sie müssen sich stark an das System anpassen, viel für die Mannschaft arbeiten. Das haben schon Ibrahimovic, Eto´o oder vergangene Saison Mandzukic erfahren müssen. Bei den Bayern haben zudem auch die anderen Spieler eine egoistische Ader, wollen Tore schießen.

"Unsere ganze Ausbildung ist offensiv"

bundesliga.de: Robben und Dost sind, wie Sie, beide Niederländer. Woran liegt es, dass so viele gute Stürmer aus den Niederlanden kommen?

Meijer: (lacht) Weil wir ein so tolles Volk sind. Aber im Ernst, wir haben wirklich viele außergewöhnliche Stürmer herausgebracht: Van Persie, Van Nistelrooy, Huntelaar, Van Basten, um nur einige zu nennen. In den Niederlanden wird sehr offensiv gespielt, die ganze Ausbildung ist auf Offensive ausgerichtet. Die Italiener trainieren Verteidigung, die Niederländer den Angriff. Das ist unser größtes Plus.

bundesliga.de: Wer ist denn für Sie der Favorit auf die Torjägerkrone?

Meijer: Robben, ganz klar. Weil er weitermachen wird. Mit seinem Tempo und seinen Bewegungen ist er überragend. Und er will diesen Titel unbedingt haben. Für Meier wäre es etwas Schönes, aber er möchte zunächst einmal etwas mit Eintracht Frankfurt erreichen, Dost will mit dem VfL Wolfsburg den zweiten Platz halten. Arjen war schon so oft Meister, jetzt will er einmal eine persönliche Auszeichnung. Und für mich ist Robben einer der fünf besten Spieler der Welt.

Das Interview führte Tobias Schild

Erik Meijer

Der Niederländer arbeitet heute unter anderem als Experte für Sky. Zwischen 1995 und 2006 bestritt Meijer 174 Bundesliga-Spiele (38 Tore) für KFC Uerdingen, Bayer 04 Leverkusen und den Hamburger SV sowie 86 Begegnungen (19 Tore) in der 2. Bundesliga für Alemannia Aachen.