Brasiliens "Beamtenfußballer" hatten die "Akte Chile" gerade erst ebenso routiniert wie emotionslos abgeheftet, da gelobten sie bereits den Ausbruch aus dem miefigen Behörden-Alltag.

"Wir werden gegen Holland unsere Herzen in die Schuhspitzen stecken, denn unser Ziel ist es, den brasilianischen Fans wieder große Freude zu bereiten", versprach Torschütze Robinho mit Blick auf das Viertelfinale am Freitag in Port Elizabeth.

Herausragende Abwehr gibt Selbstvertrauen

Gegen "Oranje", das ist klar, muss Brasilien endlich sein wahres Gesicht zeigen. Mehr Samba, weniger von dem Kraftfußball, den es bisher schon vier Mal bei dieser WM-Endrunde gespielt hat. Auch beim lockeren Abendspaziergang im Johannesburger Ellis Park, an dessen Ende ein nie gefährdetes 3:0 (2:0) im Achtelfinale gegen Chile stand. Dann, wohl nur dann könnte es gelingen, "die holländischen Orangen auszupressen", wie das Blatt "Lance" in kraftmeierischem Ton forderte.

Dieser Jargon passte gut zu dem, was die 54.096 Zuschauer auf dem Rasen gesehen hatten. Die herausragende Abwehr mit den schier unbezwingbaren Lucio und Juan im Zentrum sowie den auch offensiv herausragenden Michel Bastos und Maicon war erneut das Prunkstück der "Selecao". "Wenn die Abwehr gut steht, gibt das dem ganzen Team Selbstvertrauen. Das ist das Wichtigste", sagte Kapitän Lucio - und sprach Trainer Dunga, dem Sicherheitsfanatiker, aus dem Herzen.

Mit den "vier Musketieren" im Rücken hatten die Magier Robinho und Kaka Sicherheit, allein: Viele ihrer Tricks blieben wie schon in der Vorrunde im Hut stecken. Kaka, nach langer Verletzungspause noch immer nicht der Alte, legte seine Beamtenmentalität nur ein Mal ab, als er das 2:0 von Luis Fabiano (38.) nach Robinho-Zuspiel mit einem ansatzlosen Direktpass vorbereitete. Zuvor hatte, bezeichnenderweise, ein Kopfballtor von Juan (35.) nach einer Standardsituation die Führung gegen biedere Chilenen gebracht.

Kaka muss aufpassen

"Wir müssen immer gewinnen, daran ändert sich nie etwas. Aber Druck und Adrenalin werden mit jedem Spiel größer", sagte Dunga und versuchte, damit die unterkühlte Vorstellung zu erklären, bei der Robinho mit dem dritten Tor (59.) für ein standesgemäßes Ergebnis sorgte.

Kaka selbst war aber "zufrieden" mit seiner Rückkehr nach Gelb-Rot-Sperre. "Ich habe erneut einen Pass zu einem Tor geben. Das ist meine Aufgabe", sagte er. Dann bemühte er die Statistik, um letzte Zweifel zu beseitigen: "Das war schon meine dritte Torvorlage."

Aber auch schon seine dritte Gelbe Karte. Bei einer weiteren im "vorweggenommenen Endspiel" (Maicon) gegen die Niederlande wäre er im Halbfinale gesperrt. "Das ist ein Problem, ich will nicht, dass er wieder ausfällt", sagte Dunga, und kündigte ein Gespräch mit dem bisweilen undisziplinierten Star an. Kaka gab sich reumütig. "Ich werde vorsichtiger sein. Niemand will ein Halbfinale verpassen."

Brasilien ist Favorit

Vorher wartet aber die Hürde Elftal, der erste echte Test für Dungas Beamte. "Ein schwerer Gegner", befand der Coach. "Unter den Europäern kommen sie den Südamerikanern technisch am nächsten. Sie spielen ein bisschen wie wir." Wie Brasilien - früher.

Dunga weiß, wie "Oranje" zu schlagen ist, als Spieler tat er es 1994 beim 3:2-Viertelfinalsieg und vier Jahre später im Halbfinale, als Brasilien im Elfmeterschießen gewann. Auch dieses Mal, betonte er, sei der Rekordweltmeister Favorit. "Wegen der Qualität unserer Spieler sind wir das immer. Alle erwarten, dass wir den Titel holen. Aber das alleine bringt ihn uns nicht. Deshalb müssen wir so weiterarbeiten."

Kaka kann Brasiliens größter Star werden

Gegen die Niederlande fehlt Mittelfeldspieler Ramires wegen seiner zweiten Gelben Karte. Der Einsatz der angeschlagenen Felipe Melo und Julio Baptista ist ungewiss. Umso mehr wird es auf Kaka ankommen. "Er zeigte, dass er Brasiliens größter Star werden kann", schrieb "O Globo" optimistisch, Kaka sieht sich "von Tag zu Tag besser" in Form.

Die Voraussetzungen für etwas Magie scheinen gegeben. "Ich fühle mich wieder leichter", sagte Kaka.