Ein Raunen ging durch den Borussia Park. Ein spitzbübisch wirkender Jungspund mit modisch hochgestylter Frisur hatte sich den Ball geschnappt, sprintete auf der Außenbahn in Höchstgeschwindigkeit durch die gegnerische Spielhälfte und beschwor die nächste Gladbacher Großchance herauf.

Diese Szene hätte wunderbar in die vergangene Spielzeit gepasst, als ein gewisser Marko Marin zu einem seiner Alleingängen ansetzte und die Fans haufenweise vom Hocker riss. Marin ist seit dem Sommer nicht mehr da - und doch hat der beschriebene Auftritt erst vor zehn Tagen stattgefunden.

"Riesentalent mit Riesenpotenzial"

Dabei war der Borussia Park weder in einer Zeitschleife gefangen, noch Marins Zwillingsbruder aufgetaucht. Des Rätsels Lösung ist einen halben Kopf größer als der jetzige Werderaner und schreibt sich im Vornamen mit einem "c": Marco Reus heißt der legitime Nachfolger des einstigen Gladbacher Wirbelwindes und ist drauf und dran, sich in die Herzen der Borussen-Anhänger zu spielen.

Auch die Worte von Michael Frontzeck könnten der Marin-Zeit entstammen. "Er kann mit seiner Gewandtheit und seiner Ballsicherheit immer etwas Überraschendes machen", sagte der Gladbacher Trainer - und meinte seinen neuen Schützling. Sportdirektor Max Eberl stimmt in die Lobeshymnen ein: "Er ist ein Riesentalent mit Riesenpotenzial." Er, der Marco mit dem "c".

"Wollte von Beginn an Gas geben"

Reus kam vor der Saison von Zweitligist Rot Weiss Ahlen, wo er mit fünf Saisontreffern die Aufmerksamkeit der Borussen-Späher erregte. Die Vorschusslorbeeren, die ihn bei seinem Wechsel an den Niederrhein begleiteten, hat der 20-Jährige bereits mehr als bestätigt.

Dabei legt er eine gesunde Portion Selbstvertrauen an den Tag, wenn er gegenüber bundesliga.de von seinen persönlichen Zielen vor der Saison spricht. "Ich hatte mir schon vorgenommen, dass ich meine Einsätze bekomme. Ich wollte von Beginn an Gas geben", verrät Reus.

Fehlende Kaltschnäuzigkeit

Gesagt, getan: Nach einigen Kurzeinsätzen zu Saisonbeginn gehörte er an den vergangenen Spieltagen zur Stammelf und beeindruckte mit seinen forschen Auftritten, wie zuletzt beim 0:0 gegen den VfB Stuttgart. Dass er in dieser Partie einige Male den Siegtreffer auf dem Fuß hatte, wurmt ihn selbst am meisten. "Es dauert ein, zwei Tage, bis man realisiert, welche Torchancen man vergeben hat. Aber das Leben geht weiter und man versucht, es im nächsten Spiel besser zu machen", lautet sein Motto.

Trotz der teilweise fehlenden Kaltschnäuzigkeit gehört Reus mit seinen beiden Saisontreffern zu den torgefährlichsten Borussen. Und die beiden Tore waren wahrlich zum Zunge schnalzen: Gegen Mainz schloss er ein Solo über den halben Platz zum 2:0-Endstand ab, beim 3:2-Sieg in Hamburg sorgte er mit einem herrlichen Lupfer über HSV-Keeper Frank Rost für den zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich.

"Fahren nach Frankfurt, um zu gewinnen"

Doch nicht nur seine eigene Entwicklung, auch die des Teams stimmt ihn durchaus optimistisch - trotz des augenblicklichen 14. Tabellenplatzes und der Nähe zu den Abstiegsrängen. "Wir haben schon gegen gute Gegner gespielt, uns fehlte aber teilweise einfach das Glück. Das Positive ist, dass wir auch gegen Mannschaften wie Hoffenheim oder Wolfsburg Chancen hatten und gewinnen konnten."

Mit dieser Einstellung und einer Mini-Serie von drei ungeschlagenen Spielen im Rücken geht es nun am Samstag nach Frankfurt. "Wir fahren bestimmt nicht dahin, um die schöne Stadt zu besichtigen, sondern wollen dort gewinnen", sagt Reus forsch. Die Eintracht hat noch keine Bekanntschaft mit dem Marin-Nachfolger gemacht. Doch wenn er wieder zu seinen Dribblings ansetzt, wird es sich auch in der Main-Metropole herumsprechen: Es ist Marco - der mit dem "c".

Johannes Fischer