Köln - Der FC Bayern München verpflichtet für eine Menge Geld einen Innenverteidiger, den fast keiner kennt. Der in Frankreich geborene Marokkaner ist erst seit kurzer Zeit auf dem Weg dazu, ein neuer Defensiv-Star zu werden.

Dieser Mann soll also die Lücke schließen, die der Ausfall von Javi Martinez gerissen hat. Der 27-Jährige kommt vom AS Rom, spielte vorher für Udinese Calcio und Clermont Foot. Zudem ist er Kapitän der marokkanischen Nationalmannschaft, dort als Leader anerkannt und genießt einen guten Ruf.

Nicht nur die Bayern waren an ihm interessiert, auch Chelsea und Manchester United hatten den Mann mit dem Maschinengewehr-Jubel auf dem Einkaufszettel. Dass der FC Bayern nun das Rennen gemacht hat, liegt offenbar an Pep Guardiola. Benatia gab bei "Sport1.de" zu Protokoll, dass er sich auf die Zusammenarbeit mit Pep freut. Und dass "Herr Guardiola mich unbedingt wollte." Die in den letzten Tagen kolportierten Probleme bei der Einigung über ein angemessenes Gehalt für Benatia wurden ausgeräumt. Warum der Coach ihn für geeignet hält, Javi Martinez zu ersetzen erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

88 Kilo pure Power

Denn auf den ersten Blick ist Benatia nicht derselbe Spielertyp, wie Martinez. Beide haben zwar eine ähnliche Statur, auf der Homepage des AS Rom wird Benatia als "88 Kilo pure Power" bezeichnet. Benatia ist aber gelernter Innenverteidiger und nicht wie Martinez ein umgeschulter Sechser. Seine internationale Erfahrung ist vergleichsweise gering (13 Europa-League-Spiele), in der Champions League konnte er sein Können noch nicht unter Beweis stellen. Überhaupt spielt er erst seit 2010 erstklassig, zuvor tingelte er durch die französische zweite Liga. Sein endgültiger Durchbruch kam erst letzte Saison beim AS Rom. Warum will Pep Guardiola diesen Spieler also unbedingt?

Die Antwort liegt wie so oft in der Spielweise. Mehdi Benatia erreichte ihn seiner letzten Saison in Rom eine Passquote von ungefähr 90 %, was für die Spielidee Guardiolas elementar ist. In der Saison 2013/14 schaffte es die Roma zudem mit Benatia als einzigen neuen Abwehrspieler, die Zahl der Gegentore von 56 auf 25 zu reduzieren. Der Mann steht für Stabilität in der Defensive. Seine Zweikampfquote (61 %) ist zwar noch ausbaufähig, dafür ist er in Sachen Stellungsspiel und Balleroberungen eine Bank – Fähigkeiten, die insbesondere in der Dreierkette von großer Bedeutung sind. Seine Torgefährlichkeit (fünf Treffer 2013/14) wird für Guardiola eher als Bonus betrachtet werden. Denn das Wichtigste ist die Tatsache, dass auch in Rom immer wieder mit einer Dreierkette oder eine Fünferkette experimentiert wurde. Benatia kennt seine mögliche neue Position also schon. "Er ist stark, er ist groß, er ist schnell", wurde er von Luca Toni gegenüber der "Sport Bild" geadelt. "Er steht immer in perfekter Position und ist taktisch klug."

Robustheit als Vorteil

Dennoch wird er sich an die Taktik der Bayern anpassen müssen. Denn Benatia spielt gerne riskant. Er grätscht recht häufig, was in Guardiolas Team eher unüblich ist. Und er greift auch zu Fouls. Acht gelbe Karten in der letzten Saison sind mehr als jeder Spieler der Bayern in der letzten Spielzeit bekam. Aber diese Robustheit ist auch ein Vorteil. Denn er hat damit ein Alleinstellungsmerkmal im eher eleganten Bayern-Kader. Auch Martinez wurde wegen der Kombination aus körperlicher Spielweise und gutem Aufbau- bzw. Stellungsspiel geholt. Und auch wenn es eher banal klingt, die Tatsache, dass er Rechtsfuß ist, ist für die Bayern ebenfalls nicht unerheblich. Denn fast alle Defensivspieler sind eher mit dem linken Fuß unterwegs, was die Balance im Spiel durchaus beeinflussen kann.

Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass der FC Bayern mit dem Transfer von Mehdi Benatia ein kalkuliertes Risiko eingeht. Auf internationalem Niveau konnte sich der Marokkaner zwar noch nicht beweisen, seine Fähigkeiten und die Erfahrung auf der Position des zentralen Abwehrspielers in einer Dreierkette qualifizieren ihn aber für die Defensive der Bayern. Benatia ist auch ein Transfer mit Blick nach vorne. Dante wird 31, die Spieler auf der Sechs waren in den letzten Jahren immer wieder verletzt, so dass auch für Martinez und Benatia Platz im Kader ist. Wenn der Spanier wieder fit ist, hat Guardiola sogar die Top-Option mit beiden zu spielen und Rochaden zwischen Innenverteidigung und Sechs zu etablieren. Oder variabel zwischen Dreier- und Viererkette zu wechseln. Ein Notfall-Transfer ist Benatia also nicht. Und seinen Namen wird man in nächster Zeit auch sicher so häufig lesen, dass bald jeder weiß, wie man ihn schreibt.

Sebastian Stenzel