Köln – Die Bundesliga-Geschichte ist reich an Talenten, die im jungen Alter als großes Versprechen an die Zukunft die große Bühne betraten, die riesigen Erwartungen letztlich aber nie wirklich erfüllen konnten. Nicht wenige glaubten im letzten Sommer, dass Max Meyer vom FC Schalke 04 bald auch in die Kategorie "Ewiges Talent" fallen würde. So spektakulär Meyer die Bundesliga-Bühne mit 17 Jahren betrat, so enttäuschend lief die vergangene Saison für den kleinen Techniker. Lediglich neun Mal spielte Meyer unter Markus Weinzierl in der Bundesliga über 90 Minuten durch. Das alles ist nun aber Geschichte, denn in dieser Saison hat sich der mittlerweile 22-Jährige mit der Hilfe seines neuen Trainers Domenico Tedesco völlig neu erfunden und ist aus dem Schalker Team nicht mehr wegzudenken.

Max Meyer als alleiniger Sechser vor der Abwehr, als knallharter Abräumer der auch mal zum Stilmittel des taktischen Fouls greift und sich in jeden Zweikampf wirft – was vor einem halben Jahr noch absurd geklungen hätte, ist mittlerweile Realität. Im defensiven Mittelfeld hat der gebürtige Oberhausener ganz offensichtlich seine Bestimmung gefunden. Meyer spielt derzeit ganz ohne Zweifel seine beste Bundesliga-Saison. Und das, obwohl die Saison für ihn überhaupt nicht gut begann.

Meyer beginnt die Saison im Sturmzentrum

An den ersten zwei Spieltagen wurde er jeweils spät eingewechselt, bevor er dann am dritten Spieltag gegen den VfB Stuttgart erstmals in der Startformation stand. Tedesco brach das Experiment mit Meyer als "falscher 9" aber schon zur Halbzeit ab und brachte Guido Burgstaller. Schalke steigerte sich im zweiten Durchgang und fast folgerichtig kam Meyer an den nächsten beiden Spieltagen gar nicht mehr zum Einsatz. Alles sprach für eine weitere schwere Saison für den Hochbegabten. Aber es kam ganz anders.

Am 6. Spieltag kam Meyer in Hoffenheim erstmals als Sechser zum Einsatz. Schalke verlor zwar mit 0:2, aber seine Leistung war ordentlich. Dieser Einsatz war die Belohnung für ganz viel harte Arbeit. Meyer ließ sich im Training nie hängen und gab mit einem Personaltrainer seiner Fitness den letzten Schliff. Das kam bei Tedesco richtig gut an und so entstand der Plan mit Meyer im defensiven Mittelfeld.

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Der neue Schalke-Coach lobte explizit die Leistungsbereitschaft von Meyer, die in ihm den Wunsch reifen ließ, einen Platz in der Startelf für ihn zu finden. "Wenn die Reaktion wie Max zeigt, macht man sich als Trainer Gedanken und sagt sich: 'Mensch, ich muss ihn belohnen, es kann nicht sein, dass er in jedem Training sieben, acht Kilometer läuft, stark trainiert und nicht spielt.' Dann bist du als Trainer gezwungen, kreativ zu sein."

Meyers Fehlpassquote sucht ihresgleichen

Und diese Kreativität hat sich ohne Zweifel ausgezahlt. Max Meyer ist mittlerweile einer der besten Sechser der Bundesliga. Ein Eindruck, der sich auch mit Daten untermauern lässt. Seine Ballsicherheit sucht in der Liga ihresgleichen. Nur sieben Prozent seiner Pässe landen beim Gegner – der niedrigste Wert aller Bundesliga-Mittelfeldspieler in dieser Saison.

Darüber hinaus gehört er mit durchschnittlich 12,6 zurückgelegten Kilometern in 90 Minuten zu den laufstärksten Spielern der Bundesliga und hat gelernt, sich im Zweikampf zu behaupten. Knapp über 50 Prozent seiner Zweikämpfe am Boden entscheidet Meyer für sich. Das ist zwar kein überragender Wert, aber für einen Spieler, der am Anfang der Saison noch im offensiven Mittelfeld zu Hause war, durchaus beachtlich.

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Meyer versteht es zudem mittlerweile auch, im richtigen Moment die Krallen auszufahren. Zum ersten Mal überhaupt in seiner Karriere musste er am vergangenen Wochenende gegen die TSG Hoffenheim eine Gelbsperre absitzen. Obwohl Schalke das Spiel souverän gewinnen konnte, stellt sich die Frage nicht, ob Meyer in die Mannschaft zurückkehren wird. Für Tedesco ist er zu einem seiner wichtigsten Bausteine geworden.

Kein Wunder also, dass der junge Schalke-Trainer nach Goretzka mit Meyer nicht den nächsten Leistungsträger verlieren möchte. "Das wäre natürlich eine harte Nummer, wenn auch Max ginge", erklärt Tedesco, der gleich die Argumente liefert, warum sich Meyer, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, für das Schalker Angebot entscheiden sollte: "Er hat - glaube ich - noch nie so viel gespielt wie jetzt und er hat eine Position gefunden, auf der er seine Stärken ausspielen kann." Auf dieser Position hat er nun endgültig den Durchbruch geschafft. Und egal, was die Zukunft von Max Meyer auch bringen wird: Als ewiges Talent wird er nicht in die Bundesliga-Geschichte eingehen.

Florian Reinecke