Mönchengladbach - Borussia Mönchengladbach hat beste Chancen, die bisher ohne gelungene Saison mit der direkten Champions-League-Teilnahme zu krönen.
 
Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Sportdirektor Max Eberl über Mannschaftsbildung, Chancen und Gefahren einer Teilnahme an der Königsklasse und über Philosophie und Selbstverständnis des Clubs und die Träume der Fans.

bundesliga.de: Herr Eberl, Borussia Mönchengladbachs jüngere Vergangenheit ist nicht zuletzt dank Ihres Transfergeschicks eine anhaltende Erfolgsgeschichte. Wissen Sie eigentlich noch, wie sich ein Misserfolg anfühlt?

Max Eberl: Lassen Sie mich bitte zunächst einmal zurückblicken: Als ich Sportdirektor wurde, standen wir zunächst im Abstiegskampf, konnten im Jahr darauf die Klasse aber relativ souverän halten, so dass ich insgesamt einen für Borussias damalige Verhältnisse normalen Einstieg hatte. Darauf folgte allerdings die sehr schwierige Saison, an deren Ende wir den Abstieg erst in der Relegation verhindern konnten. Seitdem befinden wir uns in einer anhaltend sehr angenehmen Phase. Das bedeutet, dass ich in meinen sechseinhalb Jahren im Amt alle drei Facetten, eine normale, eine extrem negative und eine sehr positive Phase, erlebt habe bzw. erlebe. Das bedeutet, dass ich genau weiß, wie sich das eine, der Misserfolg, aber auch, wie sich das andere, der Erfolg anfühlt. Und gerade im Erfolg werden wir die Demut walten lassen, die im Fußball, wo sehr schnell alles mögliche passieren kann, notwendig ist.

bundesliga.de: Zuletzt haben Sie weithin begehrte Spieler wie Xhaka, Hazard, Stindl oder nun auch Herrmann davon überzeugt, langfristig zu verlängern bzw. zur Borussia zu wechseln. Wie gelingt Ihnen das immer wieder?
 
Eberl: Am Anfang unseres Weges konnten wir den Spielern nur davon erzählen, was wir irgendwann einmal erreichen möchten. Nun, sechseinhalb Jahre später, können wir darauf verweisen, was wir bereits umgesetzt und erreicht haben, bzw. wie es in Zukunft weitergehen soll. Ambitionierte Fußballer streben nach größtmöglichen Erfolg, aber auch der Wohlfühlfaktor spielt eine große Rolle. Ich glaube, dass in Mönchengladbach momentan beides gegeben ist. Unsere  Spieler fühlen sich wohl und spielen sehr erfolgreich Fußball. Und das führt dazu, dass sie zunehmend bereit sind, diesen Weg auch längerfristig mit uns zu beschreiten.
bundesliga.de: Mit den Erfolgen der vergangenen Jahre nimmt auch die wirtschaftliche Stärke der Borussia immer mehr zu. Trotzdem scheint man die familiäre Atmosphäre des Clubs bewahren zu können...

"Mannschaftsbildung ist immer auch ein Puzzle"

bundesliga.de: Mit den Erfolgen der vergangenen Jahre nimmt auch die wirtschaftliche Stärke der Borussia immer mehr zu. Trotzdem scheint man die familiäre Atmosphäre des Clubs bewahren zu können...
 
Eberl: Das ist die Kultur dieses Clubs. Eine Kultur, die nicht erst zuletzt geprägt wurde, sondern über Jahrzehnte gewachsen ist. Borussia Mönchengladbach stand zum einen schon immer für eine jugendliche Mannschaft, mit der sich viele identifizieren können. Zum anderen hat schon immer zum Selbstverständnis und zur Kultur des Clubs gehört, sich als Alternative zu den fußballerischen "Großmächten" in den Großstädten zu verstehen, als ein David gegen viele Goliaths - ohne uns natürlich zu klein oder unterwürfig zu machen. Diese Kultur wollen wir leben, ob es am Schalter beim Ticketverkauf ist, ob es im Fanshop ist oder ob es die Mannschaft auf dem Rasen ist. Das macht diesen Club sehr speziell, und darauf sind wir stolz. Und es ist elementar wichtig, dass wir diese Kultur als Grundstein einer weiteren Philosophie immer beibehalten werden.

bundesliga.de: Wie schwierig ist es, die passenden Spieler nicht nur unter sportlichen, sondern auch unter charakterlichen Gesichtspunkten zu finden?

Eberl: Mannschaftsbildung ist für uns immer auch eine Mischung, ein Puzzle. Es geht darum Spieler unterschiedlicher Qualität, unterschiedlicher Position etc. und nicht zuletzt unterschiedlicher Charaktereigenschaften zu finden, die sich mit dem Club identifizieren. Auch Charaktere, die vielleicht etwas extravaganter sind, müssen in einer Mannschaft vertreten sein - wie ein Max Kruse oder in der Vergangenheit ein Raul Bobadilla oder ein Juan Arango, der auf eine ganz besondere Weise extravagant war. 

"Dürfen die Aktualität nicht außer Acht lassen"

bundesliga.de: Dieses "Puzzle" ist durch die Vertragsverlängerungen und die Stindl-Verpflichtung weit fortgeschritten. Welche Teile fehlen noch?

Eberl: Es bleiben sicherlich noch ein, zwei Positionen, die wir intensiv besprechen müssen. Das ist angesichts der Altersstruktur u. a. der Bereich der Innenverteidigung. Zudem müssen wir schauen, ob es im Sommer vielleicht Abgänge gibt, dann müssten wir entsprechend reagieren. Mit den schon genannten Vertragsverlängerungen von Granit (Xhaka; d. Red.), Thorgan (Hazard; d. Red.) und Patrick (Herrmann; d. Red.) und mit der Verpflichtung von Lars Stindl haben wir aber schon einmal ein sehr gutes, tragfähiges Fundament gelegt. Jetzt haben wir alle Zeit und Ruhe, dieses Fundament gegebenenfalls noch zu verstärken.
 
bundesliga.de: Für die Innenverteidigung hat man versucht den Münchner Dante zurück zur Borussia zu schreiben. Wundern Sie sich manchmal noch, wie Ihnen völlig unverdächtige Äußerungen im Mund herumgedreht werden?

Eberl: In der Tat war es amüsant zu beobachten, wie man versucht hat sich eine Kette von Informationen zusammenzubauen, um zu dem Schluss zu kommen, dass Dante zu uns zurückkehrt. Fakt ist, dass Borussia Mönchengladbach zu ehemaligen Spielern sehr oft einen guten Kontakt pflegt. Wenn uns ein Spieler verlässt, ist er nicht aus der Welt, sondern wir halten Kontakt, bei dem einen vielleicht etwas intensiver, beim anderen vielleicht etwas weniger intensiv. Das trifft auf Dante ebenso zu, wie auf Marc-André ter Stegen, auf Marco Reus oder auf Roman Neustädter oder Lukas Rupp. Und wenn ein Spieler wie Dante, der mit Bayern München vor zwei Jahren das Triple gewonnen hat, der ein fantastischer Spieler ist und sich wahrscheinlich in den europäischen Top-Ligen die Vereine aussuchen kann, mit uns sofort in Verbindung gebracht wird, ist das eine Auszeichnung. Die Fakten sehen dennoch anders aus. Dante hat noch zwei Jahre Vertrag beim besten Club der Welt. Alles andere war und ist reine Spekulation, über die ich schmunzeln muss.
 
bundesliga.de: Gehört es ebenso in den Bereich der Spekulation, dass Borussia Interesse an einem ausgewiesenen Mittelstürmer hat, um im Zentrum torgefährlicher zu werden?

Eberl: Selbstverständlich muss ich als Sportdirektor die Zukunft immer im Auge haben und planen. Das tun wir sehr intensiv. Dabei dürfen wir die Aktualität aber nicht außer Acht lassen. Wir haben jetzt mit Platz drei eine Situation, die für uns eine fantastische Ausgangslage bedeutet. Das möchten wir krönen mit einem hoffentlich sehr guten Endresultat. Alles Weitere sollten wir erst im Sommer besprechen.
 
bundesliga.de: Diese "fantastische Ausgangslage" ist, dass Borussia mit bereits deutlichem Vorsprung auf Champions League-Kurs liegt. Was würde die Qualifikation für die Königsklasse mittelfristig für den Club bedeuten?

Eberl: Grundsätzlich weiß man, dass in der Königsklasse sehr viel Geld zu verdienen ist, mit dem man sich eine gute Basis legen kann. Es wäre aber sehr gefährlich, würde man nach einer Qualifikation nur noch in diesen Kategorien denken und planen. Wer sich allzu schnell als ständiges Mitglied in dieser Gesellschaft sieht, für den kann der Schuss ganz schnell nach hinten losgehen. Wir wissen, dass wir uns mit einer bisher sehr konstanten Saison in eine sehr gute Ausgangslage gebracht haben. Ebenso ist uns aber bewusst, dass das ein Stück weit auch daran liegt, dass Dortmund, Leverkusen oder Schalke diesmal eine nicht ganz so konstante Saison spielen. Wir sollten nicht vergessen, dass die Saison noch nicht zu Ende ist und wir noch acht Bundesligaspiele zu spielen haben.

"Wir haben Demut gelernt in einer extrem schwierigen Zeit"

bundesliga.de: Wie schwierig ist es für Sie, die Euphorie zu bremsen, die zwangsläufig im Umfeld entstanden ist?

Eberl: Ich möchte gar nicht immer bremsen und lasse jeden Traum zu. Jeder soll träumen. Die Fans sollen träumen, die Spieler sollen träumen. Sie sollen ehrgeizig sein und sich die höchst möglichen Ziele setzen, so wie es der Verein auch tut. Trotzdem dürfen wir die Realität nie aus den Augen verlieren. Und diese Realität ist nun mal, dass es bis zum Erreichen dieser Ziele noch ein weiter Weg ist. Ich glaube, dass es grundsätzlich unsere Glaubwürdigkeit ausmacht, dass wir weder alles in Grund und Boden reden, wenn es schlecht läuft, noch nur noch himmelhochjauchzend sind, wenn wir eine sehr gute Phase haben. Und das nehmen die Menschen als authentisch wahr.
 
bundesliga.de: Borussia ist ein Verein mit einem deutschlandweiten Fan-Potenzial. Spüren Sie, dass der aktuelle Höhenflug dieses Potenzial noch einmal gesteigert hat?

Eberl: Viele junge Fußballfans sind Bayern- oder Dortmund-Fans, aufgrund der jüngsten Erfolge, die diese beiden Klubs erzielt haben. Aber auch wir rücken mehr in den Fokus dieser jungen Fans. Diejenigen, die schon lange dabei sind, wissen um unsere glorreichen Zeiten in den 70er Jahren. Jetzt versuchen wir, dem ein Stück weit ein neues Kapitel hinzuzufügen. Wenn sich in Zukunft neue Erfolge einstellen, mit Gesichtern, mit denen sich die Fans identifizieren können, dürfen wir auch diesbezüglich auf einen weiteren Schub hoffen.
 
bundesliga.de: Kann und vor allem will man in dieser sehr positiven Phase bereits vorbauen für schlechtere Zeiten, die auch wieder einmal kommen könnten?

Eberl: Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass jeder Verein im Laufe einer Dekade gewissen Schwankungen unterliegt. Natürlich wachen wir jetzt nicht jeden Morgen schweißgebadet auf und denken als erstes "Was machen, wir wenn es demnächst wieder einmal schlechter laufen sollte?“. Aber wir haben Demut gelernt in einer extrem schwierigen Zeit, die wir mit guten Entscheidungen, mit unserer Philosophie, aber auch mit Glück überstehen konnten. Auf diese Strategie, immer die Ruhe im Verein zu bewahren, würden wir immer wieder zurückgreifen, wenn es einmal nötig sein sollte. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in einer Konkurrenzsituation mit fünf, sechs, sieben Vereinen stehen, die dasselbe wollen wie wir. Und das, was gerade bei Borussia passiert, ist keine Selbstverständlichkeit. Diese fantastische Entwicklung kann auch einmal Rückschritte erleiden.
 
Das Interview führte Andreas Kötter