Köln - Wenn am Samstag Borussia Mönchengladbach den FC Bayern München empfängt (zur Vorschau), darf man ohne Übertreibung von einem Spitzenspiel sprechen. Denn nimmt man als Maßstab die bisherige Amtszeit von Borussias neuem Trainer André Schubert, trifft hier der Tabellenerste, die Bayern, auf den Zweiten, die Borussen. Vor dem Klassiker lässt Sportdirektor Max Eberl im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de die vergangenen Wochen noch einmal Revue passieren, er wirft einen Blick auf seine Arbeitsweise der vergangenen Jahre und er erklärt, wie man den Bayern beikommen will.

bundesliga.de: Herr Eberl, wenn die Borussia am Samstag den FC Bayern empfängt, darf man durchaus von einem Spitzenspiel sprechen. Hätten Sie eine solche Bedeutung vor zehn, elf Wochen für möglich gehalten?

Max Eberl: Ob ich gewisse Dinge für möglich gehalten hätte, bin ich in den vergangenen Wochen wiederholt gefragt worden. Nein, ich hätte nicht für möglich gehalten, dass wir in den ersten fünf Spielen null Punkte holen. Ich hätte auch nicht für möglich gehalten, dass Lucien Favre einfach so zurücktritt und - damit komme ich auf Ihre Frage zurück - ich hätte auch nicht für möglich gehalten, dass wir nur zehn Wochen später gegen den FC Bayern von einem Spitzenspiel sprechen dürfen. Aber offensichtlich gibt es im Fußball nichts, was es nicht gibt. Und davon erleben wir im Moment eine ganze Menge (lacht).

"Jeder muss seinen eigenen Weg finden"

bundesliga.de: Taugt diese Erkenntnis als Blaupause dafür, dass grundsätzlich mehr Gelassenheit im Fußball angebracht wäre?

Eberl: Gelassenheit im Profi-Fußball ist ein großes Wort. Gelassenheit zu leben - das nehmen sich im Fußball viele häufig vor. Wir haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass einiges möglich ist. Dafür benötigt man sicherlich das entsprechende Quäntchen Glück, aber vor allem eine tragfähige Struktur. Ich glaube nicht, dass unser Weg der vergangenen Jahre ohne eine solche Struktur möglich gewesen wäre. Ja, heute dürfen wir von der Partie gegen den FC Bayern von einem Spitzenspiel sprechen. Aber wir haben gewiss nicht vergessen, dass uns die Situation zu Saisonbeginn durchaus in schwere Turbulenzen hätte bringen können.

bundesliga.de: Dazu ist es dank eines exzellenten Krisen-Managements nicht gekommen. Kann man das lernen?

Eberl: Nein (überlegt). Ja, doch (lacht). Natürlich macht einen die in den vergangenen Jahren gewonnene Erfahrung ein Stück weit schlauer. Trotzdem stelle ich mich nun gewiss nicht hin und sage "wir haben das fantastisch gemacht, schaut alle auf uns". Nein, das wäre völlig falsch. Jeder muss seinen eigenen Weg finden.

"Andre hat nahtlos an Luciens Arbeit angeknüpft"

bundesliga.de: Borussias Weg der vergangenen Jahre war geprägt von einer – zumindest nach außen demonstrierten - großen Ruhe...

Eberl: Wir haben in den vergangenen Jahren stets versucht mit der bereits angesprochenen Gelassenheit gute Entscheidungen für Borussia zu treffen. Entscheidungen, für die wir uns stets die notwendige Zeit genommen haben. Selbstverständlich wissen wir aber, dass Glück dazu gehört hat, nach dem Rücktritt von Lucien Favre mit André Schubert einen Trainer zu finden, der umgehend und nachhaltig gepunktet hat und punktet. André hat nahtlos an Luciens Arbeit angeknüpft, hat seine eigenen Impulse gesetzt, und dies extrem erfolgreich. Erst diese Tatsache hat uns in die Lage versetzt, uns mehr Zeit zu nehmen, als man das zunächst für möglich gehalten hätte.

bundesliga.de: Wurde dieses "Sich-Zeit-nehmen" mit jedem weiteren Sieg unter Schubert schwieriger durch den zunehmenden Druck der Medien?

Eberl: Nein. Ich glaube, dass ich immer stichhaltige Argumente hatte, um zu verdeutlichen, warum wir noch nicht soweit sind einen neuen Cheftrainer zu präsentieren. Als wir André am 21. September zum Interimstrainer gemacht haben geschah das, um uns Zeit für eine wohlüberlegte Entscheidung zu verschaffen. Mit der folgenden, beeindruckenden Erfolgsserie, die die Fragen der Medien von Woche zu Woche hat dringlicher werden lassen, konnte niemand rechnen. Ja, wir hatten verschiedene Trainer im Kopf. Dann aber hat sich der Kandidat im eigenen Haus immer mehr in den Fokus gespielt, zum einen durch die positiven Ergebnisse, vor allem aber durch die Art und Weise, wie diese Ergebnisse zustande gekommen sind. Die Spiele gegen Wolfsburg, Hertha, Frankfurt, ManCity oder Juventus waren Spiele, die eine deutliche Handschrift haben erkennen lassen. Das hat uns dazu bewogen nicht auf irgendeinen etwaigen Kandidaten zu warten, sondern die erstmögliche Gelegenheit für ein strategisches Gespräch mit André zu nutzen - diese Möglichkeit bot die Länderspielpause. André hat den gesamten Prozess hervorragend mitgetragen, und das hat schließlich zu unserer Entscheidung für ihn geführt.

"Ich hatte nie Angst"

bundesliga.de: Hatten Sie zwischendurch - trotz der nach außen gezeigten Stärke - Sorge, dass das, was in den vergangenen Jahren aufgebaut wurde, zerbrechen könnte?

Eberl: Zerbrechen? Nein! Aber ich hatte Sorge, dass wir eine sehr komplizierte Saison vor der Brust haben könnten. Sorge, dass eine Saison, die wir uns ganz anders ausgemalt hatten - wir spielen zum ersten Mal überhaupt in der Champions League und wollten das genießen - überdeckt werden könnte von negativen Ergebnissen. Trotzdem hatte ich nie Angst, dass etwas zerstört werden könnte, das wir über Jahre gemeinschaftlich aufgebaut haben. Und spätestens mit dem Heimsieg gegen den VfL Wolfsburg war klar, dass die Mannschaft ihre verlässliche Qualität wiedergefunden hat, und dass wir einen Trainer haben, der die Mannschaft erreicht. Von diesem Augenblick an war das Gefühl zurück, nun auch die Champions League genießen zu können.

bundesliga.de: Die Leistungen der vergangenen Wochen sind angesichts des großen Verletzungspechs noch einmal höher zu bewerten. Macht es Sie ein Stück weit stolz, dass Sie im Sommer eine Transfer-Politik betrieben haben, die selbst solche Extremsituationen beherrschbar macht?

Eberl: Wir sind sehr froh, dass die Transfers, die wir im Sommer getätigt haben, ihren Teil dazu beitragen, dass wir heute dort stehen, wo wir stehen. Martin Stranzl und Alvaro Dominguez waren bereits im Sommer verletzt, im ersten Bundesligaspiel folgte Fabian Johnson. Patrick Herrmann, André Hahn und Niko Schulz sind Langzeitverletzte - alle diese Ausfälle haben uns ohne Frage sehr getroffen. Umso dankbarer sind wir, dass die Transfers des Sommers uns sehr gut tun. Ein Andreas Christensen tut uns gut, ein Lars Stindl auch. Ein Josip Drmic und ein Nico Elvedi rücken immer mehr in den Fokus, und ein Tobias Sippel hat gegen Wolfsburg, als Yann Sommer verletzt war, ein Superspiel gemacht.

"Werden kein Harakiri begehen"

bundesliga.de: Wollen bzw. müssen Sie in der Winterpause dennoch weitere Vorsorge treffen?

Eberl: Natürlich beobachtet man den Markt. Und wir überlegen, ob wir für die Außenbahnpositionen noch einmal tätig werden. Die drei Langzeitverletzten - Nico Schulz wird die komplette Saison ausfallen, Patrick Herrmann und André Hahn werden erst im Laufe der Rückrunde zurückkommen - zwingen uns dazu, die Augen immer offen zu halten. Dennoch werden wir gewiss kein Harakiri begehen und nicht händeringend irgendetwas unternehmen, nur um mehr Quantität vorweisen zu können. Wenn wir jetzt etwas machen, dann nur das, was wir sonst vielleicht erst im kommenden Sommer gemacht hätten.

bundesliga.de: Selbst Josip Drmic, den Sie gerade angesprochen haben, wird halbwegs zufrieden in die Winterpause gehen. Lediglich für Branimir Hrgota scheint eine besinnliche Weihnacht zurzeit eher in weiter Ferne...

Eberl: Auch Thorgan Hazard bekommt aktuell nicht die Spielzeit, die er gerne hätte. Das ist weder für ihn noch für Branimir leicht hinzunehmen. Entscheidend ist für mich aber, dass sich jeder dieser Spieler dennoch der Gesamtsituation unterordnet. Dass ein Profi unzufrieden ist, wenn er nicht spielt, das erwarte ich von ihm. Diese Unzufriedenheit darf er aber nicht demonstrieren, indem er patzig oder trotzig auftritt. Vielmehr muss er auf dem Platz zeigen, dass er unbedingt in die Mannschaft will. Und im Übrigen wäre die Situation sogar noch schwieriger, wenn bei uns alle gesund wären.

"Am Samstag muss alles passen"

bundesliga.de: Kommen wir zurück zum FC Bayern: Was für ein Spiel erwarten Sie für Samstag?

Eberl: Dank ihrer Klasse werden die Bayern dieses Spiel dominieren und mehr Ballbesitz haben als wir. Trotzdem haben sich die Jungs vorgenommen, die Münchner dabei so oft wie möglich zu stören. Inwieweit das gelingen wird, muss man abwarten. Fakt ist, dass wir in den vergangenen Wochen gegen Juventus oder ManCity, alles andere als No-Names, gezeigt haben, dass wir grundsätzlich auch die ganz Großen ärgern und in der Lage sind dieses Top-Niveau bringen zu können. Nichtsdestotrotz wissen wir, dass am Samstag wirklich alles passen muss: Wir müssen vorne sehr effektiv sein und dürfen uns hinten kaum einen Fehler erlauben. Denn die würden die Bayern gnadenlos bestrafen.

bundesliga.de: Borussia spielt aktuell herzzerreißend schönen, aber auch gefährlichen Fußball, wie die Spiele gegen Hannover, Sevilla oder Hoffenheim gezeigt haben. Ist der ideelle, an die großen "Fohlen"-Zeiten erinnernde Wert, den dieser Fußball in sich trägt, dieses Risiko wert?

Eberl: Diese Gefahr ist uns bewusst. Das Spiel gegen Sevilla stand auf des Messers Schneide, und gegen Hannover haben wir ebenso wie gegen Hoffenheim viele Chancen zugelassen. Unter Lucien Favre haben wir es sehr gut umgesetzt viel Ballbesitz zu haben und dabei sehr sicher zu stehen. André wiederum hat es hervorragend geschafft, unser Spiel weiter nach vorne zu verlagern, so dass wir eine enorme Offensivkraft entwickeln. Das dauerhaft zu verbinden, muss der nächste Schritt sein. Wir hatten zuletzt bereits einige Spiele, wo es hervorragend gelungen ist, diese Balance zwischen Defensive und Offensive herzustellen, etwa gegen den VfL Wolfsburg oder gegen Juventus Turin. Diese Balance muss auch das Ziel gegen den FC Bayern München sein. Denn drei Gegentore gegen die Bayern aufzuholen - das dürfte schier unmöglich werden.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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