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Köln - Mit über 400 Bundesliga- und Zweitliga-Einsätzen ist Matthias Lehmann nicht nur beim 1. FC Köln, sondern grundsätzlich einer der besonders erfahrenen Profis im deutschen Fußball. Vor dem Gastspiel des FC bei Eintracht Frankfurt spricht der Mannschaftskapitän der Kölner im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de darüber, wie er das „Projekt Neuaufbau“ von Beginn an miterlebt hat, er schwärmt von seinem Teamkollegen Anthony Modeste und er macht sich Gedanken darüber, wie sehr sich der Fußball während seiner bisherigen Zeit als Profi verändert hat.

bundesliga.de: Herr Lehmann, vor der Saison haben Sie gesagt: "Die Bayern werden ganz weit oben sein. Dann kommen Dortmund, Leverkusen, Wolfsburg und Schalke." Der Fußballer Lehmann mit mehr als 400 Profi-Spielen ist ohne Frage top, der Experte hat aber wohl noch Luft nach oben...

Matthias Lehmann: ...stimmt, da habe ich nicht ganz richtig gelegen mit meiner Prognose. (lacht)

 bundesliga.de: ...denn tatsächlich folgen hinter den Bayern RB Leipzig, die TSG Hoffenheim, der FC und Hertha BSC...

Lehmann: Okay. Es war aber wirklich nicht davon auszugehen, dass die Teams, die momentan sehr weit unten stehen, wie der VfL Wolfsburg, solche Startprobleme haben würden. Wenn diese Teams ihre Leistung aber nicht wie erwartet abrufen können, rücken andere zwangsläufig nach. Und wir freuen uns sehr darüber, dass wir unseren Hut im Kampf um diese Positionen mit in den Ring werfen können. Jetzt gilt es, dieses Niveau so lange wie möglich zu halten. Dann schauen wir mal, was dabei am Ende herauskommt.

bundesliga.de: Sie spielen seit 2012 für den FC und sind damit einer von fünf Spielern, der seit der 2. Bundesliga dabei ist. Was hat sich in Köln seitdem entwickelt?

Lehmann: In der ersten der zwei damaligen Zweitliga-Spielzeiten war noch Holger Stanislawski unser Trainer, den ich schon aus der gemeinsamen Zeit beim FC St. Pauli kenne. Ziel war damals der direkte Wiederaufstieg in die Bundesliga. Allerdings gab es sehr viele Transfers, also einen Mega-Umbruch, wie ich ihn selten erlebt habe. Deshalb war es kein großes Wunder, dass wir den direkten Wiederaufstieg in der Saison 2012/13 verpasst haben.

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bundesliga.de: Dann kamen Jörg Schmadtke als Sportdirektor und Peter Stöger als Trainer...

Lehmann: Genau. Und im Vergleich zu den Bedingungen des Vorjahres – Abstiegskampf, Abstieg und damit eine schwierige Vorbereitung – gab es nun mehr Zeit für eine längere Planung von Transfers und damit für einen sorgfältigen Aufbau einer neuen Mannschaft. Davon profitieren wir heute.

bundesliga.de: Sie haben das "Projekt Neuaufbau" als kleines Kind bezeichnet, dem man beim Wachsen zuschauen könne. Um im Bild zu bleiben: Wie hat sich der Kleine in den vergangenen Jahren entwickelt?

Lehmann: Die ersten Schritte hat der Kleine gemacht. Und er bolzt bereits die ersten Bälle durchs Wohnzimmer. (lacht) Ich glaube, dass er sich wirklich gut entwickelt, so dass wir allesamt auch ein bisschen stolz sein können. Uns ist aber auch klar, dass diese Entwicklung nicht von ungefähr kommt, sondern dass sehr viel Arbeit notwendig war und weiterhin notwendig sein wird. Die Weiterentwicklung wird Zeit brauchen. Umso schöner, dass alle, auch das Umfeld, uns diese Zeit zugestehen. Denn jeder sieht, was möglich ist, wenn man hart arbeitet.

bundesliga.de: Ist der aktuell vierte Tabellenplatz folgerichtig, oder sind Sie und Ihre Kollegen bisweilen doch ein wenig verwundert?

Lehmann: Nein. Verwundert sind wir nicht über unsere Leistung, über den Tabellenplatz aber vielleicht schon ein wenig. Wie eingangs erwähnt, sehe ich einen Grund für diese Platzierung darin, dass Mannschaften, die normalerweise in der Liga weit vorne stehen, bisher ihre Leistungsgrenze nicht erreichen. Wir wissen, dass wir eine gute Qualität haben und gut Fußball spielen können. Mittlerweile verteidigen wir nicht nur gut und beherrschen ein gutes Umschaltspiel, sondern können das Heft auch selbst in die Hand nehmen und ein Spiel bestimmen. Aber wir wissen auch, dass Platz vier nur eine Momentaufnahme ist. Eine schöne allerdings.

bundesliga.de: Immer wieder wird der besondere Zusammenhalt der Mannschaft genannt und betont, dass man z.B. häufiger gemeinsam essen geht. Ist das tatsächlich so ungewöhnlich unter Profis?

Lehmann: Ich würde nicht sagen, dass es grundsätzlich ungewöhnlich ist. Aber bei uns ist der Zusammenhalt wirklich besonders ausgeprägt. In Köln gibt es wunderbare Restaurants und Cafés, auch kleinere, die nicht so im Blick der breiten Öffentlichkeit sind, wo man gut und in Ruhe zusammensitzen und essen kann. Gerade an Tagen mit doppelten Trainingseinheiten machen wir davon gerne Gebrauch. Natürlich gehen nicht immer alle zusammen. Die Mannschaft splittet sich auch schon mal auf, und eine Gruppe geht da-, die andere dorthin.

bundesliga.de: Das klingt fast zu schön...

Lehmann: Das zeichnet die Truppe aber aus, und macht uns stark. Wenn einer fragt, ob man abends zusammen ins Kino geht, denkt man eben nicht: „Mensch, ich kann die Gesichter der Jungs nicht mehr sehen, und ich bin froh, wenn ich nach dem Spiel oder nach dem Training endlich meine Ruhe habe“. Nein, man freut sich, wenn man gefragt wird und schon mal spontan etwas zusammen unternimmt. Wir haben hier eine Atmosphäre, bei der man morgens gerne aufsteht und sich darauf freut, hier arbeiten zu dürfen.

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bundesliga.de: Mit Anthony Modeste ist einer Ihrer Arbeitskollegen aktuell der erfolgreichste europäische Stürmer. Sie spielen seit anderthalb Jahren mit ihm zusammen. War diese Leistungsexplosion abzusehen?

Lehmann: Ich glaube nicht, dass man so etwas in dieser Form absehen kann. Dass Tony ein großes Potenzial hat und alles mitbringt, was einen tollen Stürmer ausmacht, war auch vorher klar. Er ist robust, schnell, kopfballstark und hat beidfüßig einen sehr guten Abschluss. Er versteht es, die Bälle zu halten und ist auch mit dem Rücken zum Tor sehr gefährlich. Kurzum: Er bringt alles mit, was einen Klassestürmer ausmacht. Und jetzt ruft er sein Potenzial voll ab. Wir können uns glücklich schätzen, ihn in der Mannschaft zu haben.

bundesliga.de: Tolle Kameradschaft, fußballerische Qualität, ein europäischer Topstürmer – alles stimmt im Moment. Man sagt, dass die größten Fehler im Erfolg gemacht werden. Was muss man nun also berücksichtigen, um diese Fehler zu vermeiden?

Lehmann: Ich denke, dass es im Fußball bzw. bei einer Fußball-Mannschaft wie in jedem anderen Betrieb oder Geschäft auch ist. Wenn man im Erfolgsfall anfängt zu schludern und nachzulassen, gibt es irgendwann die Quittung. Vielleicht nicht bereits nach einer Woche und vielleicht auch noch nicht nach einem Monat. Aber irgendwann gibt es die Quittung, mitten auf die Nase. Deshalb heißt es für uns trotz des momentanen Tabellenstandes und der Tatsache, dass es rundum gut läuft, dass wir unser Programm beibehalten und z.B. in den Länderspielpausen noch einmal neue Reize setzen müssen. 

bundesliga.de: Aber der 11.11., der Sessionsbeginn des Kölner Karnevals, naht...

Lehmann: Es wird gewiss nicht so sein, dass wir nun erst einmal ein paar Tage lang Halligalli machen, weil kommende Woche der 11.11. ist. Im Gegenteil, wir werden die Zügel noch einmal anziehen – nur am Freitag selbst werden wir es vielleicht etwas ruhiger angehen lassen. Das ist genau der richtige Weg: Nicht nachzulassen, noch einmal eine Schippe draufzulegen, um sich vielleicht sogar noch weiterzuentwickeln.

bundesliga.de: Sie selbst mussten erst 33 werden und rund 400 Spiele in Bundesliga und 2. Bundesliga absolvieren, um als Kapitän eine Spitzenmannschaft zu führen. Hat das für Sie etwas Märchenhaftes?

Lehmann: Vielleicht würde ich es nicht gleich als märchenhaft bezeichnen.  Aber es ist ohne Frage etwas ganz Besonderes, dass ich das im Herbst meiner Karriere noch erleben darf. Es macht wirklich Riesenspaß mit den Jungs, und ich kann nur sagen "Lieber spät, als nie erleben". Ich genieße diese Zeit, egal ob auf dem Rasen, ob im Geißbockheim oder in der Stadt, wenn man dort unterwegs ist und die Freude der Leute über den Erfolg des FC spürt.

bundesliga.de: Sie sprechen vom "Herbst der Karriere" und verzichten auf soziale Medien wie Facebook oder Instagram. Ticken die Jungen doch so viel anders als ein 33-Jähriger?

Lehmann: Ich weiß nicht, ob sie wirklich so anders ticken. Fakt ist, dass Facebook, Instagram, Snapchat etc. für die Jungen eine sehr große Rolle spielen – während ich damit überhaupt nichts anfangen kann. Ich muss nicht wissen, was der eine oder andere in jedem Moment macht. Das ist mir einfach zu viel und vor allem auch zu transparent. Ich möchte mein Privatleben privat halten und entscheide sehr genau, wen ich daran teilhaben lasse. Es gibt mir nichts, alle fünf Minuten ein Foto oder meinen Status hochzuladen. Ich möchte auch nicht alle fünf Minuten aufs Handy gucken, weil ich sonst vermeintlich irgendetwas verpassen könnte. Diesen Zwang tue ich mir nicht an.

bundesliga.de: Im Leben mögen 15 Jahre eine überschaubare Zeit sein, im rasanten und schnelllebigen Profi-Fußball wirken sie wie eine Ewigkeit. Wie hat sich der Fußball seit Ihrem ersten Profi-Spiel im März 2001 verändert?

Lehmann: Das Spiel wird immer noch schneller. Man sieht das gerade auch an den Schiedsrichtern, für die es immer schwieriger wird, in Sekundenbruchteilen Entscheidungen fällen zu müssen. Deshalb hält die Technik immer mehr Einzug, die Regeln sind komplizierter, einfach alles ist komplexer geworden. Trotzdem ist Fußball immer noch Fußball. Und das ist gut so.

bundesliga.de: Am Samstag muss der FC zur Frankfurter Eintracht, für die Sie 2011/12 gespielt haben. Auch die Eintracht ist eines der Teams, das die Schwächephase potenziell stärker eingeschätzter Clubs für sich nutzt.

Lehmann: Das wird für uns ein sehr schwieriges Spiel, denn die Eintracht ist zuhause bärenstark. Ich erwarte eine heiße Atmosphäre in einem ausverkauften Stadion – so wie eigentlich immer in den vergangenen Jahren, wenn wir gegen die Eintracht gespielt haben, ob nun in Frankfurt oder in Köln. Wir wollen dort punkten, am liebsten natürlich dreifach. Aber das wird schwer, ganz schwer.

Das Interview führte Andreas Kötter

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