Zusammenfassung

  • Gladbachs Neuzugang Matthias Ginter sieht sich als Führungsspieler der Fohlenelf

  • Ginter: "Ich blicke auf fünfeinhalb Jahre in der Bundesliga zurück, da zählt man automatisch zu den gestandenen Spielern.“

  • Die Hartnäckigkeit und Wertschätzung von Seiten der Gladbacher haben Ginter vom Wechsel überzeugt

Mönchengladbach - Drei Jahre spielte Matthias Ginter für Borussia Dortmund, fand dort trotz regelmäßiger Einsätze aber nie einen fixen Platz in der Startformation. Mit dem Wechsel zu Borussia Mönchengladbach, wo Ginter für die Innenverteidigung vorgesehen ist, soll das nun anders werden. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Rekordtransfer der "Fohlen" über seine Gründe für seinen Wechsel von der einen zur anderen Borussia, über sein Selbstverständnis als Führungsspieler – und über den Papst.

bundesliga.de: Herr Ginter, wer mit Matthias und Lukas gleich zwei biblische Vornamen trägt, für den dürfte der Besuch mit Borussia Mönchengladbach beim Papst mehr als nur der übliche Betriebsausflug gewesen sein?

Matthias Ginter: Das ist ja quasi das halbe Neue Testament. (lacht) Im Ernst, dieser Besuch war für jeden von uns etwas ganz Besonderes, egal ob er in irgendeiner Weise mit der Kirche verbunden ist oder nicht. Ich komme aus einer katholischen Familie und die Tradition war immer wichtig.

bundesliga.de: Als Weltmeister und Olympia-Silbermedaillen-Gewinner sind Sie mit medialer Aufmerksamkeit bestens vertraut. Ist man bei einem Besuch im Vatikan dennoch nervöser als sonst?

Ginter: Ich finde schon! Der Papst ist eine der größten Persönlichkeiten überhaupt, und wenn er plötzlich vor dir steht, hat man gehörigen Respekt. Und einer solchen Persönlichkeit gegenübertreten zu dürfen, das empfinde ich als besonders große Ehre. Letztlich ist dieses Gefühl kaum in Worte zu fassen.

bundesliga.de: Der Papst fordert von uns allen immer wieder Demut und Achtsamkeit im Umgang miteinander. Wie kommt das bei einem Fußball-Profi an, der schon qua Beruf nicht nur im übertragenen Sinn immer wieder seine Ellenbogen einsetzen muss?

Ginter: Für die Zeit auf dem Rasen stimmt das natürlich, da sind Ellenbogen schon mal gefragt. Abseits des Platzes sind wir Menschen, die sich in ihren Wünschen und Sehnsüchten nicht von den Zuschauern und Fans unterscheiden. Ich bin davon überzeugt, dass man Werte, Miteinander, Toleranz, Respekt und auch Demut, leben und vorleben muss. Besonders als Fußballer.

bundesliga.de: Sie kommen nicht nur als Weltmeister, Silbermedaillen-Gewinner und Confed-Cup-Sieger zur Borussia, sondern auch als Rekord-Transfer des Vereins. Wie reagieren die Kollegen auf eine solche Fülle an Auszeichnungen?

Ginter: Ich hatte vom ersten Moment an das Gefühl, hier herzlich willkommen zu sein. Jeder, der hier spielt, hat seine Verdienste. Und es schafft nicht jeder Fußballer, für Borussia Mönchengladbach spielen zu dürfen. Ich mag im Zusammenhang mit einer Fußballmannschaft den Begriff "Komplizen" sehr. Für mich impliziert das, dass jeder immer für den anderen einsteht und man sich gegenseitig unterstützt. Ich habe aber auch nie daran gezweifelt, dass das hier so sein würde. Denn den einen oder den anderen kannte ich ja bereits von der U21- oder von der A-Nationalmannschaft. Und mit Lars Stindl habe ich mich beim Confed-Cup intensiv ausgetauscht. Deshalb fühlt es sich überhaupt nicht so an, als wäre ich gerade einmal drei Wochen bei Borussia.

Ich rechne mit einer sehr ausgeglichenen Saison. Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach)

bundesliga.de: In den vergangenen fünf Sommern haben Sie immer an einem großen Turnier teilgenommen, 2013 und 2015 an der U21-EM, 2014 an der WM, 2016 an Olympia und 2017 am Confed-Cup. Es wäre schade, wenn diese Serie im Sommer 2018 reißen würde...

Ginter: 2019 reißt die Serie zwangsläufig. Aber Sie haben Recht, ich wäre sehr froh, wenn diese Serie im kommenden Jahr noch halten würde und ich erneut zu einem großen Turnier reisen dürfte, der WM 2018 in Russland.

bundesliga.de: Fünf Jahre in Folge ohne längere Sommerpause. Wie verkraftet der Körper das?

Ginter: Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn ich jeden Sommer sechs Wochen Ferien gehabt hätte. Aber ich fühle mich auch so in keiner Weise ausgelaugt. Im Gegenteil: Ich empfinde die Teilnahme an diesen Turnieren und die Möglichkeit für Deutschland spielen zu können nicht nur als große Ehre, sondern immer wieder auch als Ansporn. Klar ist aber auch, dass es nun umso wichtiger ist, auf seinen Körper zu achten und noch professioneller zu leben als es sonst vielleicht der Fall wäre. Und gerade Regeneration spielt deshalb für mich eine enorm wichtige Rolle.

bundesliga.de: War die Angst die WM 2018 zu verpassen auch ein Grund für Ihren Wechsel? Oder warum wechselt man von der Borussia, die an der Champions League teilnimmt, zu der, die die Europa League verpasst hat?

Ginter: Ich habe in der vergangenen Saison viele Spiele gemacht, in allen Wettbewerben waren es wohl über 40. Beim BVB hat man sich dann aber entschieden, zwei neue Innenverteidiger zu verpflichten, zudem bestand zunächst Unsicherheit, wer neuer Trainer werden würde. Ich konnte deshalb nur schwer einschätzen, ob ich erneut auf verschiedenen Positionen eingesetzt werden würde. Zwar weiß ich, dass vielseitige Spieler sehr geschätzt werden. Aber diese Vielseitigkeit kann auch ein Fluch sein. Und ich sehe für mich die Zeit einfach gekommen, mich auf einer Position, der des Innenverteidigers, fest zu etablieren. Deshalb war mir im Hinblick auf die WM das Risiko in Dortmund einfach zu groß. Selbstverständlich war das aber nicht der einzige Grund, mich für Gladbach zu entscheiden...

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bundesliga.de: ...denn Max Eberl ist Ihnen so lange auf die Nerven gefallen, dass Sie schließlich gar nicht mehr anders konnten als "ja" zu sagen...

Ginter: (lacht) In der Tat haben mich die Hartnäckigkeit und die Wertschätzung von Borussia Mönchengladbach sehr überzeugt. Dieses Gefühl, dass jeder im Verein mich unbedingt haben wollte und dass man nicht aufgegeben hat, obwohl eine Verpflichtung in den Jahren zuvor zweimal nicht zustande gekommen ist – das hat mich hundertprozentig überzeugt. Und Trainer Dieter Hecking wollte mich in der vergangenen Saison ja auch schon für den VfL Wolfsburg verpflichten. Keine Frage, ich hatte drei sehr gute Jahre in Dortmund. Aber jetzt ist es an der Zeit, einen neuen Weg einzuschlagen. Und die Möglichkeit als Führungsspieler zu reifen ist für mich bei Borussia Mönchengladbach sicherlich größer als in Dortmund.

bundesliga.de: In der Tat sieht der Verein Sie in dieser Rolle, obwohl Sie selbst erst 23 Jahre alt sind. Altert man im Profi-Fußball schneller?

Ginter: Da ist etwas dran. Ich erlebe oft, dass man mich auf 25 oder 26 schätzt. Das war in den ersten Tagen auch hier der Fall. Tatsächlich verstehe ich mich selbst auch gar nicht mehr als junger Spieler. Ich blicke mittlerweile auf die Erfahrung aus fünfeinhalb Jahren Bundesliga zurück, da zählt man automatisch zu den gestandenen Spielern. Und es ist auch mein Anspruch an mich selbst, dass man spürt, dass ich bereits das eine oder andere erlebt habe im Fußball.

bundesliga.de: Als den typischen Lautsprecher kennt man Sie nicht. Was macht einen Führungsspieler nach Ihrer Interpretation aus?

Ginter: Wenn ich im Training benachteiligt werde, kann ich durchaus auch schon einmal herumschreien. (lacht) Im Ernst, für mich ist ein Führungsspieler einer, der auf dem Platz Taten sprechen lässt. Einer, der dann, wenn es darauf ankommt – zum Beispiel in den letzten Minuten einer Partie, die vielleicht schon verloren scheint – sich zeigt und versucht das Blatt noch zu wenden. Einer, der nicht nur nach außen, sondern auch intern nicht draufhaut, sondern aufbauende Worte findet, wenn es mal nicht so läuft. Gerade bei einer jungen Mannschaft ist das enorm wichtig. Ich war selbst mal jung. (lacht) Und ich weiß, wie gut es tut, wenn dir ein erfahrener Spieler zur Seite steht, dich motiviert und dich aufbaut.

Natürlich wollen wir mit einem Sieg starten! Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach)

bundesliga.de: Sie sind etwa drei Wochen bei Ihrer neuen Mannschaft. Welchen Eindruck haben Sie von der Qualität, und was ist möglich mit diesem Team?

Ginter: Ich habe einen sehr guten Eindruck, will aber auch keine allzu großen Töne spucken. Dennoch glaube ich, dass jeder Experte bestätigen würde, dass diese Mannschaft großes fußballerisches Potenzial hat. Und ich bin überzeugt, dass wir das Zeug dazu haben, der Herausforderer zu sein, der wir auch unbedingt sein wollen – gerade nach einer Saison, die nicht so berauschend gelaufen ist. Die Fans erwarten das auch in einer Saison, in der wir keine Dreifachbelastung haben. Allerdings gilt das auch für einige andere Teams wie Leverkusen, Schalke oder Wolfsburg, die ebenfalls etwas gut machen wollen. Die Mannschaften wiederum, die in der vergangenen Saison oben gestanden haben, werden sich dort halten wollen. Und die beiden Aufsteiger, Hannover 96 und der VfB Stuttgart, gehören einfach in die Bundesliga und werden ebenfalls Ansprüche anmelden. Ich rechne also mit einer sehr ausgeglichenen Saison, glaube aber, dass wir, wenn es drauf ankommt, noch ein paar Prozent herauskitzeln können.

bundesliga.de: Zum Saisonstart wartet mit dem Derby gegen den 1. FC Köln gleich ein Highlight für die Fans. Gladbach gegen Köln, kann das einen BVB gegen Schalke erprobten Derby-Kenner überhaupt beeindrucken?

Ginter: Auf jeden Fall! Welches Derby die größere Brisanz hat, möchte ich gar nicht beurteilen. Gladbach gegen Köln, das ist – wie Dortmund gegen Schalke – eines der traditionsreichsten Derbys in Deutschland. Ich erinnere mich noch gut an die vergangene Saison und Borussias tollen 3:2-Erfolg in Köln und die unglaubliche Stimmung damals. Eine solche Partie gleich zum Auftakt ist großartig! Und natürlich wollen wir mit einem Sieg starten!

Das Gespräch führte Andreas Kötter