Dortmund - Er räumt hinten alles ab und kurbelt das Spiel an. Er motiviert und dirigiert. Und jetzt trifft er auch noch ins gegnerische Tor. Mats Hummels ist in dieser Spielzeit so wertvoll für Borussia Dortmund wie zu besten Zeiten. Der Nationalspieler scheint endlich auch wieder dem eigenem Anspruch gerecht zu werden – als Weltklasseverteidiger und Führungsspieler.

Gerade einmal 15 Minuten waren gespielt am Sonntag, als Herthas Genki Haraguchi allein auf das Dortmunder Tor zulief – und sich Sekunden später verzweifelt die Haare raufte. Beim Konter der Berliner nach einem langen Ball aus der eigenen Hälfte hatte er die Führung auf dem Fuß, doch im letzten Moment spitzelte ihm Mats Hummels von hinten den Ball vom Fuß.

Ein faires Tackling, das für die aktuelle Form des Weltmeisters steht. Aufmerksam, schnell, konsequent, mit dem Gefühl für das richtige Timing. Der Innenverteidiger wirkt topfit und strahlt auf dem Platz eine Präsenz aus, die man lange vermisst hatte. Dass der BVB in fünf seiner acht Pflichtspiele ohne Gegentreffer geblieben ist und als Tabellenführer der Bundesliga erst ein Tor kassierte, darf sich der Abwehrchef der Borussia durchaus auch persönlich gutschreiben.

Ein kompletter Verteidiger und Kapitän

Mats Hummels hat immer schon auch andere Stärken gehabt, die über das reine Defensivspiel hinausgehen. Er kann ein Spiel aus den hinteren Reihen heraus lenken, hat ein Auge für den Pass in die Spitze und kann eine Partie auch als Aufbauspieler prägen. Und im Idealfall trifft er auch noch selbst. Genau das zeigt der 26-Jährige in diesen Wochen wieder.

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Schon beim Saisonauftakt gegen Gladbach hatte Hummels der Partie seinen Stempel aufgedrückt. Seine öffnenden Pässe waren es jeweils, die die ersten beiden Treffer des BVB einleiteten. Er verbuchte 101 Ballkontakte, brachte 82 Pässe an den Mann – Bestwert hinter Ilkay Gündogan. Nach der zweiten Partie in Ingolstadt adelte dann der Gäste-Trainer Dortmunds Nummer 15. "Es ist eine Augenweide, ihm beim Spielen zuzusehen. Für mich ist er der beste Innenverteidiger der Liga", lobte Ralph Hasenhüttl und kam aus dem Staunen kaum heraus: "Wir sind ja bekannt dafür, dass wir früh draufgehen. Aber Hummels spielt mit so einer Coolness, dass es für uns nicht möglich war, dem Burschen mal den Ball abzunehmen."

Jetzt beim 3:1-Sieg über Hertha BSC krönte der Nationalspieler seine bisher glänzende Saison und stellte auch noch seine Qualitäten als Vollstrecker unter Beweis. Nach einer kurz ausgeführten Ecke schraubte sich Hummels im Strafraum der Berliner hoch und nickte zur Führung ein. Es war das elfte seiner insgesamt 18 Bundesliga-Tore per Kopf und in dieser Partie der ganz wichtige "Dosenöffner" für den BVB gegen ein kompaktes Berliner Abwehrbollwerk. Der Torschütze selbst blieb bescheiden: "Ich hatte Glück, dass er hinten auf meinen Kopf geflankt hat. Und springen kann ich ja zum Glück."

"Wollen keinen Zweifel daran lassen, Spiele zu gewinnen"

Auch das ist der neue, alte Hummels. Bereitwillig gibt er Interviews und stellt sich den Fragen. Offen und ehrlich gibt er Auskunft, analysiert und antwortet auch mal mit einem Augenzwinkern. Dabei hält der Kapitän der Borussia den Ball trotz des Dortmunder Höhenfluges flach, lässt aber zugleich Selbstbewusstsein sprechen: "Ich bin nicht der große Freund von Ansagen. Wir müssen einfach unser Ding weiterspielen. Aber wir wollen möglichst viele Spiele dominieren und gar keinen Zweifel daran lassen, sie zu gewinnen."

Nichts erinnert heute mehr an jenen Mats Hummels, der in der vergangenen Spielzeit das schwarz-gelbe Trikot getragen hat. Nach außen verschlossen und missmutig, auf dem Platz fahrig und unkonzentriert. Immer wieder waren dem erfahrenen Nationalverteidiger Fehler unterlaufen, er verlor seine Zweikämpfe, seine Pässe kamen nicht an. Hummels war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er diese Borussia hätte führen können, in der auch das Kapitänsamt übernommen hatte.

Mats Hummels war schlicht überfordert – mit sich selbst und den eigenen Ansprüchen, mit seiner Leistung und seiner Rolle in der Mannschaft. Nach dem Gewinn des WM-Titels steckte der Verteidiger in einem psychischen und physischen Loch, aus dem er nur ganz langsam und erst in der Rückrunde herausgefunden hat. Mit einigem Abstand folgte vor kurzem dann das ehrliche Eingeständnis, nicht wirklich fit gewesen zu sein und zu viele Kilos mit sich herumgeschleppt zu haben: "Das war gewichtsmäßig eine Katastrophe von mir. Ich trage das Laster des Frustessens in mir. Die Hinrunde 2014/15 hat sich schwerfällig angefühlt und sah sehr schwerfällig aus."

 Verantwortung gesucht und gefunden

Für seine Analyse gab es Lob auch vom Verein. "Ich fand es sehr offen und ehrlich, wie selbstkritisch Mats eingeräumt hat, dass er nicht auf der Höhe war. Man hat es ja auch auf dem Platz gesehen, dass es nicht seine beste Saison war", stellte Sportdirektor Michael Zorc im Interview mit bundesliga.de fest." Aber jetzt macht er einen komplett fitten Eindruck und tritt wieder ganz anders auf."

Tatsächlich hat Mats Hummels einen dicken Strich gezogen. Er hat sich trotz anderer Überlegungen bewusst für einen Verbleib beim BVB entschieden und ist die neue Saison und das "Projekt Tuchel" mit neuem Schwung und altem Ehrgeiz angegangen. Austrainiert, motiviert, voller Spielfreude erfüllt er jetzt die Erwartungen, die Trainer und Verein an ihn haben. Hummels war immer schon einer, der die Verantwortung sucht. Jetzt wird er ihr auch wieder vollauf gerecht.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte