Hannover - Mit 24 Punkten und Platz acht liegt Hannover 96 in erreichbarer Nähe der Europapokal-Plätze und damit im von der Vereinsführung vorgegebenen Soll.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Präsident Martin Kind über den im Laufe der Hinrunde vollzogenen Umbruch in der Mannschaft, die Personalien Lars Stindl und Jan Schlaudraff und die Schwierigkeit von Wintertransfers.

bundesliga.de: Herr Kind, Hannover hat 24 Punkte gesammelt, wobei man zwischenzeitlich mal weniger befürchten musste, mal aber auch mehr erwarten konnte. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisher Erreichten?

Martin Kind: Vielleicht zunächst ein kurzer Rückblick: Wir haben im Sommer einen großen Umbruch in der Mannschaft eingeleitet. Deshalb sind wir mit dem Ergebnis, mit diesen 24 Punkten, voll umfänglich zufrieden. Dennoch werden wir uns in Kürze noch einmal zusammensetzen, um die Hinrunde gemeinsam zu analysieren.

bundesliga.de: Seit Beginn der Rückrunde 2013/14 führt Tayfun Korkut die Elf. Wie fällt Ihr Zwischenfazit seiner bisherigen Arbeit aus?

Kind: Ich freue mich sehr, dass Tayfun Korkut das bestätigt hat, was wir erwartet haben, als wir ihn im vergangenen Winter verpflichteten. Korkut ist ein akribischer Arbeiter, er ist sehr kommunikativ, und er weiß ganz genau, was er will und was nicht. Die Zusammenarbeit mit ihm ist spannend und macht großen Spaß.

bundesliga.de: Der angesprochene Umbruch war notwendig, weil 96 im Sommer nahezu die komplette, erfolgreiche Offensive der vergangenen Jahre verloren hat. Haben die Neuen das Zeug, an die Leistungen ihrer Vorgänger dauerhaft anzuknöpfen?

Kind: Die neuen Spieler haben unsere Erwartungen bestätigt. Ich nenne in diesem Zusammenhang Joselu, Hiroshi Kiyotake und auch Miiki Albornoz. Sie erfüllen das Profil, das wir im Vorfeld definiert hatten. Uns war es wichtig, dass es sich bei diesen Verpflichtungen um Spieler handelt, die bereits über eine deutliche Erfahrung verfügen, aber trotzdem noch so jung sind, dass weiteres Entwicklungspotenzial vorhanden ist.

bundesliga.de: Joselu liegt mit seinen sieben Treffern fraglos im Soll, der hochveranlagte Kiyotake aber konnte sich erst gegen Schluss der Hinrunde stabilisieren...

Kind: Das kann ich so bestätigen. Wir wussten, dass es am Anfang für Kiyotake nicht einfach werden würde, da er im Sommer mit einem deutlichen Trainingsrückstand aus Nürnberg zu uns gekommen war. Das haben wir intern immer so kommuniziert. Deshalb hat er die Zeit, die er benötigte, um seinen Trainingsrückstand aufzuholen und um sich zu akklimatisieren, von uns bekommen. Diese Zeit hat er genutzt, so dass wir auch mit ihm sehr zufrieden sind.

"Benötigen einen Backup für Sakai"

bundesliga.de: Umso weniger dürfte es Ihnen gefallen, dass der Japaner zum Asien- und Salif Sané zum Afrika-Cup reisen...

Kind: Das ist für uns kein neues Problem. Schon in der Vergangenheit mussten wir damit zurechtkommen, dass Spieler aus Afrika oder aus Asien im Winter zu ihren kontinentalen Meisterschaften reisen. Es steht außer Frage, dass das für den Trainer eine Herausforderung ist, handelt es sich doch in aller Regel um Spieler, die zu den Leistungsträgern unserer Mannschaft zählen. Aber darauf müssen wir uns nun einmal einstellen. Im Übrigen betrifft dieses Problem viele Vereine.

bundesliga.de: Sie haben auf der Rechtsverteidiger-Position eine Baustelle und suchen eine Alternative zu Hiroki Sakai. Werden Sie hier schon in diesem Winter erfolgreich sein?

Kind: Von einer Baustelle zu sprechen, wäre falsch. Bisweilen hat Hiroki Sakai leistungsstärkere, mal auch schwächere Phasen. Alles in allem sind wir aber mit ihm zufrieden. Allerdings stimmt es, dass wir für die kommenden Saison – und um die Planungen für die Saison 2015/16 und die Folgejahre geht es bei allen unseren Überlegungen – einen gleichwertigen Backup für Sakai benötigen. Wir beobachten aufmerksam den Markt. Und sollte bereits im Januar jemand zur Verfügung stehen, der das vorgegebene Profil erfüllt, würden wir eine solche Entscheidung mit großer Wahrscheinlichkeit vorziehen.

bundesliga.de: Gibt es auch für andere Positionen Überlegungen?

Kind: Wir haben mit Blickrichtung auf die Saison 2015/16 bis zu drei Positionen diskutiert, die intern bekannt sind. Und auch hier gilt, dass wir eine diesbezügliche Entscheidung vorziehen würden, wenn entsprechende Spieler auf dem Markt zur Verfügung stehen sollten und wir Übereinstimmung bei der Vertragslaufzeit erzielen können. So erreichen wir eine gewisse Planungssicherheit.

bundesliga.de: Sie sprechen von internen Diskussionen, werden die in Frage kommenden Positionen also kaum öffentlich kommunizieren?

Kind: Es wird sehr viel spekuliert. Wir werden aber weder etwas dementieren noch etwas bestätigen. Das würde nur zu sinnlosen öffentlichen Diskussionen führen.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie grundsätzlich die Machbarkeit und Effektivität von Winter-Transfers?

Kind: Aufgrund unserer Erfahrungen der Vergangenheit muss man sagen, dass der Januar wohl der schwierigste Monat für Transfers ist.

In der Regel haben diejenigen Spieler, an denen wir interessiert sind, laufende Verträge. Das bedeutet, dass man einen Spieler aus seinem Vertrag heraus kaufen müsste. Was wiederum die Bereitschaft des anderen Vereins voraussetzt, diesen Spieler überhaupt abgeben zu wollen. Hier aber lehrt alle Erfahrung, dass diese Bereitschaft häufig nicht vorhanden ist. Und wenn doch, muss man mit einem hohen Transfer-Aufwand rechnen. Im Ergebnis bedeutet das ein geringes Angebot bei einer differenzierten Nachfrage, so dass man zu dem Schluss kommen muss, dass der Januar kein guter Monat für Transferentscheidungen ist.

"Stindl ist ein echter Sympathieträger des Clubs"

bundesliga.de: Eine drängende Personalie ist trotz seines Vertrages bis 2016 die von Lars Stindl. Der 96-Kapitän hat sich nach seiner Verletzung schnell wieder als Kopf der Mannschaft etabliert, so dass Klubs wie Schalke, Hoffenheim oder Mönchengladbach an ihm interessiert sein sollen...

Kind: Wir haben mit ihm und mit seinem Berater vereinbart, dass wir im ersten Quartal 2015 Gespräche führen werden. Selbstverständlich sind wir sehr daran interessiert, den Vertrag zu verlängern. Denn Lars Stindl ist nicht nur - wie Sie es richtig beschrieben haben - ein leistungsstarker Kapitän, sondern auch ein echter Sympathieträger des Clubs. Er weiß um diesen Stellenwert bei Hannover 96. Trotzdem steht außer Frage, dass wir uns weiter entwickeln müssen, damit er seine Perspektive bei 96 sehen kann.

bundesliga.de: Wie werden Sie im Fall Jan Schlaudraff verfahren, der kaum noch eine Chance auf Einsätze hat?

Kind: Jan Schlaudraff weiß um seine Situation. Es ist eine der positiven Stärken von Tayfun Korkut, dass er mit Schlaudraff oft über dessen Beurteilung und Zukunft gesprochen hat. Jetzt liegt es an Jan, ob er sportlich noch einmal woanders eine Herausforderung annehmen möchte, oder ob er seine Karriere als Profi beendet. Sollte er sich für ein Karriereende entscheiden, werden wir auf jeden Fall noch einmal Gespräche führen, um zu schauen, ob und wie man ihn auch in Zukunft bei Hannover 96 einbinden könnte.

bundesliga.de: Zum Schluss noch ein Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt: Die so genannte 50+1-Regel erfährt bei der TSG Hoffenheim und Dietmar Hopp eine Ausnahme, so dass Hopp zum 1. Juli 2015 die Stimmrechte bei 1899 übernehmen kann. Diese Ausnahmeregelung könnten 2017 auch Sie für 96 in Anspruch nehmen...

Kind: Zunächst auch hier vielleicht ein kurzer Rückblick: Das Thema 50+1-Regel ist eine Diskussion, die unbedingt zu führen war. Ich erwähne hier etwa Leipzig, Ingolstadt, aber auch Bayern München und Borussia Dortmund, wo sich jeweils strategische Investoren beteiligt haben. Das zeigt die deutliche Entwicklung der Bundesligaclubs hin zu Wirtschaftsunternehmen. Deshalb Gratulation an Herrn Hopp, dass er die Bedingungen der Ausnahmeregel erfüllt hat. Die DFL hat bereits zugestimmt, und auch der DFB wird zustimmen. Wir selbst werden diesen Antrag zur Saison 2017/18 stellen und dann ebenfalls umsetzen.

bundesliga.de: Bleibt es dennoch bei Ihrer Absicht das Präsidenten-Amt 2017 abzugeben?

Kind: Darüber werden wir noch einmal diskutieren, weil viele beide Sachverhalte in einen Kontext gestellt haben. Das war so nicht geplant. Grundsätzlich gehört es aber zu meiner Verantwortung, die Zukunft von Hannover 96 neu zu ordnen. Und das soll 2017 mindestens schon einmal eingeleitet werden.

Das Gespräch führte Andreas Kötter