Hannover - Ein Trainerwechsel in einer laufenden Saison ist alles andere als unüblich im Profi-Fußball, der Wechsel der sportlichen Leitung dagegen schon weit eher. Hannover 96 ist diesen Schritt dennoch gegangen, mit Martin Bader als neuer Geschäftsführer Sport bestimmt seit Anfang Oktober ein Mann mit großer Reputation die Geschicke der Hannoveraner. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Bader über den nahezu nahtlosen Wechsel vom 1. FC Nürnberg zu 96, über die Zusammenarbeit mit Martin Kind und Trainer Michael Frontzeck und über die schwierigen Aufgaben, die in den kommenden Monaten zu bewältigen sind.

bundesliga.de: Herr Bader, im Sommer waren Sie noch Sportvorstand beim 1. FC Nürnberg, seit Oktober nun leiten Sie als Geschäftsführer die Geschickte von Hannover 96 - zeigt das einmal mehr, wie schwer sich im Profi-Fußball planen lässt?

Martin Bader: Ich war elfeinhalb Jahre in Nürnberg und hatte noch Vertrag bis 2017. Das steht sicherlich für Kontinuität. Der Aufsichtsrat und ich hatten nach dem Abstieg entschieden, dass wir in dieser Konstellation zusammen durch die 2. Bundesliga gehen, um schnellstmöglich wieder aufzusteigen. Dann sind aber Erwartungshaltungen nicht bedient worden, so dass beide Seiten das Gefühl hatten, dass der Entwicklungsprozess eher schwerfällig verläuft. Deshalb habe ich dem Aufsichtsrat schon vor dem ersten Spiel in Freiburg gesagt, dass unser Vertragswerk nicht hinderlich sein sollte, wenn man sich neu aufstellen möchte. Und wir haben eine vernünftige Lösung gefunden, bei der ich noch zwei Monate weitergemacht habe.

"Eigentlich war der Plan, erst mal nichts zu machen"

bundesliga.de: Sie waren genau genommen keinen Tag arbeitslos. War Durchatmen nach den letzten, sehr aufreibenden Monaten in Nürnberg keine Option?

Bader: Doch. Eigentlich war der Plan, erst einmal nichts zu machen und in Ruhe zu überlegen, wie es weitergehen könnte. Aber die Bundesliga lässt einem nicht allzu viel Zeit zum Überlegen, wenn eine Chance wie Hannover 96 kommt. Da sollte man sofort zupacken.

bundesliga.de: Sie sind ein Bundesliga-Manager mit großer Reputation, selbst so jemand kann das Angebot eines Bundesliga-Clubs nicht ausschlagen?

Bader: Ich weiß nicht, ob ich zugesagt hätte, als Hannover sich zunächst Gedanken gemacht hat Sportdirektor Dirk Dufner 1:1 zu ersetzen. Das wäre wohl nicht das richtige für mich, aber auch nicht für Hannover 96 gewesen. Als Martin Kind aber entschieden hat, dass man eigentlich zwei Personen sucht, einen Sportdirektor und einen Geschäftsführer Sport, war mir klar, dass ich nicht lange überlegen muss. Ein solches Angebot darf man nicht ausschlagen. Es ist immer noch etwas ganz Besonderes in der Bundesliga arbeiten zu dürfen. Da muss Privates hinten anstehen.

"Das ist jetzt mein Verein"

bundesliga.de: Sie sind seit etwa sechs Wochen im Amt. Wie sehr kann einem in dieser kurzen Zeit ein neuer Club ans Herz wachsen, nach elf Jahren in Nürnberg?

Bader: Diese Frage habe ich mir auch gestellt - ob ich wirklich in der Lage bin, nahtlos von heute auf morgen umzudenken. Aber schon bei meinem ersten Spiel, dem 1:1-Unentschieden in Wolfsburg, habe ich gespürt wie sehr es kribbelt. Und spätestens im ersten Heimspiel gegen Bremen, dass wir erfreulicherweise 1:0 gewonnen haben, habe ich gemerkt, dass ich voll dabei bin. Natürlich kann man die Mitarbeiter, die Spieler und die Strukturen noch nicht so gut kennen wie das beim alten Verein der Fall war. Und doch weiß man innerhalb kürzester Zeit zu einhundert Prozent "das ist jetzt mein Verein!" Das ist viel schneller gegangen, als ich erwartet hätte.

bundesliga.de: Was bleibt vom 1. FC Nürnberg?

Bader: Jeder, der so lange bei einem Verein arbeitet, kann das nur machen, wenn er die Aufgabe komplett verinnerlicht. Das wird einem Christian Heidel in Mainz oder einem Michael Zorc in Dortmund nicht anders gehen, als es bei mir in Nürnberg der Fall war. Man nimmt die Arbeit mit nach Hause, die Familie identifiziert sich mit dem Verein, die Kinder laufen im Vereinstrikot herum. Und man zählt während der Saison nicht die Tage bis zum Urlaub, sondern im Urlaub die Tage, bis es endlich wieder losgeht. Deshalb wird mein erster Blick, wenn die jeweiligen Aufgaben in Hannover abgearbeitet sind, immer nach Nürnberg zum Club gehen.

"Macht keinen Sinn, alles in Frage zu stellen"

bundesliga.de: Nach dem von Nürnberg nach Hannover wartet auch eine schwere Aufgabe auf Sie.

Bader: Wo ist es in der Bundesliga schon leicht zu arbeiten? Und wie definiert man in diesem Zusammenhang leicht bzw. schwer? Betrachtet man die sportliche Situation, ist es sicherlich eine schwierige Saison, noch dazu, wenn man wie ich während der Spielzeit beginnt. Es würde aber keinen Sinn machen, alles infrage zu stellen. Es wäre auch vermessen, einem Verein wie 96, der seit 14 Jahren Bundesliga spielt, zu sagen:  "Jetzt machen wir aber alles ganz anders". Mag sein, dass man sportlich woanders etwas entspannter arbeiten kann. Vielleicht sind dort dann die Strukturen aber nicht so herausragend wie in Hannover. Hier gehört die HDI Arena dem Verein, der Zuschauerschnitt liegt über 40.000, die Gesellschafterstruktur ist beispielhaft, und Martin Kind hat über 18 Jahre etwas aufgebaut, das Vorbild für viele andere Clubs ist.

bundesliga.de: Der Wechsel der sportlichen Leitung während einer Saison ist in der Tat weit ungewöhnlicher als der eines Trainers. Ein neuer Trainer kann in der täglichen Arbeit mit der Mannschaft sofort Einfluss nehmen, ein Geschäftsführer Sport kann das nicht...

Bader: Das stimmt. Der Geschäftsführer kann nicht mit der Mannschaft auf den Platz gehen und sagen "ich habe neue Ideen, und jetzt laufen wir statt links alle rechts herum". Für mich geht es darum, Mannschaft und Trainerstab zu vermitteln: "Jetzt ist wieder ein täglicher Ansprechpartner für euch da, der euch Halt gibt". Ein solcher Ansprechpartner hat über mehrere Wochen gefehlt, so dass einiges aufgelaufen ist. Die ersten Stunden waren daher davon geprägt, dass ich die Mitarbeiter kennengelernt und Gespräche geführt habe. So habe ich z. B. mit Michael Frontzeck besprochen, dass ich nicht beim Training anwesend und nicht auf der Bank sitzen, aber immer dann da sein werde, wenn er mich braucht. Ich möchte eine Struktur aufbauen, die relativ schnell greift, zunächst für die Transferperiode im kommenden Januar, aber auch nachhaltig für die Rückrunde und die folgenden Jahre. Für eine erfolgreiche Zukunft von Hannover 96.

"Die Mannschaft hat genug Substanz"

bundesliga.de: Wie schätzen Sie nach diesem ersten Kennenlernen den Kader ein; gibt der mehr her als die gefährliche Region rund um den Relegationsplatz?

Bader: Wenn ein Drittel der Saison gespielt ist und die Mannschaft auf Platz 15 steht, spiegelt das die aktuelle Situation deutlich wider. Dem muss man demütig Rechnung tragen und bekennen, dass die Mannschaft im Sommer Qualität verloren hat, und der eine oder andere Neuzugang, den man sich als Leistungsträger gewünscht hätte, noch nicht die Leistung abruft, um nach der Last Minute-Rettung im Mai eine sorgenfreiere Saison zu erleben. Uns ist bewusst, dass 14 Jahre ununterbrochen Bundesliga nicht automatisch auch weitere Jahre garantieren. Deshalb werden wir im Winter an einigen Stellschrauben drehen müssen. Allerdings hat unsere Mannschaft gezeigt, dass sie genügend Substanz hat, um Spiele gewinnen und sich mit großem Einsatz gegen den Abstieg wehren zu können. Ein Fakt ist, dass die Mannschaft mit Michael Frontzeck aus den vergangenen drei Auswärtsspielen in Wolfsburg, Köln und Hamburg sieben Punkte geholt hat.

bundesliga.de: Eine dieser Stellschrauben betrifft die Offensive. Auch wenn Sie verständlicherweise keine Namen kommentieren, dürften Sie sich wohl gerne an Ihre sehr guten Nürnberger Erfahrungen mit dem heutigen 96-Spieler Hiroshi Kiyotake und dem Gladbacher Borussen Drmic zurückdenken...

Bader: Ja (lacht). Wir haben Josip Drmic damals aus der Schweiz geholt und wussten nicht, ob das wirklich funktioniert. Dann aber hat die Konstellation in Nürnberg, mit Hiroshi Kiyotake, dazu geführt, dass Josip in einer Saison 17 Treffer erzielt hat. Daran erinnere ich mich natürlich gerne. Trotzdem müssen wir realistisch bleiben. Wir müssen die Drmics und Kiyotakes dieser Welt finden, wenn sie noch nicht bei Vereinen wie Borussia Mönchengladbach spielen. Einen Wechsel von Josip zu Hannover 96 kann ich, Stand heute, ausschließen.

"Ich möchte transparent bleiben"

bundesliga.de: Werden Sie auf Transfers setzen, oder können Sie sich auch kurzfristige Ausleihen nur bis Saisonende vorstellen?

Bader: Der Winter ist die komplizierteste Transferperiode, und Winter-Transfers sind die schwierigsten Transfers. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen. Wir gehen das ganz pragmatisch an. Die Spieler in Deutschland sind bekannt. Wir schauen in Länder, in der die Saison am 31.12. endet oder auch z.B. nach England bei Vereinen, die einen breiten Kader haben. Hannover ist hier schon einmal sehr gut gefahren, als man Mame Diouf aus Manchester geholt hat. Was Ausleihe oder Transfer betrifft - da können wir uns alles vorstellen, diesbezüglich sind die Gedanken komplett frei. Aber wir werden auch alles daran setzen, dass Transfererlöse ein Stilmittel dieses Vereins sind. Und grundsätzlich herrscht bei uns wirtschaftliche Vernunft.

bundesliga.de: In Zukunft sollen Sie nicht nur die sportliche Ausrichtung bestimmen, sondern auch Martin Kind als erster Ansprechpartner und Gesicht des Clubs ersetzen...

Bader: Das ist auf einen längeren Zeitraum ausgelegt. Martin Kind und ich haben regelmäßigen Austausch, sprechen nahezu täglich, und ich stimme alle Prozesse mit ihm ab, die ich anschiebe. Denn ich möchte transparent bleiben und die Logik meiner Arbeit transportieren. Es ist überhaupt nicht beabsichtigt, dass Martin Kind in den kommenden Jahren alles abgibt. Vielmehr geht es darum, Dinge vorzubereiten, die wir dann gemeinsam besprechen. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Martin Kind wird auch in Zukunft Gesicht von Hannover 96 sein. Ich bin ein zusätzliches Gesicht, so dass wir nun breiter aufgestellt sind. Wenn in Zukunft der Sturm von vorne bläst, bekommt es nicht mehr nur einer ab. 

"Frontzeck hat H96 im freien Fall gestoppt"

bundesliga.de: Wenn Sturm aufkommt, muss den immer auch der Trainer aushalten. Haben Sie deshalb Michael Frontzeck gerade den Rücken gestärkt?

Bader: Seit Wochen fragen mich die Medien immer wieder nach dem Trainer. Ich möchte diese Diskussion auf ein paar Fakten herunterbrechen. Michael Frontzeck hat Hannover 96 im freien Fall gestoppt und die Klasse gehalten. Das war keine Selbstverständlichkeit, lässt man die vergangene Rückrunde noch einmal Revue passieren. Deshalb haben die Verantwortlichen mit ihm im Sommer aus voller Überzeugung einen Vertrag gemacht. Warum das von vielen infrage gestellt wurde, hat sich mir aus der Entfernung nicht erschlossen. Ich habe Michael kennen gelernt als sehr kommunikativ, mit einer hohen Identifikation mit diesem Verein. Er stellt sich stets vor die Mannschaft. Zudem ist er stets loyal und - Stichwort Wirtschaftlichkeit - hat nie Dinge gefordert, die nicht machbar sind, sondern geht den Weg mit, auf junge Spieler zu setzen. Außerdem steht er mit der Mannschaft aktuell über dem Strich. Das sind die Fakten. Und ich werde alles tun, ihm den Rücken freizuhalten und dafür zu sorgen, dass wir in dieser Konstellation lange erfolgreich zusammenarbeiten können.

bundesliga.de: Schon die nächste Aufgabe bei Borussia Mönchengladbach verlangt viel von Trainer und Mannschaft...

Bader: Wir fahren vielleicht zum falschen Zeitpunkt nach Mönchengladbach, vor ein paar Wochen wäre es etwas einfacher gewesen. Jetzt ist die Borussia in einer beeindruckenden Verfassung und tritt unter dem neuen Trainer André Schubert sehr erfolgreich auf. Dass diese Mannschaft ohnehin um die Champions -League-Plätze mitspielen kann, war aber von vornherein klar. Deshalb sind wir klarer Außenseiter, auch wenn wir es in den beiden letzten Auswärtsspielen gut gemacht und in Köln und Hamburg gewonnen haben. Wir wollen ein paar Nadelstiche setzen, wissen aber, dass Borussia Mönchengladbach normalerweise nicht unsere Kragenweite ist.

Das Gespräch führte Andreas Kötter