Die Saison 2014/15 ist angelaufen, zwei Spieltage wurden bereits absolviert und drei der vier Champions-League-Teilnehmer mussten bereits Punktverluste hinnehmen. Die Partien waren fast alle eng, das Niveau hoch. Zudem verpflichteten einige Vereine in den letzten Tagen auch noch weitere hochkarätige Spieler. Im Interview mit bundesliga.de analysiert der frühere Bundesliga-Trainer Markus Babbel (VfB Stuttgart, Hertha BSC, TSG 1899 Hoffenheim) das Geschehen der letzten Wochen.

bundesliga.de: Herr Babbel, die ersten beiden Spieltage sind gespielt. Bayer Leverkusen hat einen optimalen Start erwischt, die anderen Topvereine wie der FC Bayern München, Borussia Dortmund oder der FC Schalke 04 haben bereits erste Federn gelassen. Kommt es für Sie überraschend, dass diese drei Teams am Anfang ein bisschen schwächeln?

Markus Babbel: Was heißt schwächeln? Dass Dortmund gegen Leverkusen verliert, war für mich jetzt nicht die ganz große Überraschung. Man konnte schon in der Vorbereitung und im Spiel gegen Kopenhagen sehen, dass Leverkusen einen sehr guten Eindruck gemacht und sich sehr gut verstärkt hat. Da ist eine gewisse Euphorie zu spüren. Dortmund ist durch den Sieg in Augsburg wieder in der Spur. Und bei Bayern München war es zu erwarten, dass es nicht von Anfang an locker von der Hand gehen wird. Sie brauchen etwas Zeit. Das haben sie auch betont, weil auch die Vorbereitung alles andere als optimal verlaufen ist. Durch die Weltmeisterschaft hatten sie viele Spieler nicht von Anfang an an Bord und konnten nicht sofort den Hurrafußball spielen, den man von ihnen sonst kennt. Beim Spiel auf Schalke hätte es ja schon 3:0 für die Bayern stehen können, ehe Schalke ins Spiel kam. Dann wäre alles im Lot gewesen. Aber ein Punkt auf Schalke ist auch nicht schlecht, weil die Knappen eine Mannschaft mit einer gewissen Qualität haben und den Bayern auch Paroli bieten können.

bundesliga.de: Jetzt haben einige Vereine personell noch einmal nachgelegt. Borussia Dortmund hat Shinji Kagawa zurückgeholt, die Bayern Xabi Alonso verpflichtet, der Hamburger SV Lewis Holtby oder Hertha BSC Salomon Kalou geholt. Glauben Sie, dass diese Spieler und Typen der Bundesliga guttun?

Babbel: Absolut. Das kann ich nur begrüßen. Das zeigt auch den Stellenwert der Bundesliga. Ich habe ein Interview mit Kalou gelesen, der sagte, dass die Bundesliga in aller Munde sei und er von Kollegen nur das Beste gehört habe. Deswegen stand es für ihn außer Frage, nach Berlin zu gehen. Die Bundesliga ist hochattraktiv, weil auch Bayern München und Borussia Dortmund in der Champions League einen tollen Fußball geboten haben. Die Bundesliga hat sich noch mehr Respekt erarbeitet. Dass Real Madrid einen Spieler wie Xabi Alonso zu Bayern München gehen lässt, war allerdings schon eine Überraschung. Aber das tut der Bundesliga gut, wenn solche namhaften Spieler in die Bundesliga kommen.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Verpflichtung von Kagawa?

Babbel: Das ist ein alter Bekannter. Er weiß, was er am BVB hat. Vielleicht sagt er im Nachhinein: „Vielleicht wäre ich besser in Dortmund geblieben.“ Der Kagawa, der damals nach England gegangen ist, war ein  hochinteressanter Spieler, der der Bundesliga viele schöne Augenblicke beschert hat. Es wird jetzt spannend zu sehen sein, wie er die beiden Jahre bei Manchester United verkraftet, ob er da Schaden genommen hat und wie schnell er wieder zur alten Form findet.

bundesliga.de: Solche Transfers sind für das Image der Bundesliga sicher gut. Wo siedeln Sie die Bundesliga, die Weltmeister-Liga, im internationalen Vergleich an?

Babbel: Es wird immer darum gehen, wie die Bundesligisten in der Champions League und auch in der Europa League abschneiden. Gerade in der Europa League haben die deutschen Vereine keine guten Ergebnisse erzielt. Dieser Wettbewerb wurde anscheinend nicht so ernst genommen, was schade ist. Denn sie ist nach wie vor ein hochinteressanter Wettbewerb. In der Champions League haben die Bayern, Dortmund, auch Schalke und Leverkusen die Vorrunde überstanden. Bei Letzteren fehlte der letzte Schritt, um mal ins Viertel- oder Halbfinale zu kommen. Aber trotz alledem: Für die Möglichkeiten, die die Bundesliga bietet, haben diese Clubs einen guten Job gemacht.

bundesliga.de: Wer könnte in dieser Saison in der Bundesliga ein Überraschungsteam werden?

Babbel: Ich denke, es wird wieder auf die üblichen Verdächtigen hinauslaufen: Bayern, Dortmund, Schalke und Leverkusen, das ich sehr hoch einschätze. Dahinter kommen der VfL Wolfsburg und Borussia Mönchengladbach, die schon über einen längeren Zeitraum bewiesen haben, oben reinstoßen zu können. Vielleicht wird es Hoffenheim oder Hannover 96. Wenn bei denen alles optimal läuft und sie keine Verletzten haben, bringen die beiden schon eine spielerische Qualität mit.

bundesliga.de: Was trauen Sie den beiden Aufsteigern zu?

Babbel: Ich habe den 1. FC Köln am Samstag in Stuttgart gesehen. Die haben einen sehr harmonischen Eindruck hinterlassen. Sie haben sehr gut verteidigt und den Stuttgartern kaum etwas zugestanden und sind nach vorne immer wieder selber gefährlich geworden. Auch diese Vereine brauchen etwas Glück, verletzungsfrei zu bleiben, weil sie in der Breite auch nicht so einen starken Kader haben. Aber sie machen einen sehr homogenen Eindruck, genauso wie Paderborn. Sicherlich wird der SC Paderborn wegen seiner geringeren finanziellen Möglichkeiten immer als erster Abstiegskandidat genannt. Aber ich habe es schon vorher gesagt, dass das eine gefährliche Mannschaft ist, weil sie einen unheimlichen Zusammenhalt demonstriert und dadurch für viele Gegner schwer zu spielen ist. Das hat der HSV zu spüren bekommen. Auch Paderborn hat drei, vier Spieler, die den Unterschied ausmachen können. Die Mannschaft hat funktioniert.

bundesliga.de: Wer ist Ihr Meisterfavorit? Bleibt es beim Zweikampf Bayern gegen Dortmund?

Babbel: Alles andere wäre für mich eine ganz große Überraschung. Die Bayern sind meine Nummer 1. Auch weil sie jetzt noch einmal nachgerüstet haben, weil sie gemerkt haben, dass mit Javi Martinez ein ganz wichtiger Spieler für längere Zeit ausfällt und es auch ungewiss ist, wann Bastian Schweinsteiger zurückkommt. Das ist schade für die jungen Spieler. Die Qualität müsste sich eigentlich durchsetzen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski