Köln - Die Fans und Experten in Deutschland staunen weiter über den Höhenflug von Hertha BSC. Die Berliner haben sich in der Tabelle überraschend bis auf Platz 3 gespielt und mit attraktivem Fußball die Anhänger nicht nur in der Hauptstadt begeistert. Im Interview mit bundesliga.de analysiert der ehemalige Hertha-Innenverteidiger Marko Rehmer die Gründe für die erfreuliche Entwicklung. Der Vize-Weltmeister von 2002 traut den Berlinern viel zu.

bundesliga.de: Herr Rehmer, Hertha BSC ist bisher die Überraschungsmannschaft der Saison und steht auf Platz 3. Wie überraschend kommt für Sie der Höhenflug Ihres Ex-Clubs?

Marko Rehmer: Mir war schon klar, dass Hertha besser spielen würde als in der vergangenen Saison. Aber dass sie so souverän auftreten, kommt auch für mich überraschend. Das muss ich zugeben. Platz 3 in der Bundesliga ist sicher eine Überraschung, aber sie stehen auch zurecht dort oben.

"Hertha hat sich sehr gut verstärkt"

bundesliga.de: Welche Gründe sind für den Aufschwung ausschlaggebend?

Rehmer: In erster Linie Trainer Pal Dardai. Es war wichtig, dass er die Saisonvorbereitung machen konnte. Man sieht jetzt, wie die Mannschaft marschieren kann. Darüber hinaus hat er die Mannschaft in der Defensive stabilisiert. Und er hat aus einer früher reagierenden Truppe eine Mannschaft geformt, die nun selbst agiert. Außerdem hat sich Hertha sehr gut verstärkt. Vedad Ibisevic ist genauso ein Volltreffer wie Mitchell Weiser, der auf der rechten Seite marschiert. Dahinter spielt Vladimir Darida eine wichtige Rolle. Die Neuverpflichtungen haben richtig eingeschlagen, es passt einfach. Und mit den Punkten und Siegen ist das Selbstvertrauen der Mannschaft gestiegen. Das sieht man ihr an.

bundesliga.de: In der vergangenen Saison hing Salomon Kalou als Herthas Spitze oft in der Luft. Inwieweit profitiert er von Ibisevic?

Rehmer: Er spielt eine andere Rolle. Als einzige Spitze war er manchmal etwas überfordert, weil Pal Dardai auch sicher von ihm verlangt hat, dass mehr nach hinten arbeiten muss. Mit Ibisevic hat er nun einen Sturmpartner, der ihn auch bei der Defensivarbeit entlastet.

"Der Abstiegskampf hat sich erledigt"

bundesliga.de: Wieviel Substanz steckt hinter den Erfolgen der Berliner? Trauen Sie der Mannschaft am Ende der Saison einen Platz unter den ersten sechs Teams zu?Rehmer: Man muss jetzt das Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 abwarten. Wenn Hertha es schafft, in dem Spiel die drei Punkte zu holen, haben sie in der Hinrunde 32 Punkte eingefahren. Dann dürfte sich das Thema Abstiegskampf erst einmal erledigt haben. Vielleicht werden dann neue Ziele ausgerufen, so wie es Pal Dardai im DFB-Pokal mit der klaren Ansage getan hat, das Endspiel erreichen zu wollen. So kenne ich meinen früheren Mitspieler Pal auch. Hertha hat große Chancen, im nächsten Jahr international zu spielen. Ob es für die Champions League reichen könnte, muss man abwarten. Die Gladbacher haben sich wieder oben herangekämpft, Leverkusen spielt nicht so konstant. Herthas Problem in der Vergangenheit war oft, dass die Mannschaft nicht konstant über eine Saison gespielt hat. Wenn sie es schaffen, ohne größere Schwächephase durch die Rückrunde zu gehen, dann ist ein internationaler Platz drin.

bundesliga.de: Sie sprechen die fehlende Konstanz an. Vor zwei Jahren überwinterte Hertha als Aufsteiger mit 28 Punkten auf Platz 6 und brach dann in der Rückrunde mit nur 13 Punkten ein. Das Beispiel dürften viele Hertha-Spieler noch vor Augen haben.

Rehmer: Ganz genau. Da gibt es viele Beispiele. Eintracht Frankfurt ist vor einigen Jahren mit 26 Punkten nach der Hinrunde noch abgestiegen. Davon gehe ich natürlich nicht aus. Aber man sollte sich auch nicht zu sicher fühlen. Die aktuelle Situation tut Hertha BSC auf jeden Fall gut, sie tut auch der Stadt und den Fans gut. Die wurden in den letzten Jahren auch arg gebeutelt. In diesem Jahr spielt Berlin einen schönen offensiven Fußball. Sie hat viele verschiedene Torschützen und ist auch schwer auszurechnen. Hertha hat keine drei Superstars, funktioniert aber als Team sehr gut. Das hat Pal Dardai mit seinem Trainerteam, insbesondere Co-Trainer Rainer Widmayer, der ein guter Taktiker ist, sehr gut hinbekommen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski