Gelsenkirchen - Er steht weniger im Fokus als die Topstars vom FC Schalke 04 wie Kevin-Prince Boateng oder Klaas-Jan Huntelaar. Weniger wichtig aber ist Marco Höger definitiv nicht, ist er doch in Abwehr und Mittelfeld vielseitig einsetzbar. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Höger vor dem Ruhrpott-Schlager gegen Borussia Dortmund (Samstag ab 15:00 Uhr im Liveticker) über den besonderen Kick des Derbys, über Schalkes aktuell eher defensive Ausrichtung und über ein . nicht ganz ernst gemeintes - zweites Karriere-Standbein.

bundesliga.de: Herr Höger, unabhängig von den sportlichen Chancen oder dem Ausgang der jeweiligen Partie - was kickt Sie mehr: Ein Champions League-Spiel gegen Real Madrid oder das Derby gegen den BVB?

Marco Höger: Das ist nicht so leicht zu beantworten (lacht). Ein Derby gegen den BVB ist sicher emotionaler. Was aber den rein sportlichen Wert betrifft, sehe ich eine Begegnung gegen den BVB auf einem ähnlichen Niveau wie eine Partie gegen Real Madrid, den FC Barcelona oder Manchester United.

"Das größte Derby hierzulande"

bundesliga.de: Als gebürtiger Kölner sind Ihnen auch die Derbys zwischen dem FC und Fortuna Düsseldorf bzw. Borussia Mönchengladbach ein Begriff. Wo steht BVB-Schalke auf der Derby-Skala?

Höger: Ich war noch ziemlich jung, als ich das eine oder andere Rhein-Derby miterleben durfte. Auch diese Partien üben ohne Frage einen großen Reiz aus. Trotzdem glaube ich, dass das größte Derby hierzulande immer noch Schalke gegen den BVB beziehungsweise BVB gegen Schalke ist. In Deutschland gibt es einfach nichts Größeres. Das als Spieler mitzuerleben, ist eine fantastische Sache, die man nur jedem Fußballer wünschen kann.

bundesliga.de: Tony Jantschke hat kürzlich im Interview mit bundesliga.de gesagt, er verstehe zwar, warum ein Derby für die Fans das Größte sei, für einen Spieler aber sei auch ein Derby eine Partie wie viele andere, nur mit etwas mehr Wirbel drum herum. Schließlich gebe es für einen Derby-Sieg auch nur drei Punkte.

Höger: Ich verstehe selbstverständlich, was Tony meint, denn in der Tabelle macht sich ein Derbysieg nicht anders bemerkbar als jeder andere Sieg. Es ist das Drumherum, das ganze, ich nenne es einmal Theater, das einen ansteckt und bereits im Vorfeld elektrisiert. Jedenfalls sind das Hin- beziehungsweise Rück-Spiel gegen den BVB die unbestrittenen Highlights der Saison.

"Meine Bilanz gegen den BVB ist positiv"

bundesliga.de: Sie sind im vierten Jahr Schalker. Vertragen sich rheinische Frohnatur und die etwas rauere Revier-Herzlichkeit?

Höger: Vom Dialekt einmal abgesehen, sehe ich keinen großen Unterschied. Denn auch im Ruhrpott begegnen einem die Menschen mit großer Freundlichkeit. Ich bin mit offenen Armen empfangen geworden und habe mich dementsprechend sehr schnell einleben können. Und ich identifiziere mich zu einhundert Prozent mit diesem Verein.

bundesliga.de: Was war Ihr bisher größter Derby-Moment?

Höger: In meinem zweiten Schalker Jahr haben wir in Dortmund 2:1 gewonnen, und ich konnte den Siegtreffer erzielen. Das war mit Abstand mein bisher größtes Derby-Erlebnis. Überhaupt ist meine Bilanz gegen den BVB durchaus positiv und ich hoffe sehr, dass sich das am Samstag nicht ändern wird.

bundesliga.de: Der BVB scheint zurück in der Spur, Schalke hat nach tollem Rückrundenstart zuletzt einen Dämpfer bekommen mit Niederlagen gegen Frankfurt und Real sowie dem Unentschieden gegen Bremen. Lassen sich Rückschlüsse aufs Derby ziehen?

Höger: Selbstverständlich lässt sich anhand vorheriger Ergebnisse trefflich spekulieren und eine Menge in ein solches Spiel hineinlesen. Und ohne Frage waren gerade die beiden letzten Ergebnisse in der Liga bitter für uns. Trotzdem bin ich der Meinung, dass unsere Form so schlecht nicht ist. Im übrigen spielt die aktuelle Form oder der aktuelle Tabellenstand in einem Derby ohnehin kaum eine Rolle. Diese Spiele haben einen ganz eigenen Charakter und funktionieren auf einer weit emotionaleren Ebene. Beide Teams spielen mit offenem Visier, und einen Favoriten gibt es nicht.

"Der Erfolg gibt uns recht"

bundesliga.de: Apropos "offenes Visier": Objektiv betrachtet hat Schalke in den vergangenen Wochen sehr diszipliniert agiert. Kritiker sprechen dagegen von einer zu defensiven Ausrichtung. Stört Sie diese Kritik?

Höger: Auf Schalke muss man generell damit leben, dass viele Leute immer mal wieder etwas zu nörgeln haben. Anfangs wurde uns vorgeworfen, dass wir zu offensiv agieren und deshalb zu viele Gegentore bekommen würden. Seitdem wir das abgestellt haben, heißt es plötzlich, dass wir zu defensiv eingestellt sind und zu wenige Tore erzielen. So ist das nun mal auf Schalke. Und letztlich macht das auch ein Stück weit den Reiz dieses Vereins aus. Es ist auch nicht so, als ob es uns Spielern nicht gefallen würde, wenn wir im Fokus stehen. Hin und wieder aber ärgert es einen dennoch, wenn es heißt, wir würden mit einer Mauer-Taktik spielen. Aber was soll’s?! Im Endeffekt gibt uns der Erfolg Recht. Unser Ziel war und ist die Qualifikation für die Champions League - also mindestens Platz vier. Und genau da stehen wir aktuell. Das ist es, was zählt.

bundesliga.de: Im DFB-Pokal ist Schalke längst raus. In der Champions League dürfte nach der Heimniederlage gegen Real Schluss sein. Wäre das vielleicht sogar ganz gut, weil man sich so ganz auf die Bundesliga konzentrieren könnte?

Höger: Sie haben Recht, das kann durchaus positiv sein. Denn die Saison ist sehr lang und anstrengend und wenn gegen Ende keine englischen Wochen mehr anstehen, kann das durchaus entlasten. Andererseits können Top-Ergebnisse in der Champions League auch pushen, so dass man aus diesen Spielen zusätzliches Selbstvertrauen für die Liga gewinnt.

"Ich habe meine Position gefunden"

bundesliga.de: Stichwort "Selbstvertrauen": Sie gelten als variabel einsetzbarer Spieler; ist diese Vielseitigkeit eher Segen, weil man dadurch statistisch größere Chancen hat zu spielen, oder doch Belastung, weil man kein echtes Zuhause auf dem Rasen hat?

Höger: Aktuell habe ich meine Position, glaube ich, gefunden. Roberto Di Matteo setzt mich regelmäßig auf der rechten Acht ein, ich muss also nicht mehr so sehr viel hin und her springen. Aber so oder so, ich sehe meine Vielseitigkeit auf jeden Fall als Segen und als große Stärke an. Schließlich gibt es heutzutage nicht mehr so sehr viele Spieler, die variabel einsetzbar sind. Und ein Segen ist es selbstverständlich auch für die Mannschaft, wenn ein Spieler mehrere Positionen bekleiden kann - gerade dann, wenn viele Spieler verletzt sind und Not am Mann ist.

bundesliga.de: Spielertypen wie Sie sind gefragt und Ihr Vertrag läuft 2016 aus; wissen Sie schon, wie es dann weitergeht?

Höger: Nein, darüber haben wir noch nicht gesprochen. Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, auf Schalke zu bleiben. Aber - auch wenn es wie ein Klischee klingt - man weiß im Fußball natürlich nie was in ein, zwei Jahren ist.

 

Das Gespräch führte Andreas Kötter