Köln - Im zweiten Teil des großen Interviews mit bundesliga.de spricht Marco Bode, der neue Aufsichtsratsvorsitzende vom SV Werder Bremen über finanzielle Risiken, einen möglichen Transfer von Bryan Ruiz und über den neuen Trainer Viktor Skripnik.

bundesliga.de: Herr Bode, Werder Bremen hat sich in der Vergangenheit geweigert, ins finanzielle Risiko zu gehen. Auch wenn es beinahe absurd klingt - Kann man sich den Verzicht auf finanzielles Risiko heute noch leisten im Profi-Fußball?

Bode: Nein. Ein Fußball-Club muss Risiken eingehen. Das primäre Ziel bleibt immer der sportliche Erfolg. Den versucht man zu erreichen, ohne wirtschaftlich unvernünftig zu werden. Wir brauchen ein gewisses Risiko, dürfen die Vernunft aber nicht komplett über Bord werfen. Denn "Risiko" bedeutet nichts anderes, als dass es auch schief gehen kann.

bundesliga.de: Dafür gibt es im Fußball durchaus einige abschreckende Beispiele...

Bode: Wenn man viel Geld in die Hand nimmt, um in den Kader zu investieren, und diese Spieler schlagen - aus welchen Gründen auch immer - nicht ein, ist die Situation in aller Regel um einiges schlimmer als zuvor. Das kann es nicht sein. Also muss man versuchen, einen Mittelweg zu finden: So viel Risiko wie nötig, so viel wirtschaftliche Vernunft wie möglich.

bundesliga.de: Werders Trainer-Legende Otto Rehhagel hat – im Bezug auf das Spiel selbst - gerne von kontrollierter Offensive gesprochen...

Bode: ...Otto habe ich gerade am Wochenende noch getroffen (lacht).

"Transfers sind lebenswichtige Entscheidungen"

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bundesliga.de: Wie könnte eine kontrollierte Offensive im wirtschaftlichen Bereich aussehen?

Bode: In gewisser Weise so wie in den vergangenen Jahren. Denn auch da haben wir genau genommen bereits defizitär gearbeitet, aber dennoch versucht, eine sportlich konkurrenzfähige Mannschaft zu stellen. Wir sind aber nicht so gefährdet, als dass die Existenz des Klubs auf dem Spiel stehen würde. Deshalb kann es sein, dass wir innerhalb dieses Korridors maximal hart am Wind segeln. Und wenn der Trainerstab in seiner Analyse Transfers für nötig hielte, dann werden wir Lösungen finden. Immer in der Hoffnung, dass wir über einen besseren Tabellenplatz auch wieder mehr Geld verdienen.

bundesliga.de: Könnte einer dieser Spieler der costa-ricanische WM-Star Bryan Ruiz sein, an dem es schon im Sommer Interesse gegeben haben soll?

Bode: Es gäbe bestimmt viele Fans, die das befürworten würden. Andere aber würden sich vielleicht einen anderen Namen wünschen. Ich möchte meine Haltung daher nicht an einem bestimmten Spieler festmachen. Die Geschäftsführung mit Thomas Eichin als verantwortlichen in diesem Bereich wird sich darüber intensive Gedanken machen. Letztlich geht es darum, bei jedem Transfer annähernd 100 Prozent Überzeugung zu leisten. Denn Transfers sind für Fußballclubs lebenswichtige Entscheidungen. Trotzdem bleibt ein gewisses Restrisiko. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, dass fünf Millionen Euro Kaufpreis für einen Spieler im Verhältnis zum Umsatz eine enorme Investition sind. Übertragen auf die Wirtschaft würde das wahrscheinlich bedeuten, dass ein Unternehmen wie die Telekom ein Drei-Milliarden-Investitionsprogramm startet.

"Stadionname? Da gibt es eine intelligente Lösung"

bundesliga.de: Viele Clubs haben sich in der jüngeren Vergangenheit im Rahmen der vorgeschriebenen Möglichkeiten Investoren geöffnet, so wurden etwa Stadionnamen verkauft. Hier scheint Werders bisheriger Weg tatsächlich noch einer anderen Zeit verhaftet...

Bode: Dieser Punkt ist mir wichtig: Bevor wir nicht ernsthaft darüber diskutiert haben, schließen wir erst einmal fast nichts aus. Aber erstens ist es zunächst ein Thema der Bremer Weser-Stadion GmbH und kein direktes Werder-Thema. Zweitens gibt es beim Thema Naming Right am Stadion bereits eine intelligente Lösung mit starken Partnern, die nicht auf eine Umbenennung bestehen. Da muss man erst mal ein besseres Paket finden. Drittens müssen wir auch sensibel damit umgehen. Denn wir wissen, dass das für die Fans alles andere als unbedeutend ist. Die Situation in Hamburg ist ein gutes Beispiel...

bundesliga.de: Die dortige Imtech-Arena hieß zuvor schon AOL Arena und HSH Nordbank Arena...

Bode: ...und das ist am Ende auch nicht gut für die jeweiligen Marken. Wenn der Besucher nicht mehr genau weiß, in welchem Stadion er eigentlich ist, schadet das beiden Seiten. Deshalb sollte der Verkauf des Naming Right einige Kriterien erfüllen. Langfristigkeit ist neben dem Wunsch, dass beide Marken auch gut zueinander passen, das wichtigste. Bisher sind wir meines Wissens neben Borussia Mönchengladbach der einzige Club in der Liga, der den Stadionnamen noch nicht geändert hat.

"Haben sicherlich nicht alles falsch gemacht"

bundesliga.de: Wäre die Borussia ein Club, an dem sich Werder orientieren könnte?

Bode: Ich erinnere mich noch an Interviews, in denen die Verantwortlichen von Gladbach oder auch von Mainz davon gesprochen haben, dass Werder ein Vorbild sei (lacht). Fakt ist, dass ein Club wie Gladbach Werte wie Kontinuität, Nachwuchsförderung, Umgang mit Öffentlichkeit etc. vorlebt, so dass man sich dort bestimmt einiges abschauen kann. Allerdings möchte ich noch einmal betonen, dass wir in den vergangenen Jahren sicherlich nicht alles falsch gemacht haben.

 bundesliga.de: Glauben Sie, dass die Werder-Fans, die ihren Club gerade auch in schwierigen Zeiten vorbildlich unterstützen, Verständnis hätten für einen offensiveren Weg?

Bode: Davon bin ich überzeugt. Denn auch unsere Fans wissen, dass der Wettbewerb in der Bundesliga sehr viel härter geworden ist. Wir sind in Bremen nicht schlecht aufgestellt. Dennoch sind wir wirtschaftlich betrachtet keine so strukturstarke Region wie es etwa Hamburg München oder Köln sind. Deshalb müssen wir innovativ und kreativ sein.

bundesliga.de: Sie haben in einem Interview auch "Fehler der Vergangenheit in der Transferpolitik" angesprochen; war man in den guten Champions League-Jahren zu leichtsinnig?

Bode: In der letzten Champions League-Phase und im folgenden Übergang sind ein paar Dinge sicherlich nicht so gut gelaufen.

"Der Wettbewerb um die Talente beginnt früher"

bundesliga.de: Hat man gerade in dieser Phase den eigenen Nachwuchs zu sehr vernachlässigt?

Bode: Nicht nur Werder, sondern alle haben mittlerweile eingesehen, dass der Nachwuchs beziehungsweise der Übergang von den Jugendabteilungen zu den Profis eine zentrale Aufgabe für einen Bundesligaclub ist. In diesem Bereich sind wir früher, zu einem Zeitpunkt als Liga und DFB noch nicht so viel vorgegeben haben, schon einmal sehr stark gewesen. Heute ist die Situation schwieriger, denn der Wettbewerb um die Talente fängt früher an. Umso mehr müssen wir versuchen, unseren eigenen Weg zu finden. Unsere Argumente müssen sein, dass sich junge Spieler im Kreise der Werder-Familie in Ruhe entwickeln, ein optimales Umfeld und eine Durchlässigkeit in den Profi-Bereich vorfinden können. Hier müssen wir wieder einer der Top-Clubs in Deutschland werden.

bundesliga.de: Mit Viktor Skripnik hat Werder einen Trainer, der den eigenen Nachwuchs bestens kennt. Der Trainerwechsel von Robin Dutt zu Skripnik hat unmittelbar Erfolg gebracht, drei Siege in Serie gab es lange nicht für Werder. Überrascht es Sie ab und an noch, wie ein neuer Trainer ein und derselben Mannschaft innerhalb von wenigen Tagen ein ganz neues Gesicht geben kann?

Bode: Ein ganz klares Ja! Das zeigt einmal mehr, dass Fußball voller Überraschungen steckt und nicht bis ins letzte planbar ist. Auf diesem Leistungsniveau liegen die Dinge sehr nah beieinander. Wir waren mit Robin Dutt gegen Hoffenheim (1:1; d. Red.) insbesondere in der zweiten Halbzeit die deutlich bessere Mannschaft und hätten normalerweise gewinnen müssen. Mit Viktor sind wir in Mainz (1:2; d. Red.) in der ersten halben Stunde im Grunde völlig unter die Räder gekommen, haben aber zum Glück nur ein Gegentor bekommen. Dann schaffen wir den Ausgleich und drehen das Spiel sogar noch. Wer da sagt, so etwas sei auch nur ansatzweise voraussehbar, der irrt. Aber ich weiß auch, dass manchmal die fünf Prozent mehr an Vertrauen und Teamgeist den Unterschied ausmachen können. Das mag dann nach Glück aussehen, während tatsächlich das kleine bisschen Mehr an Leidenschaft ausschlaggebend ist.

"Viktor weiß, wie die junge Generation tickt"

bundesliga.de: Was macht Viktor Skripnik nicht nur zur Not-, sondern zur Dauer-Lösung?

Bode: Viktor hat sich schon als Profi für das Spiel per se interessiert. Er ist den harten Weg gegangen, über Co-Trainer in der Jugend, Trainer U17 und zuletzt Trainer U23. In dieser Zeit hat er eine gute Philosophie entwickelt was Mannschafts- und Spielführung betrifft. Zudem garantiert er eine große Identifikation mit den Werten, für die Werder steht. Er kennt alle jungen Spieler, die auf dem Sprung sind, und hat ein Gefühl dafür, wie diese junge Spielergeneration tickt.

bundesliga.de: Ist es nicht problematisch, dass Skripniks Co-Trainer, Torsten Frings, die größere Popularität genießt?

Bode: Das glaube ich nicht, aus zwei Gründen. Zum einen weiß Torsten sehr genau, dass er ein Teil von Viktors Trainerteam ist. Zum anderen ist ihm bewusst, dass er als Trainer noch ganz am Anfang steht. Es ist völlig legitim, dass Torsten irgendwann auch Cheftrainer sein möchte. Aber wir haben ihm sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass Viktor hier der Chef ist. Das wäre aber überhaupt nicht nötig gewesen, weil Viktor alles bestens im Griff hat.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Lesen Sie im ersten Teil: Marco Bode über seine neuen Aufgaben, Willi Lemke und das Nordderby