Köln - Der SV Werder Bremen ist ein Klub mitten im Umbruch. Im großen Interview mit bundesliga.de spricht Marco Bode, der neue Aufsichtsratsvorsitzende der Hanseaten, über die mannigfaltigen Herausforderungen, denen er und der Verein sich stellen müssen, über die aktuelle sportliche Situation und über das bevorstehende Nordderby gegen den Hamburger SV.

bundesliga.de: Herr Bode, seit 25. Oktober sind Sie Aufsichtsratsvorsitzender von Werder Bremen; es steht außer Frage, dass Sie einen solchen Job intellektuell leisten können, aber entspricht es auch Ihrem Naturell, dem einen oder anderen demnächst auf die Füße treten zu müssen?

Marco Bode: Meinem Naturell mag das weniger entsprechen. Aber als Mensch sollte man nicht nur darauf festgelegt sein, was man gerne macht oder vielleicht besonders gut kann. Man sollte sich auch an Dinge heran trauen, die einem weniger Spaß machen oder die man vermeintlich weniger gut kann. Im Übrigen habe ich seit meiner Profi-Zeit bereits Führungspositionen in Unternehmen bekleidet. Ich glaube also, dass ich gut gewappnet bin. Was noch fehlt, werde ich lernen.

"Vor uns liegt ein schwerer Weg"

bundesliga.de: Es gab sicher schon bessere Zeiten, um eine solche Position anzutreten bzw. innezuhaben; haben Sie überlegen müssen, ob Sie den Job machen sollen?

Bode: Überlegt habe ich, aber nicht taktisch. Selbstverständlich ist die aktuelle Situation bei Werder nicht ganz einfach. Ich versuche aber, das ein Stück weit als Herausforderung zu sehen, und ich würde es nicht machen, wenn ich nicht fest davon überzeugt wäre, dass wir uns wieder positiv entwickeln können. Aber mir ist auch bewusst, dass ein schwerer Weg vor uns liegt, sowohl auf diese Saison bezogen, wo wir trotz der drei so wichtigen Pflichtspielsiege noch weit davon entfernt sind, die Kurve bekommen zu haben, als auch mittelfristig betrachtet.

bundesliga.de: Sie sind nicht nur Werders Rekordtorschütze, sondern in einem Maße das sympathische Gesicht des Vereins, wie es keinem anderem Spieler zukommt. Dementsprechend sind große Erwartungen mit Ihnen verbunden; spüren Sie diesen Druck?

Bode: Ich bin seit meiner Profi-Zeit ein Teamplayer und versuche den Fans zu vermitteln, dass ich alleine nicht der sein kann, der alles zum Guten wendet. Auch in der Führung des Klubs müssen wir uns als Team verstehen, das sich gewissen Werten verpflichtet fühlt und eine gemeinsame Vorstellung davon hat, wie man Ziele erreicht. Wenn das gegeben ist, darf man im Detail unterschiedliche Meinungen haben, es braucht dann sogar verschiedene Persönlichkeiten und Temperamente. Trotzdem verstehe ich, dass es Erwartungen gibt, und ich versuche diesen so gut es geht gerecht zu werden.

"Das romantische Bild war nie ganz korrekt"

bundesliga.de: Stichwort "Werte": Werder galt Fußball-Romantikern lange als der etwas andere Profi-Klub; spätestens seit anderthalb Jahren aber scheinen auch in Bremen die üblichen Mechanismen zu greifen. Hat man Werder in der Vergangenheit verklärt?

Bode: Ich denke, dass das romantische Bild von Werder als völlig anderer Fußballklub nie ganz korrekt war. Dasselbe Vokabular hat man früher auch in Bezug auf meine Person benutzt: Ich galt als der andere Profi, der mit dem Fahrrad zum Training fährt und kaum einmal eine Gelbe Karte bekommt. So entsteht ein Image, das aber nie einhundertprozentig richtig war, weder bei mir noch bei Werder. Trotzdem liegt in beiden Fällen auch viel Wahres.

bundesliga.de: Wie kann man dieses Bild wieder zurechtrücken?

Bode: Mein Ziel ist es, dass Werder ein besonderer Club bleibt bzw. wieder etwas mehr wird. Romantik verstehe ich allerdings nicht als "Alles muss wieder so werden wie früher". Das wäre reine Nostalgie. Nein, dieses Gefühl muss kombiniert werden mit Innovation. Auch so kann man ein etwas anderer Club sein, der einerseits noch als Werder-Familie wahrgenommen wird, andererseits aber auch als Verein, der sich etwas vornimmt, das sich andere bisher nicht getraut haben. Das ist die Haltung, mit der wir die Dinge angehen müssen.

bundesliga.de: Das "alte" Werder war in der öffentlichen Wahrnehmung immer auch mit Ihrem Vorgänger Willi Lemke verbunden; haben Sie Verständnis dafür, dass Lemke sich "enttäuscht über die Reaktion vieler Menschen" geäußert hat?

Bode: Ich möchte eigentlich nicht mehr zurückblicken. Wir haben eine neue Konstellation gefunden, die auch von Willi Lemke hundertprozentig mitgetragen wird. Ich bin mir sicher, dass es auch für ihn nichts Wichtigeres gibt, als dass Werder die Menschen in Bremen wieder begeistert und berührt. Aber – das kann ich schon sagen - ich habe Verständnis dafür, dass er ein Stück weit dagegen ankämpft, als Buhmann wahrgenommen zu werden. Dieses Bild wäre in meinem Augen auch nicht richtig.

"Dieses Derby ist wichtig für die Liga"

bundesliga.de: Am Wochenende kommt es mit HSV gegen Werder zu einem traditionsreichen und für beide Clubs sehr wichtigen Match. Für Sie hat dieses Spiel zudem eine besondere Bedeutung, weil sie mit den neuen HSV-Boss Didi Beiersdorfer eng befreundet sind...

Bode: Es stimmt, Didi und ich sind gute Freunde, und daran macht auch dieses Nordderby keinen Unterschied. Wir gehen beide unseren Weg, und ich glaube, dass unsere Philosophien auch nicht so weit auseinander liegen. Trotzdem ist die Situation in Hamburg eine andere als die in Bremen. Deshalb braucht es auch andere Methoden und unterschiedliche Ansätze, wie man vorgehen muss. Der Kontakt zwischen Didi und mir ist relativ unregelmäßig und manchmal eher zufällig. Aber es ist ganz sicher nicht so, dass wir in dieser Woche Kontakt vermeiden würden, nur weil das Derby ansteht. Lassen Sie mich aber noch sagen, dass ich dieses Derby für so wichtig für die Liga halte, dass ich mir wünsche, dass beide Clubs immer in der ersten Liga spielen. Und ich hoffe, dass wir demnächst wieder Nordderbys erleben, die weiter oben in der Tabelle Relevanz haben.

Im zweiten Teil: Marco Bode über die finanzielle Situation bei Werder

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Sonderseite: Derbys in der Bundesliga