Hamburg - "Erfülle dir den Traum vom Fußball und vergib mir!" waren die letzten Worte von Gonzalo Diaz an seinen Bruder Marcelo - hinterlassen in einem Abschiedsbrief. Es war 2003 als der damals 16 Jahre alte Marcelo seinen sechs Jahre älteren Bruder fand. Gonzalo hatte sich an einem Baum im Garten der Eltern erhängt.

Neun Jahre brauchte der Chilene bis er bereit war, über den tragischsten Moment seines Lebens zu reden. "Es ist eine Sache, einen geliebten Menschen zu verlieren. Und eine ganz andere, ihn an einem Baum hinter dem eigenen Haus hängen zu sehen", vertraute er den Journalisten Rodrigo Fluxá und Gazi Jalil an, die die Tragödie in dem Buch "Leones" erzählen. Marcelo Diaz hat den letzten Wunsch des Bruders erfüllt und seinen Traum den Profi-Fußball wahrgemacht. Vergessen konnte er bis heute nicht. "Ich habe seinen Tod nicht überwunden, aber ich lernte, damit zu leben", sagt der Chilene.

Diaz ist ein Spätstarter

Diaz durchlief die Jugendvereine von Universidad de Chile, aber den Sprung in die A-Mannschaft des 16-maligen Meisters schaffte der Spätstarter erst im Alter von 24 Jahren. 105 Spiele absolvierte er für den Club aus der Hauptstadt Santiago und schaffte den Sprung in dier Nationalmannschaft. Beim hochgelobten Auftritt der "La Roja" bei der WM in Brasilien stand er bis zum Aus im Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen Gastgeber Brasilien auf dem Feld.

"Diaz für mich einer der wichtigsten Spieler in der Mannschaft. Er bleibt unter Druck ruhig, ist defensiv sehr gut. Er gibt dem Kollektiv Struktur und Organisation und bestimmt den Spielstil und Rhythmus", beschreibt Chile-Analyst Matias Manna die Stärken des nur 1,66 Meter großen Mittelfeldspielers.

Über Basel zum HSV

Stärken, die den Scouts des FC Basel nicht verborgen blieben. 2012 lotste der 17-malige Schweizer Meister den Chilenen nach Europa, wo er zuletzt aber nicht über einen Platz auf der Bank hinauskam. Glück für den Hamburger SV. Die Norddeutschen hatten nach dem Abgang von Tolgay Arslan in der Winterpause und der Verletzung von Valon Behrami Bedarf auf der Sechser-Position.

"Diaz will immer den Ball, auch unter Druck. Das fehlt uns. Bei uns gucken da zu viele weg“, begründet Peter Knäbel die Verpflichtung des 28-Jährigen. Und der bestätigt nach nur zwei Trainingseinheiten die Erwartungen des HSV-Profifußball-Direktors.

"Der gute Start gibt mir Selbstvertrauen"

Zum 2:1-Erfolg im kleinen Nordderby gegen Hannover trug Diaz maßgeblich bei. "Er hat sich gut eingefügt", lobte Trainer Josef Zinnbauer den Chilenen. 12,63 Kilometer legte Diaz gegen Hannover zurück und trug gemeinsam mit dem anderen Winter-Neuzugang Ivica Olic (13,16 km) und dem mit 13,94 Kilometern bisher lauffreudigsten Bundesliga-Spieler der Saison, Zoltan Stieber, dazu bei, dass die Hamburger gegen Hannover 128,96 Kilometer zurücklegte. Keine Mannschaft lief in der aktuellen Saison so viel.

Aber nicht nur mit seinem Einsatzwillen überzeugte Diaz. Nach der Auswechslung von Kapitän Rafael van der Vaart zur Pause schlüpfte er wie selbstverständlich in díe Chefrolle. Frei- und Eckstöße waren fortan Sache des Neuzugangs. Und der verspricht mehr: "Der gute Start in Hamburg gibt mir Selbstvertrauen und Energie."

"Wollte unbedingt hier spielen"

"Ich wollte unbedingt hier spielen. Das war ein wichtiger Grund für meinen Wechsel, ein Traum hat sich erfüllt. Deutschland ist Weltmeister und hat auch die derzeit beste Liga der Welt", sagte  bei seiner Präsentation.

"In dieser Saison kann es nur um den Klassenerhalt gehen. Dazu möchte ich einen wichtigen Beitrag leisten", schätzt Diaz die Situation an der Elbe ein, schaut aber schon in die Zukunft: "Wenn wir das geschafft haben, können wir hoffentlich bald wieder nach oben zu blicken. Denn da gehört der HSV hin. Es ist ein großer Club mit viel Tradition."

"Stimmung vermisst"

Beflügeln wird den Fußball-Zwerg auch die Stimmung in der Liga. "Diese Stimmung habe ich vermisst. Sie erinnert mich an meine Zeit bei Universidad (sein letzter Club in Chile bevor er in die Schweiz wechselte; die Red.). In Basel war doch alles sehr gemütlich. Ich freue mich auf die Atmosphäre in den Bundesliga-Stadien", hatte er nach dem Hannover-Spiel gesagt.

"Wir werden noch viel Freude an ihm haben", ist Zinnbauer sicher. Dass auch der Bruder Freude hat, ist der große Wunsch von Diaz. Er ist sicher, dass der immer dabei ist, wenn er den Traum vom Fußball-Profi lebt und betet vor jedem Spiel zu Marcelo. "Ich bitte ihn, mir zu helfen, mich zu schützen."

Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs