Dortmund - Real Madrid mit all seinen Stars ist am Mittwoch in der Champions League gegen den BVB (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) der große Favorit - aber im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de macht Marcel Schmelzer klar, warum der BVB das Halbfinale noch lange nicht aufgegeben hat.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Schmelzer über Reals Offensiv-Power und seinen Vertreter Erik Durm, über die Motivation auf beiden Seiten - und die Angst Reals vor Robert  Lewandowski.

bundesliga.de:Marcel Schmelzer, wie hat sich Real Madrid seit den Duellen des Vorjahres offensiv verändert - vor allem mit Gareth Bale?

Marcel Schmelzer: Ein großer Unterschied ist für mich die Tatsache, dass Angel di Maria nicht mehr auf der Außenbahn spielt, sondern zentraler auf einer Achter- oder Zehnerposition im Mittelfeld. Das macht das Ganze noch einmal schwieriger. Es sind nicht nur die drei Stürmer vorne zu beachten, sondern mit di Maria sucht ein sehr beweglicher, reiner Offensivspieler jetzt auch noch hinter dem zentralen Stürmer die Wege und Freiräume. So wird Real noch gefährlicher. Dass über die rechte Seite zudem jetzt Bale mit seiner Schnelligkeit kommt, macht es noch schwieriger, beide Seiten komplett zuzumachen.

bundesliga.de: Das klingt nach einer Mammutaufgabe für Erik Durm, Ihren Ersatz als Linksverteidiger.

Schmelzer: Erik hat schon gezeigt, was er kann. Aber bei uns ist es nicht entscheidend, wer auf welcher Position beginnt. Bei uns geht es immer über das Kollektiv. Alle elf Spieler müssen gerade in Madrid als Mannschaft vernünftig gegen den Ball arbeiten. Da wird jeder dem anderen helfen. Und Erik wird voraussichtlich vor sich Kevin Großkreutz haben und neben sich Mats Hummels. Da ist er ganz gut aufgehoben. Und ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass sich eine besondere Aufregung, wie man sie als junger Spieler vielleicht auch in Madrid verspürt, nach ein paar Minuten schnell legt. Und dann spielt man einfach Fußball!

bundesliga.de: Haben Sie auch den Eindruck, dass Ronaldo seit seiner Wahl zum Weltfußballer noch mehr aufdreht?

Schmelzer: Er ist noch hungriger auf Tore geworden. Im Achtelfinale ist er sogar noch nach vorne gesprintet, als das Spiel längst entschieden war. Ihm fehlt noch ein Treffer bis zur Rekordmarke von Messi. Darauf ist er absolut heiß. Er wird versuchen, diese  Marke gerade in Madrid vor eigenem Publikum einzustellen oder sogar zu knacken. Ich glaube, er ist noch einmal besser als im letzten Jahr. Aber auch da muss man sagen, dass Lukasz Piszczek seine Sache gegen Ronaldo im Vorjahr in allen vier Spielen richtig gut gemacht hat. Er hat das herausragend gelöst.

bundesliga.de: Ronaldo, Bale und Benzema haben 21 der bisher 29 Real-Tore in der Champions League erzielt. Sind Sie zusammen das Beste, was Europa derzeit offensiv zu bieten hat?

Schmelzer: Benzema hat seine Trefferquote auch noch einmal erhöht. Er muss sich nicht mehr mit Higuain abwechseln, das tut ihm offenbar gut und hat sein Selbstvertrauen gestärkt. Also keine Frage: Diese Drei sind ganz sicher mit das Beste, was es im Fußball derzeit gibt.

bundesliga.de: Sehen Sie Real Madrid dank des Offensivtrios auf einer Stufe mit dem FC Bayern, der als Maß aller Dinge im Fußball gilt?

Schmelzer: Ich schätze das Selbstvertrauen bei Bayern noch etwas größer ein. Darum sehen die Siege auch noch lockerer aus. Bayern hat zudem einen Kader, bei dem die Bank auch bei drei, vier verletzten Spielern immer noch erstklassig besetzt ist. Insgesamt schätze ich die Bayern noch einen Tick stärker ein als Real Madrid.

bundesliga.de: Real hat zwei der letzten drei Spiele in der Primera Division verloren. Kann das dem BVB in die Karten spielen?

Schmelzer: Prinzipiell glaube ich, dass es auf Seiten von Real keine Rolle spielt, ob sie die letzten Spiele gewonnen oder verloren haben. Das wird ihnen am Mittwoch komplett egal sein. Madrid geht es nur darum, in der Champions League weiterzukommen, und das auch noch gegen uns. Sie wollen endlich "La Decima" holen, ihren zehnten Landesmeistertitel. Das ist das Wichtigste. Was vorher in der Liga war, zählt am Mittwoch nicht.

bundesliga.de: Jetzt haben wir sehr viel über die Motivation von Real Madrid gesprochen. Wie sieht es denn bei der Borussia aus? Dortmund wird diese Partie nicht schon vorher abschenken wollen.

Schmelzer: Abschenken macht keinen Sinn! Jeder will Champions League spielen gegen die großen Clubs, und das so lange wie möglich. Es ist schade, dass wir nicht mit unserem kompletten Kader antreten können. Das wären zwei echte Highlight-Spiele geworden. Jetzt ist es anders, aber wir werden trotzdem alles versuchen, in Madrid ein gutes Ergebnis zu erzielen. Und dann könnten wir im Rückspiel mit Robert Lewandowski alles tun, um wieder ins Halbfinale einzuziehen.

bundesliga.de: Kann Lewandowski wieder zum entscheidenden Faktor werden? Hat Real tatsächlich solche Angst vor ihm?

Schmelzer: Das hat man schon im Halbfinal-Rückspiel in der letzten Saison gesehen. So, wie Robert dort getreten und bearbeitet wurde - das sprach für sich. Da hat man gesehen, dass die Innenverteidiger sehr großen Respekt vor Robert hatten. Deswegen denke ich auch, dass Real wirklich alles daran setzen wird, das Hinspiel dieses Mal schon hoch zu gewinnen, damit es im Rückspiel in Dortmund für sie trotz eines Robert Lewandowski dann nicht mehr eng wird. Ich hoffe, wir werden das verhindern!

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

Im ersten Teil des Interviews spricht Dortmunds Außenverteidiger über den erwarteten Sturmlauf der Madrilen und den Mythos Bernabeu, über die richtige Taktik und einen schwarz-gelben Hoffnungsträger.