Köln - Platz sechs bei 14 Punkten nach neun Spielen: Der 1. FC Köln ist stark in die neue Saison gestartet. Jetzt aber müssen die Kölner zum FC Bayern München, dem besten Saisonstarter der Bundesliga-Historie (zur Vorschau). Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der gebürtige Domstädter und Offensiv-Rechtsaußen des FC, Marcel Risse, über die bevorstehende Partie beim Rekordmeister, über Trainer Peter Stöger und über sein ganz besonderes Verhältnis zum "Geißbock"-Club.

bundesliga.de: Herr Risse, etwas mehr als ein Viertel der Saison ist gespielt, und der FC steht auf einem hervorragenden sechsten Platz (zur Tabelle). Für Sie und Ihre Kollegen folgerichtig oder doch etwas überraschend?

Marcel Risse: Nein. Überrascht sind wir nicht. Zwar konnte keiner ahnen, dass wir mit 14 Punkten nach neun Spieltagen starten würden. Wir wussten und wissen aber, dass wir in eine sehr gute Qualität und eine starke Truppe beisammen haben.

"Wollen uns mehr Chancen erarbeiten"

bundesliga.de: Im Vergleich zum selben Zeitpunkt der vergangenen Saison zeigt sich, dass der FC fast doppelt so viele Tore erzielt, aber auch bekommen hat. Das ist wohl der etwas offensiveren Spielweise geschuldet, die Ihnen als offensivem Spieler entgegenkommen müsste...

Risse: Letztlich ist entscheidend, dass man einen Treffer mehr erzielt als der Gegner (schmunzelt). Es war ganz sicher nicht unser Anspruch, mehr Tore zu kassieren als in der vergangenen Saison. Deshalb arbeiten wir sehr intensiv daran, wieder ähnlich kompakt aufzutreten wie in der vergangenen Saison. Gleichzeitig ist es aber unser Ziel, mehr Torchancen herauszuarbeiten. Ich glaube, dass uns das bisher sehr gut gelungen ist. Nicht zuletzt, weil wir sehr gute Offensiv-Qualität dazu bekommen haben.

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Alex Grimm

bundesliga.de: Wie groß bewerten Sie die Chance, dass das aktuell ausgeglichene Torverhältnis am Samstag in München nicht allzu weit ins Negative kippt?

Risse: Wir werden alles daran setzen, dass unser Torverhältnis überhaupt nicht ins Negative kippt! Unser Trainer hat sicher wieder ein paar taktische Ideen, die wir im Training noch einstudieren werden.

"Selbst der FC Bayern wird Punkte liegen lassen"

bundesliga.de: In der Tat hat Peter Stöger angekündigt "uns etwas zurecht zu basteln". Selbst wenn Sie bereits mehr wüssten, würden Sie es den Lesern aber wohl kaum verraten?

Risse: Sicher nicht, denn dann wäre es ja keine Überraschung mehr. Und es würde wohl richtig Ärger für mich geben (lacht).

bundesliga.de: Ist der FC Bayern, noch dazu in der heimischen Allianz Arena, ein undankbarer, weil kaum zu schlagender Gegner, oder doch eine dankbare Aufgabe, weil man dort kaum etwas zu verlieren hat?

Risse: Man kann durchaus sagen, dass man nichts zu verlieren hat, wenn man nach München fährt, noch dazu, wenn der FC Bayern in einer Form ist, die mit neun Siegen in Folge zu einem neuen Startrekord geführt hat. Aber wir wissen auch, dass irgendwann die Zeit und die Spiele kommen werden, in denen selbst die Münchner den einen oder anderen Punkt liegen lassen. Erwischt man selbst dann einen sehr guten Tag, ist es möglich, auch aus München etwas mitzunehmen.

"Stöger findet nahezu immer die richtigen Worte"

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bundesliga.de: Würden Sie sagen, dass die 0:2-Niederlage der Münchner bei Arsenal London ein Indiz dafür ist, dass diese Zeit nun angebrochen ist?

Risse: Ich habe die Partie nur in der Konferenz gesehen. Deshalb möchte ich mir kein Urteil erlauben. Allerdings hatten die Bayern durchaus sehr gute Chancen, in Führung zu gehen. Ich glaube nicht, dass Arsenal, das sehr tief gestanden und vor allem auf Konter gelauert hat, dann noch einmal zurückgekommen wäre. Wie gesagt, ich bin sehr gespannt, wie uns der Trainer einstellen wird.

bundesliga.de: Sie arbeiten im dritten Jahr mit Peter Stöger  zusammen, der im nicht immer einfachen FC-Umfeld vom ersten Tag an den richtigen Ton getroffen hat. Wie sehen Sie Stöger?

Risse: Der Trainer tritt sehr ruhig und ausgeglichen auf. Er ist ein guter Analytiker und findet nahezu immer die richtigen Worte. Das hat man am vergangenen Wochenende nach dem Spiel gegen Hannover 96 sehen können, als er Leon Andreasen sogar noch in Schutz genommen hat  (Hannovers Andreasen hatte beim 1:0-Sieg der Hannoveraner den Treffer per Hand erzielt, der Schiedsrichter das Tor aber gegeben; d. Red). So würde nach einer solch ärgerlichen Niederlage sicher nicht jeder Trainer reagieren. Da hat Peter Stöger wirkliche Größe gezeigt.

"Hoffe, dass es erstmal so weitergeht"

bundesliga.de: Typische "Old School"-Trainer wie Otto Rehhagel haben zu ihrer Zeit großen Wert darauf gelegt, dass ihre Spieler heiraten, weil sie so vermeintlich häuslicher waren. Sie haben im Sommer geheiratet. Sind Sie heute ein besserer Profi als in den Jahren zuvor?

Risse: Da ist vielleicht etwas dran (lacht). Vielleicht stolpert man als verheirateter Mann wirklich nicht mehr von einer Party zur nächsten, sondern bleibt doch eher mal zu Hause mit  seiner Frau. Was nicht heißen soll, dass es bei mir früher so extrem gewesen wäre. Aber es ist schon klar, dass man eher mal auf die Idee kommt, zu einem Kumpel zu fahren oder vielleicht auszugehen, wenn zu Hause keiner auf einen wartet. 

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bundesliga.de: Apropos "große Liebe": Die scheint auch der FC für Sie zu sein, immerhin haben Sie bis 2019 verlängert. Können Sie sich vorstellen, dass diese Liebe bis zum Karriereende hält?

Risse: Im heutigen Fußball-Geschäft sind solche Aussagen sehr schwierig. Die Entscheidung hängt von vielen Faktoren ab - nicht nur vom Spieler, sondern auch vom Club. Fakt ist, dass ich bisher zweieinhalb tolle Jahre beim FC hatte und sehr hoffe, dass es erst einmal bis 2019 so weitergeht.

"Jeder sollte seinen Traum träumen dürfen"

bundesliga.de: Wo sehen Sie den FC 2019?

Risse: Auch keine leichte Frage. Wir versuchen uns stetig weiterzuentwickeln und bisher ist uns das auch gelungen. Für diese Saison haben wir uns vorgenommen, mehr Punkte zu holen als in der vergangenen Spielzeit, also mehr als 40. Das ist eine sehr vernünftige und maßvolle Zielsetzung, hoffe ich.

bundesliga.de: Fußballerisch hat der Trainer die Mannschaft seit dem Aufstieg deutlich weiterentwickelt. Wie gehen die Fans mit dieser Entwicklung um, sehen die den FC bereits wieder im internationalen Fußball?

Risse: Manchen Fans geht es in Köln einfach nicht schnell genug, so jedenfalls mein Gefühl. Aber das ist auch okay und sogar sympathisch. Schließlich sollte jeder seinen Traum träumen dürfen. Alles in allem glaube ich, dass die Mehrzahl mittlerweile doch genau weiß, was gut und richtig für den Club ist. Nach außen wird geträumt, im Inneren weiß jeder, was möglich ist.

 "Momentan möchte ich nirgendwo anders sein"

bundesliga.de: Sie sind gebürtiger Kölner, und Ihre Verbundenheit zum FC ist nicht unbedingt üblich im Profi-Fußball. Ist diese Verbundenheit wichtiger als der vielleicht ganz große Ruhm und das ganz große Geld ?

Risse: Unbedingt. Ich glaube, dass es nicht allzu oft vorkommt, dass ein Profi das Glück hat in der Bundesliga für seinen Heimatverein spielen zu dürfen. Wichtig ist mir, dass ich mich rundum wohlfühle, so wie meine Frau und meine Familie. Das ist in Köln und beim FC gegeben. Deshalb verstehe ich es als großes Privileg für diesen Verein spielen zu dürfen.

bundesliga.de: Köln ist Heimat. Kann ein Profi-Club, wo sich entscheidende Parameter wie Teamkollegen, Trainer etc. schnell ändern können, tatsächlich auch Heimat sein?

Risse: Aktuell fühlt sich das auf jeden Fall so an. Niemand kann wirklich voraussagen, was in einem oder in zwei Jahren sein wird. Momentan möchte ich nirgendwo anders sein als beim FC.

Das Gespräch führte Andreas Kötter