Zusammenfassung

  • Marcel Halstenberg steht nach seinem Kreuzbandriss vor einem baldigen Comeback
  • Vom neuen Trainerteam um Ralf Rangnick ist der Außenverteidiger begeistert
  • Das Kapitel Nationalmannschaft hat der 26-Jährige trotz seiner Leidenszeit nicht abgehakt

Leipzig - Als ihm im Januar im Training das Kreuzband riss, wusste Marcel Halstenberg umgehend, dass der Traum einer möglichen WM-Teilnahme erst einmal ausgeträumt sein würde. Schnell aber schaute der Abwehrspieler von RB Leipzig wieder nach vorne und arbeitete sich über Wochen im Kraftraum wieder heran an den Leistungsstand der Mannschaft. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Halstenberg darüber, wie er sich immer wieder selbst Mut gemacht hat, er freut sich über die Reaktion des Clubs auf seine Verletzung und er lobt den neuen alten Trainer, Ralf Rangnick.

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bundesliga.de: Herr Halstenberg, im April – etwa drei Monate nach Ihrem Kreuzbandriss – haben Sie gesagt, dass Sie zum Trainingsauftakt im Juli gerne am Start sein würden, dass dies aber ein ambitioniertes Ziel sei. Aber es hat fast punktgenau geklappt...

Marcel Halstenberg: Das stimmt. Ich bin voll im Plan und habe gerade die Ausdauer-Diagnostik absolvieren können, arbeite aktuell aber individuell. Und ich denke, es wird jetzt noch einige Wochen dauern, bis ich wieder regelmäßig zusammen mit der Mannschaft trainieren werde. Insgesamt bin ich mit dem Verlauf aber sehr zufrieden.

bundesliga.de: Im damaligen Interview haben Sie auch gesagt "ich will stärker zurückkommen, als ich war" und haben das weniger auf das Fußballerische als das Körperliche bezogen. Ist Ihnen das gelungen?

Halstenberg: Letztlich wird man das wohl erst sehen, wenn ich wieder mit der Mannschaft auf dem Platz stehe und im Wettkampf bin. Allerdings habe ich tatsächlich das Gefühl, dass ich in den vergangenen Monaten sehr viel individueller arbeiten und zum Beispiel größeren Fokus auf das Stabilisations-Training legen konnte. Ich merke das an verschiedenen Körperpartien, denen man vielleicht nicht so viel Beachtung schenken kann, wenn man im normalen Rhythmus und im regulären Mannschaftstraining ist. Ja, ich denke, dass wir die Wochen und Monate sehr gut genutzt haben, um mich dorthin zu bringen, wo ich hinmöchte.

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bundesliga.de: Wie lange haben Sie anfangs gebraucht, um die Enttäuschung darüber zu verarbeiten, dass Sie die komplette Rückrunde und auch eine mögliche WM-Teilnahme verpassen?

Halstenberg: Ich bin ein Typ, der relativ schnell wieder nach vorne schaut. In dem Augenblick, als ich die Diagnose "Kreuzbandriss" bekommen habe, war es sicher keine ganz einfache Situation. Aber nach etwa einer Woche habe ich mich aus dem Loch herausgegraben, in das ich gefallen war, und habe wieder Mut gefasst.

"Realistisch betrachtet glaube ich, dass der Bundesliga-Auftakt noch etwas zu früh kommt"

bundesliga.de: Gab es im ersten Moment Selbstzweifel oder vielleicht sogar die Angst, ob man wieder Anschluss auf allerhöchstem Niveau finden kann?

Halstenberg: Nein. Keine Selbstzweifel und keine Angst. Man ist einfach nur enttäuscht, dass man die kommenden sechs Monate wohl ausfallen und nicht seinem Lebenstraum – und der ist es nun mal, professionell Fußball zu spielen – nachgehen können wird. Eine Rolle hat sicher gespielt, dass der Verein von Beginn an hinter mir gestanden hat. Schon vor der Verletzung hatten wir erste Gespräche über eine Vertragsverlängerung geführt. Und sehr schnell nach der Verletzung ist Ralf Rangnick auf mich zugekommen und hat gesagt: "Bloß, weil Du Dich jetzt verletzt hast, bedeutet das nicht, dass wir nicht mit Dir verlängern wollen". Das war ein schönes Zeichen, das mir Sicherheit gegeben hat.

bundesliga.de: Während der Reha sieht man den Ball, wenn überhaupt, nur aus der Ferne. Wie motiviert man sich im Kraftraum immer wieder aufs Neue?

Halstenberg: Ich habe versucht, auch aus der Zeit im Kraftraum immer das Positive zu ziehen. Ich wollte mich so gut wie möglich vorbereiten auf das, was in den kommenden Monaten und Jahren anstehen wird. Für mich war diese Zeit ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zurück zum Mannschaftstraining. Deshalb war es nicht so schlimm, wie ich selbst vielleicht zunächst erwartet habe.

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Marcel Halstenberg will bald wieder in der Bundesliga auflaufen © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA

bundesliga.de: Gerade im Sommer ist die Vorbereitung meist mit großer Schinderei verbunden, über die einige Profis auch fluchen. Ist selbst diese Schufterei für Sie jetzt ein Vergnügen?

Halstenberg: Wenn ich meine Teamkameraden sehe, muss ich zugegeben, dass es eine ziemliche Schufterei ist, wie sie jetzt an ihr Limit gehen müssen. Und trotzdem würde ich jetzt selbst gerne mehr machen, um an den Punkt zu kommen, wo ich mir eingestehen muss: "Puh, jetzt kann ich wirklich nicht mehr". Denn obwohl ich zurzeit sehr hart arbeite, habe ich das Gefühl, dass da immer noch etwas mehr geht. Das Gefühl, dass ich völlig fertig bin, das hatte ich bisher kein einziges Mal. Das liegt daran, dass die Trainingssteuerung perfekt ist, und wir vermeiden wollen, dass mein Knie überreizt.

bundesliga.de: Eigens für Sie wurde ein Reha-Trainer abgestellt. Muss der Sie bisweilen bremsen?

Halstenberg: In den vergangenen Wochen ging es noch einigermaßen, weil ich selbst unbedingt auf Nummer sicher gehen wollte. Mittlerweile aber bin ich an einem Punkt, wo ich zum Beispiel an einem Regenerationstag sage "Lass’ uns heute doch noch eine Einheit draufhauen". Ja, ich glaube, der Zeitpunkt ist wirklich gekommen, wo man mich bisweilen bremsen muss. (lacht)

"Rangnick nimmt sich Zeit für die Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen können "

bundesliga.de: RB hat bereits erfolgreich in der Qualifikation für die Europa League gespielt. Welche Schlüsse hat man aus der vergangenen Saison gezogen, als die Dreifachbelastung Neuland war?

Halstenberg: Ich denke, dass wir es damals gar nicht so schlecht gemacht haben. In der Champions League haben wir uns noch etwas schwergetan, aber in der Europa League haben die Jungs es wirklich gut gemacht. Auch das Team ums Team herum hat Rückschlüsse daraus gezogen, wie man mit der Belastung der Spieler umgehen muss, gerade in den Regenerationsphasen. Wir haben einen guten, breiten Kader – vielleicht kommen ja noch ein, zwei Spieler dazu – und sind so für die drei Wettbewerbe richtig gut aufgestellt. Wir können jetzt wieder Vollgas geben.

Ein Mal trug Halstenberg bislang das Trikot der Nationalmannschaft © imago

bundesliga.de: Mit Naby Keita hat RB einen zentralen Spieler verloren, mit Mukiele, Cunha und Saracchi sind vielversprechende Kräfte gekommen. Wie fällt Ihr erstes Urteil über die fußballerische Leistungsstärke aus?

Halstenberg: Für mich ist das schwer zu beurteilen, weil ich noch nicht so viel gesehen habe von der Mannschaft. Das Wenige aber, das ich gesehen habe, sieht sehr vielversprechend aus. Zudem bringt das neuformierte Trainerteam viel frischen Wind rein.

bundesliga.de: Das Team um den Trainer herum ist in der Tat neu, der Hauptverantwortliche mit Ralf Rangnick aber ein alter Hase, nicht nur in Sachen RB. Haben Sie das Gefühl, dass Rangnick – obwohl es nur ein Übergangsjahr sein wird – für die Aufgabe brennt?

Halstenberg: Auf jeden Fall! Man spürt das Engagement und sein Feuer in jedem Augenblick. Er hat sich viel vorgenommen und nimmt sich Zeit gerade auch für die Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen können. Das ist nicht nur auf dem Platz der Fall, sondern gerade auch im Besprechungsraum, bei den Video-Analysen. Und der Teamspirit steht für ihn ohnehin über allem.

"Nationalmannschaft? Sehr weit weg ist dieser Traum nicht, würde ich sagen"

bundesliga.de: Welches Ziel würden Sie für die Mannschaft, aber auch für sich selbst formulieren?

Halstenberg: Ich selbst möchte jetzt schnell wieder auf meine hundert Prozent und im besten Fall auch darüber hinauskommen, um jederzeit Vollgas geben zu können. Was die Mannschaft betrifft: Wenn wir zunächst wieder im ersten Drittel mit- und eventuell noch besser Fußball spielen als in der vergangenen Saison, dann sollten wir auch wieder oben angreifen können.

bundesliga.de: Ist für Sie persönlich die Nationalmannschaft sehr weit weg, oder lebt dieser Traum noch?

Halstenberg: Sehr weit weg, würde ich nicht sagen. Zunächst möchte ich wieder auf die schon genannten hundert Prozent kommen und für RB auf dem Platz stehen. Und wenn ich dann wieder gute Leistungen zeigen kann, möchte ich natürlich sehr gerne zurück in den Fokus der Nationalmannschaft.

 

Das Gespräch führte Andreas Kötter