Leverkusen - In der deutschen Nationalmannschaft an den Rand gedrängt, in Leverkusen urplötzlich im Mittelpunkt: DFB-Kapitän Michael Ballack avanciert beim Bundesligisten Bayer Leverkusen zum Glücksbringer im Titelkampf.

"Ich fühle mich wieder richtig fit und spüre, dass ich jetzt mehrere Spiele über 90 Minuten absolviert habe. Natürlich hatte ich gehofft, dass der Trainer mich früher bringt. Aber nun habe ich meinen Rhythmus wieder gefunden und kann der Mannschaft helfen", sagte Ballack in einem Interview mit Bayer-TV.

Holzhäuser erwartet "noch ganz große Momente mit Ballack"

Auch Bayer-Sportchef Rudi Völler ist derzeit voll des Lobes über seinen Mittelfeldspieler. "Er ist der Typ Spieler, der uns letzte Saison hier und da gefehlt hat, wenn ein bisschen Gegenwind aufkam. Wir brauchen einen Ballack in Topform, um unsere Ziele zu erreichen", sagte Völler, nachdem in dieser Saison alle sechs Spiele, in denen Ballack über 90 Minuten auf dem Platz stand, gewonnen wurden.

Nach fünf Siegen in Folge ist der Rückstand der "Werkself" auf Tabellenführer Borussia Dortmund fünf Spieltage vor Saisonende von zwischenzeitlich 13 auf fünf Zähler geschmolzen. Und Mittelfeldspieler Ballack zeigte insbesondere beim 2:1 gegen St. Pauli, dass er im Titel-Endspurt zum wahren Führungsspieler aufsteigen will. "Ich bin absolut überzeugt davon, dass wir mit Michael Ballack noch ganz große Momente in wichtigen Spielen erleben werden", sagte Bayer-Chef Wolfgang Holzhäuser, der von der Investition auch in den schwierigen Wochen überzeugt war.

Ballack will "den Bayern richtig wehtun"

Einer dieser ganz großen Momente wartet auf Ballack am kommenden Sonntag. Da reist der 34-Jährige mit Bayer zu seinem Ex-Club Bayern München, wo er zwischen 2002 und 2006 unter Vertrag stand und drei Mal das "Double" aus Meisterschaft und Pokalsieg feierte.

"Wir wissen, dass wir den Bayern mit einem Sieg richtig wehtun können. Die Mannschaft hat gerade den Startplatz für die Champions League verloren, das ist tödlich für die Bayern. Der ganze Verein steht enorm unter Druck", sagte Ballack, der noch nicht vergessen hat, dass er vor der WM 2006 von den Bayern-Bossen um Uli Hoeneß sowie von den eigenen Fans angegiftet wurde, weil er sich am Ende für einen Wechsel zum FC Chelsea entschieden hatte.

Ballack will aber nicht nur Revanche an den Bayern-Bossen nehmen. Der vor Ehrgeiz noch immer sprühende 98-malige Nationalspieler freut sich auch schon auf das wahrscheinliche Duell mit Münchens Keeper Jörg Butt, der voraussichtlich wieder für Thomas Kraft ins Bayern-Tor zurückkehrt.

Schlechte Erinerungen an April 2002

Denn der 20. April 2002 spukt Ballack sicherlich noch immer im Kopf herum. Am drittletzten Spieltag der Saison 2001/02 trat Leverkusen zuhause mit Ballack im Mittelfeld und Butt im Tor gegen Werder Bremen an.

Leverkusen hatte als Tabellenführer zu diesem Zeitpunkt noch fünf Punkte Vorsprung. Dass Butt beim 0:1 durch den Ungarn Krisztian Lisztes nicht gut aussah, konnte Ballack noch verschmerzen. Doch dann kam die 40. Minute, die sich bei Ballack tief ins Gedächtnis eingebrannt hat. "Das war damals wirklich eine sehr unglückliche Heimniederlage", sagte Ballack.

Beim Stand von 1:1 wurde er im Strafraum gefoult - es gab Elfmeter. Als Ballack, der den Elfmeter eigentlich schießen wollte, noch behandelt wurde, brüllte das ganze Stadion "Butt, Butt, Butt", und der Keeper lief zum Punkt. Doch Butt scheiterte an dem damaligen Werder-Keeper Frank Rost, Bremen gewann dank eines Treffers von Ailton noch mit 2:1. Eine Woche später unterlag Bayer dem 1. FC Nürnberg 0:1, ausgerechnet Dortmund zog vorbei und wurde am letzten Spieltag Meister.

Heynckes: "Alles ist möglich"

Nun wollen die Bayer-Schützlinge den Spieß umdrehen. "Alles ist möglich. Meiner Mannschaft ist alles zuzutrauen. Wir müssen jedoch alle fünf Spiele gewinnen, wenn noch etwas passieren soll", sagte der am Saisonende nach München gehende Bayer-Trainer Jupp Heynckes. Als der Mann zu Bayern zu wechseln, der Leverkusen vom "Meisterfluch" befreit hat, das hätte Brisanz.

Ein Beispiel für ein Duell Spitz auf Knopf hat Heynckes auch umgehend parat. "Ich habe das einmal mit Borussia Mönchengladbach geschafft. Aber ich weiß nicht, ob man das wiederholen kann", sagte der 65-Jährige. 1971 hatte er mit der Borussia die Münchner mit vier Siegen und einem Unentschieden aus den letzten fünf Spielen noch überholt.