In der Halbzeit piepte das Handy von Manager Christian Heidel. "Oje", lautete die SMS seines Vaters, der angesichts des 1:3-Rückstandes des 1. FSV Mainz 05 beim bis dahin überlegenen VfL Wolfsburg sicher nicht als einziger Böses befürchtete.

"Hoch gewinnen wir nicht mehr", antwortete Heidel ironisch. Am Ende einer phänomenalen Aufholjagd feierten die Mainzer Stehaufmännchen aber dann doch noch einen denkwürdigen 4:3-Auswärtssieg.

Tuchel voll des Lobes

"Es gibt Spiele, da sagt man als Trainer besser nichts und lässt die Eindrücke sprechen", sagte FSV-Coach Thomas Tuchel und leitete alle Glückwünsche für die Moral der Rheinhessen sofort an die Protagonisten auf den Rasen weiter: "Der Trainer ist für das 'Was' verantwortlich, die Spieler aber für das 'Wie'. Und das 'Wie' war diesmal außergewöhnlich. Ich möchte meiner Mannschaft ein dickes Kompliment aussprechen."

Während sein Wolfsburger Trainerkollege Steve McClaren die Niederlage kaum fassen konnte, schwang bei Tuchel in jedem Satz unüberhörbar purer Stolz mit. "In meiner Mannschaft herrscht ein Geist, den sich jeder Trainer wünscht", sagte der Fußballlehrer, dem die Spieler einen Tag vor seinem 37. Geburtstag quasi einen Eintrag ins Geschichtsbuch schenkten.

Einen Drei-Tore-Rückstand in der Bundesliga aufgeholt hatte zuletzt vor fast 20 Jahren der VfL Bochum beim 4:3 über Fortuna Düsseldorf. Dank der Maximalausbeute von sechs Zählern finden sich die Mainzer wie schon zu Beginn der Vorsaison in der Spitzengruppe der Tabelle wieder und empfangen am kommenden Sonntag den ebenfalls mit zwei Siegen gestarteten Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern zum überraschenden Spitzenspiel am Bruchweg.

"Der Trainer hat eine super Rede gehalten"

Dass die jungen Profis nun die Bodenhaftung verlieren, ist unwahrscheinlich, denn Tuchel hat ein feines Gespür, was das Innenleben seiner Mannschaft anbelangt. Als die Spieler in Wolfsburg zur Halbzeit mit hängenden Köpfen in die Kabine schlichen, richtete er sie mit einer demonstrativen Siegessicherheit wieder auf. "Der Trainer hat eine super Rede gehalten und gesagt, dass im Fußball alles möglich ist und wir an uns glauben sollen", verriet der Ungar Adam Szalai, der in der 86. Minute den umjubelten Siegtreffer erzielte.

Zuvor hatte der 1. FSV durch Treffer von Neuzugang Morten Rasmussen (39.), Elkin Soto (48.) und Andre Schürrle (58.) vor den größtenteils geschockten Zuschauern bereits ausgeglichen.

Am Ende feierten die Mainzer Spieler und Fans einen irren Sieg, die Club-Verantwortliche ließen sich jedoch von den Emotionen nicht blenden. "Wir schnappen jetzt nicht über und korrigieren die Saisonziele. Unser erstes Ziel bleibt, den Vertrag mit der Bundesliga um ein Jahr zu verlängern", sagte FSV-Manager Christian Heidel.