Hamburg - Kaum jemand hatte den 1. FSV Mainz 05 vor der Saison auf der Rechnung, doch die Rheinhessen stehen nach der Hinserie sensationell auf dem 2. Tabellenplatz. Vor allem die Art und Weise Fußball zu spielen, zeichnet die Tuchel-Elf aus. "Wir wollten ein Ausrufezeichen unter das Kalenderjahr setzen", meinte Trainer Thomas Tuchel nach dem Sieg bei St. Pauli. Es gelang.

Ein Schlüssel, um bei den Hamburgern mit 4:2 zu gewinnen, war der "Longlineball", wie Tuchel erklärte. Denn immer wieder waren Mainzer Offensivaktionen durch gelungene weite Pässe aus der eigenen Hälfte längs der Seitenlinie eingeleitet worden.

Mainz beherrscht den schweren Boden

Der Sieg der 05er bewies nicht nur einmal mehr, dass sie zu Recht auf Rang 2 stehen, auch das "Wie" war beeindruckend und ist auf die simple Formulierung "moderner Fußball" runterzubrechen. Auf eisigem Geläuf bei Minusgraden schafften es die Gäste über 90 Minuten lange, kurze, diagonale, gerade, immer aber schnelle Pässe zu spielen. Ein aufopferungsvoll kämpfender FC St. Pauli hielt zwar wacker dagegen, war spielerisch insgesamt aber überfordert.

Nach zwei Niederlagen in Folge hatte Tuchel die fehlende Handlungsschnelligkeit seiner Elf bemängelt. Sie nahm die Kritik an. "Ich bin absolut zufrieden", lobte der 37-jährige Erfolgstrainer. "Es ist anstrengend, so ein Spiel durchzuspielen. Ich wusste, dass es kein körperliches Problem ist." Neben den widrigen Umständen war es auch der Hexenkessel Millerntor, dem die Gäste trotzen mussten. Doch Mainz zog den Hausherren schnell den Zahn.

"Doppelschlag" von Schürrle

Das 1:0 über Adam Szalai und durch Andre Schürrle (11. Minute) war dabei ebenso schön herausgespielt, wie letztlich das kuriose Pingpong-Tor über Christian Fuchs und Malik Fatih, abermals finalisierte Shootingstar Schürrle (28.). Der 20-Jährige, der im Sommer zu Bayer Leverkusen wechseln wird, traf bereits zum neunten Mal in dieser Saison.

Einen Elfmeter verwandelte St. Paulis Mittelfeldspieler Matthias Lehmann zwar (33.) zum Anschlusstreffer, aber Szalai konnte nach einem Stellungsfehler von Bastian Oczipka den alten Abstand wiederherstellen. Da war sie dann auch wieder, die Boygroup, angeführt von Regisseur Lewis Holtby, und die "Bruchweg-Boys" verwandelten vor der Nordtribüne eine Eckfahne mit Totenkopf zum Mikrofon.

Volle Konzentration auf eigene Stärken

"Wir haben es Mainz ziemlich einfach gemacht", kritisierte Lehmann. "Wir waren sehr motiviert", analysierte Konkurrent Schürrle. Sie hatten beide recht. Das Herzblut der Kiezkicker stimmte zwar einmal mehr, dem zielstrebigen, stilsicheren und technisch auf sehr hohem Niveau zelebrierten Kombinationsfußball der FSVler hatten die Hamburger unter dem Strich aber zu wenig entgegenzusetzen.

Einmal mehr hatte Tuchel den Gegner überrascht und sein Team auf sechs Positionen umgebaut. Dafür bat er seine Jungs erst am Spieltag zur Besprechung über den Gegner. Volle Konzentration auf die eigenen Stärken, lautete also das Mainzer Mantra. Tuchel: "Wir wollten ein Ausrufezeichen unter das Kalenderjahr setzen und sind froh, dass wir auswärts mit drei Punkten belohnt wurden."

Mainz ist im Soll

St. Pauli fightete zwar um jeden Zentimeter frostigen Rasens und kam abermals durch Lehmann (63.) zum 2:3, doch das Spiel drohte nur kurz noch zu kippen. Denn in puncto Spielkultur konnten die Hamburger den starken Mainzern einfach nicht das Wasser reichen. Marco Caligiuri traf schließlich zum 4:2 (83.), nachdem der eingewechselte Sami Allagui einen tollen Flankenlauf absolviert und ihm den Ball mustergültig auf die andere Seite serviert hatte.

"Die Mannschaft ist intakt, wir können mit solchen Niederlagen umgehen", bilanzierte aber St. Paulis Coach Holger Stanislawski. Mit den 17 erreichten Punkten stehen die Kiezkicker auf Rang 15 der Tabelle und überwintern nicht auf einem Abstiegsrang.

Mainz hat bereits 33 Punkte und liegt mehr als im Soll. "Wir haben nach Dortmund und mit Bayer die meisten Zähler in dieser Hinrunde erreicht", freut sich Taktikexperte Tuchel auf ein entspanntes Fest.

Aus Hamburg berichtet Martin Sonnleitner