München - Nach zwei Jahren ohne Titel hat der FC Bayern das Kräfteverhältnis in der Bundesliga wieder nach seinen Vorstellungen zurechtgerückt. Der Gewinn der Meisterschaft kommt nicht überraschend, beeindruckend ist aber, mit welcher Dominanz die Bayern die Liga dominieren. bundesliga.de analysiert, was sich beim Rekordmeister im Vergleich zu den vergangenen beiden Jahren verändert hat und geht der Frage nach, ob der FC Bayern ein "BVB 2.0" ist.

Der entscheidende Vorteil des BVB war in den vergangenen zwei Spielzeiten, dass er in der Bundesliga alle vier direkten Duelle für sich entschied. Hätten die Bayern diese Partien gewonnen, wäre die Meisterschale rechnerisch in beiden Jahren nach München gewandert. In dieser Saison hat sich das geändert: In der Hinrunde stand es nach 90 Minuten 1:1, im DFB-Pokal (1:0) und im DFL-Supercup (2:1) gewann der FCB das Gipfeltreffen.

Angefressen ob der Niederlage gegen die Münchner ließ sich BVB-Trainer Jürgen Klopp nach dem Pokal-Viertelfinale zu einer gewagten Aussage hinreißen: "Die Bayern schauen, was die anderen machen, um es abzukupfern und den gleichen Weg einzuschlagen."

Eigene Spielphilosophie verfeinert



Dass offensiver Tempofußball und aggressives Gegenpressing wichtige Elemente des modernen Fußballs sind, weiß man jedoch nicht nur beim BVB. Auch der FC Bayern versteht es seit Jahren, sich nach Ballverlust schnell geordnet zu positionieren, den Gegner früh anzulaufen und Druck auf den gegnerischen Spielaufbau auszuüben. In der Saison 2010/2011 erzielten die Bayern unter Louis van Gaal 22 Tore nach einem Ballgewinn, das ist ihr bester Wert in den letzten 20 Jahren. Der FC Bayern muss aber grundsätzlich seltener gegen den Ball arbeiten als andere Teams - der dominante Spielstil gepaart mit viel Ballbesitz macht es möglich.

Die grundsätzliche Spielphilosophie und Spielanlage hat der FCB in dieser Saison nicht wesentlich verändert. Nach zwei Finalteilnahmen in der Champions League war das nicht nötig. Die Münchner haben mit 61 Prozent ligaweit den meisten Ballbesitz, führten die wenigsten Zweikämpfe aller Teams und spulten in ihren Spielen deutlich weniger Kilometer ab als ihre Verfolger (insbesondere Borussia Dortmund). Die Zahlen belegen: Die Spielweise des Rekordmeisters hat sich nicht wesentlich verändert.

Den Fortschritt aus der letzten Spielzeit, die mit 73 Punkten in der Bundesliga und zwei Pokalfinals sehr gut war, hat der FC Bayern konsequent weitergeführt und den Kader in Breite und Spitze entscheidend verbessert. Hinzu kommt der unbedingte Wille, jedes Spiel gewinnen zu wollen, der laut Jupp Heynckes vor allem auf das verlorene Champions-League-Endspiel gegen den FC Chelsea zurückzuführen ist.

Auswärts wieder eine Macht



In der heimischen Allianz Arena sind die Bayern schon seit Jahren eine Macht. Wie der BVB holten die Münchner auf eigenem Platz in den letzten beiden Spielzeiten starke 84 Punkte. In der Fremde sammelten sie jedoch "lediglich" 54 Zähler (Dortmund 72).

2012/2013 spielen die Münchner ihre beste Auswärtssaison aller Zeiten und holten mit 13 Siegen und einem Unentschieden bereits 40 Punkte - das sind jetzt schon zehn mehr als in der vergangenen Saison. Auch das Torverhältnis von 31:2 belegt, dass die Auswärtsschwäche der Bayern der Vergangenheit angehört.

Prunkstück Defensive



Eindrucksvoll ist in dieser Saison besonders die stabile Defensive. Erst elf Mal musste Torwart Manuel Neuer den Ball aus seinem Tor holen (Stand 28. Spieltag). Bei den Dortmundern zappelte der Ball hingegen schon 34 Mal im eigenen Netz. Bereits letzte Saison stand die Bayern-Abwehr sehr sicher und ließ weniger Gegentore zu als der BVB, doch eine klare Steigerung ist im Vergleich zur Saison 2010/2011 zu erkennen: Unter Louis van Gaal und später Andries Jonker kassierten die Münchner damals ganze 40 Treffer.

Großen Anteil an der tollen Verteidigungsarbeit haben die Neuzugänge Javi Martinez und Dante. Dank des Brasilianers sind die Bayern in diesem Jahr in der Lage ihren Top-Innenverteidiger Holger Badstuber, der aufgrund eines Kreuzbandrisses wohl erst in der nächsten Saison wieder eingreifen kann, adäquat zu ersetzen. Der Spanier Martinez gibt der Zentrale im Mittelfeld eine enorme Stabilität und bildet mit Bastian Schweinsteiger eine der besten Achsen weltweit. Mit Martinez haben die Bayern noch kein Spiel in der Bundesliga verloren.

Auch die beiden Außenverteidiger Philipp Lahm und David Alaba zeigen sich deutlich verbessert. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft gab in dieser Saison bereits zehn Torvorlagen - mehr als in den letzten zwei Jahren zusammen. Alaba war schon an fünf Treffern direkt beteiligt (drei Tore, zwei Assists).

Gesunder Konkurrenzkampf



In den Vorjahren agierte der FC Bayern in der Offensive phasenweise berechenbar und wenig flexibel. Durch die Nezuzugänge Mario Mandzukic, Claudio Pizarro und Xherdan Shaqiri haben die Münchner im Angriffsspiel deutlich an Variabilität gewonnen. In diesem Jahr trugen sich bereits 16 verschiedene Spieler in die Torschützenliste ein. Mit Mario Gomez als einzigem Top-Stürmer waren es zuletzt nur elf.

Der breitere Kader ermöglicht es Jupp Heynckes, zu rotieren und seinen Stars bisweilen Pausen zu gönnen. Durch den Konkurrenzkampf, der vor allem auf den vier Offensivpositionen herrscht, gehen die Bayern jedes Spiel mit hoher Konzentration an. In den letzten beiden Jahren geriet der FCB für seine Verhältnisse relativ oft in Rückstand und tat sich dann schwer, in die Partie zurückzufinden. 21 Mal lagen die Münchner mit 0:1 zurück, nur in fünf Fällen konnte das Spiel daraufhin noch gedreht werden (Dortmund lag 19 Mal in Rückstand, drehte jedoch noch acht Partien). In dieser Spielzeit geriet die Mannschaft dagegen erst vier Mal in Rückstand und gewann dann noch zwei Mal.

Hans Meyer hat einmal gesagt: "In schöner Regelmäßigkeit ist Fußball doch immer das Gleiche." Dieser Spruch beinhaltet viel Wahres, die Spielsysteme der Topmannschaften werden immer ähnlicher. Die These, der FC Bayern würde den BVB der vergangenen zwei Jahre kopieren, lässt sich jedoch objektiv nicht belegen. Auch Jürgen Klopp hat sich für seine Aussage wenig später entschuldigt.

Sebastian Dirschl