1997 stiegen der VfL Wolfsburg und Hertha BSC gemeinsam in die Bundesliga auf. Die "Wölfe" hielten sich seitdem konstant oben, für die Hertha ging es in den letzten Jahren munter rauf und runter. In diesem Jahr gastiert der Aufsteiger als Fünfter der Tabelle beim Neunten. Zudem konnten die Berliner die letzten beiden Duelle in der VW-Stadt für sich entscheiden.

bundesliga.de sprach vor dem 14. Bundesliga-Duell in Wolfsburg zwischen dem VfL und der Hertha (Bilanz: sechs Siege Wolfsburg, fünf Erfolge Hertha, drei Unentschieden) mit Jürgen Röber. Der 59-jährige Trainer coachte einst beide Vereine.

bundesliga.de: Herr Röber, Hertha BSC hat den besten Start seiner Bundesliga-Geschichte hingelegt. Wie bewerten Sie die Leistungen zum Auftakt?

Jürgen Röber: Wenn man so in eine Saison startet wie Hertha BSC, ist das natürlich genial. 6:1 gegen Eintracht Frankfurt. Auch wenn die Frankfurter schlecht waren, muss man erst einmal sechs Tore gegen sie schießen. Dann hat Hertha auswärts unentschieden gespielt und daheim nachgelegt. Besser geht es kaum.

bundesliga.de: Wie groß ist die Euphorie in Berlin ?

Röber: In der Stadt spürt man schon wieder eine gewisse Euphorie. Das kennt man ja. Wenn man nach einer Abstinenz und dem Theater, das sie vorher hatten, so in die Saison startet, ist die Euphorie logisch. Ich finde das auch toll.

bundesliga.de: Wird die Hertha auf dieser Grundlage den Klassenerhalt schaffen?

Röber: Ich denke ja. Die Faktoren sind etwas anders als in den Jahren zuvor. Hertha hat mit Jos Luhukay einen sehr guten Trainer, der genau weiß, worum es geht. Man sieht auch, dass er bei der Verpflichtung der einzelnen Spieler, die er teilweise schon kannte, und bei der Art und Weise, wie er die Mannschaft führt, eine klare Linie verfolgt. Da sind Zucht und Ordnung drin. Er hat seine taktische Vorgaben, er hat seine disziplinarische Vorgehensweise. Jeder weiß, dass er spielt, wenn es läuft und er Gas gibt. Ansonsten ist er draußen, siehe Ronny oder Niemeyer. Auch die Kapitänsbinde wechselt. Luhukay hat seine klaren Vorstellungen. Er hat den Laden im Griff, das ist der Grund des Erfolges.

bundesliga.de: Was macht die Stärke der Hertha aus? Manager Michael Preetz hat gesagt, dass die Mannschaft jetzt selbst die Initiative ergreift und nicht mehr so abwartend spielt.

Röber: Das stimmt. Sie haben dafür auch die passenden Spielertypen. Herthas Stärke sind die schnellen Offensivspieler mit Ramos, Baumjohann oder Ben-Hatira. Sie haben auch noch Alternativen, wenn etwa ein Ronny noch reinkommt. Bei aller Euphorie muss man aber auch sagen, dass Hertha in den Spielen in einigen Phasen auch Glück hatte. Hertha muss noch die Abwehr stabiliseren. Die Offensive ist sehr gut. Ich denke, dass Luhukay ein Trainer ist, der Wert darauf legt, dass die Mannschaft auch nach hinten arbeitet. Er testet auch noch, wie bei der Auswechslung von Brooks im letzten Spiel zu sehen war. Schulz hat auf mich einen guten Eindruck gemacht, auch wenn er einen katastrophalen Fehlpass gespielt hat, der fast zur Hamburger Führung geführt hätte. Aber man sieht an seinen Bewegungen und wie er das Tor vorbereitet, dass er eine gewisse Schnelligkeit und ein gutes Potenzial hat. Wenn er stabil bleibt und das nötige Selbstvertrauen entwickelt, ist die Hertha auf der Position gut besetzt.

bundesliga.de: Kommen wir zu Ihrem anderen Ex-Verein, den VfL Wolfsburg. Wie ist der Saisonstart mit einem Sieg und zwei Niederlagen einzuordnen?

Röber: Den VfL Wolfsburg kann man noch nicht so richtig einordnen. Sie haben Schalke geschlagen, das selbst seine Probleme hat. Grundsätzlich hat Wolfsburg eine gute Mannschaft mit Diego und Luiz Gustavo, der jetzt fehlen wird. Vorne haben sie Leute wie Olic, hinten Naldo. Eigentlich haben sie eine gute Truppe, die sich für Europa qualifizieren könnte.

bundesliga.de: Wolfsburg hat aber auch in Hannover und Mainz verloren, die vermutlich nicht die ganz großen Übermannschaften sind. Was fehlt noch, damit Wolfsburg sich wieder einmal für das internationale Geschäft qualifiziert?

Röber: Wenn sie mal ans Laufen kommt, müssten sie mit der Mannschaft um die internationalen Plätze spielen. Der Anspruch in Wolfsburg ist ja, international zu spielen. Das weiß ich noch aus eigener Erfahrung. Aber als ich damals Trainer war, wurden Mitarbeiter bei VW entlassen. Da durften wir keine müde Mark investieren. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. In den letzten beiden Spielen hat Wolfsburg gegen Hertha daheim verloren. Die Berliner liegen ihnen nicht so sehr. Ich bin gespannt, wie es diesmal ausgeht.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski