Köln - Über ein Jahrzehnt lang prägte Hans-Günter Bruns die Defensive von Borussia Mönchengladbach. 331 seiner 366 Bundesliga-Spiele bestritt der Ex-Nationalspieler für die "Fohlen". Wenn "seine" Gladbacher spielen, guckt der 58-Jährige immer noch ganz genau hin. Im Interview mit bundesliga.de spricht der ehemalige Trainer von Rot-Weiß Oberhausen über die Leistungen der Borussia in dieser Saison, über Lucien Favre und Mike Hanke.

bundesliga.de: Herr Bruns, wie bewerten Sie den bisherigen Saisonverlauf Ihres Ex-Vereins Borussia Mönchengladbach?

Hans-Günter Bruns: Ich habe in dieser Saison Licht und Schatten gesehen. Eine große Rolle spielt dabei, dass die Borussia vor der Saison mit den Abgängen von Dante, Neustädter und Reus viel Qualität verloren hat. Aus meiner Sicht konnten die Abgänge noch nicht adäquat ersetzt werden. Daher wird in diesem Jahr nicht viel mehr als ein einstelliger Tabellenplatz möglich sein. Die neuen Spieler sind ordentliche Spieler. Aber ein Dante oder ein Reus sind definitiv nicht zu ersetzen. Das Mannschaftsgefüge hat seine Leader verloren. Es muss sich neu finden.

bundesliga.de: Auf die Problematik hat der Trainer Lucien Favre von Saisonbeginn an hingewiesen. Wie geht er mit der neuen Situation Ihrer Meinung nach um?

Bruns: Lucien Favre ist ein Trainer, der sehr auf die Taktik setzt. Aber das geht auch mal schief und nutzt sich mit der Zeit ab. Ich habe den Eindruck, dass es im Moment bei den Spielern der Borussia ein bisschen der Fall ist. Sie können aktuell nicht mehr ganz die Linie verfolgen, die Lucien Favre vorgibt. Die Defensive ist ein Beispiel dafür. Sie war früher sehr schwer zu knacken. Das ist jetzt aber nicht mehr der Fall. Der Coach hat bewiesen, dass er ein sehr guter Trainer ist. Ich sage allerdings, dass es nur mit Defensive nicht gehen wird. Lucien Favre muss etwas verändern.

bundesliga.de: Trotzdem hat die Mannschaft in dieser Saison immer noch mehr Spiele gewonnen als verloren.

Bruns: Die Grundtendenz in Mönchengladbach ist ja auch eindeutig sehr positiv. Von kurzfristigen Misserfolgen darf man sich nicht abschrecken lassen. Man muss aber auch öfter versuchen, Spiele zu gewinnen. Nur mit Unentschieden kommt man nicht so weit.

bundesliga.de: Wie wichtig für den weiteren Saisonverlauf ist die Partie bei Eintracht Frankfurt?

Bruns: Dem Frankfurt-Spiel kommt keine vorentscheidende Bedeutung zu. Dafür ist es noch zu früh. Ich mag es ohnehin nicht, nach jedem Spiel neue Aussagen zu treffen. Wenn man ein Ziel ausgegeben hat, sollte man das auch verfolgen können, ohne dass man nach jedem Spiel neu abrechnen muss. In Mönchengladbach sollte man Spiel für Spiel abwarten. Natürlich sollte die Mannschaft oben dranbleiben.

bundesliga.de: Was ist in dieser Saison noch drin für die "Fohlen"?

Bruns: Die Mannschaft wird genauso wenig mit dem Abstiegskampf zu tun haben wird, wie sie meiner Meinung nach auch keinen Europapokalplatz holen wird. Irgendwo dazwischen werden sie landen. Wenn das so kommt, war die Saison vollkommen in Ordnung. Dann muss man versuchen, in der kommenden Saison den nächsten Schritt zu machen. Bei der Borussia sind solide Leute am Werk, die dieses Ziel verfolgen. Man muss nicht am Rad drehen. Das wird schon funktionieren.

bundesliga.de: Können Sie nachvollziehen, dass der Vertrag mit Mike Hanke nicht verlängert wird?

Bruns: Ich habe jetzt nicht jedes Spiel verfolgt, aber Mike Hanke hat bisher keine so gute Saison gespielt. Die Borussia hat generell zu viele gleiche Spielertypen im Angriff. Deshalb ist es eine logische Konsequenz, da etwas zu ändern. Die Borussia hat im letzten Jahr von ihrer Schnelligkeit im Spiel nach vorne gelebt. Das ist in diesem Jahr mit Leuten wie de Jong oder Hanke oder vorher de Camargo ein völlig anderes Spiel als mit Reus. Daher muss der Verein sehen, dass er sich in dem Bereich neu aufstellt. Auch die Abwehr muss wieder stabiler werden

bundesliga.de: Sie waren während Ihrer Gladbacher Zeit auch einmal ein halbes Jahr bei Fortuna Düsseldorf. Wie gut schlägt sich die Fortuna in der Bundesliga?

Bruns: Fortuna ist ein Aufsteiger. Es geht nur darum, die Bundesliga zu halten. Im Moment sieht es so aus, dass sie das auch schaffen werden. Die sind diesen Weg gegangen. Ich habe noch in der Regionalliga mit Oberhausen gegen Düsseldorf gespielt. Dann hat der Verein einen Schritt nach dem anderen gemacht. Sie sind belohnt worden und sind mit vernünftigen Mitteln bis in die Bundesliga gekommen. Wenn sie den Klassenerhalt schaffen, wäre das ein toller Erfolg.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski