Köln - Lotto King Karl ist eine Institution in Hamburg. Vor den Heimspielen des Hamburger SV singt der Musiker und Entertainer die Hymne "Hamburg, meine Fußballperle", außerdem gehört er zu den Stadionsprechern der Hanseaten. Im Interview mit bundesliga.de spricht der 50-jährige, gebürtige Hamburger über seine besondere Beziehung zum HSV, den Abstiegskampf und die Hoffnungsträger.

bundesliga.de: Lotto King Karl, am Samstag spielt der Hamburger SV am Abend das Topspiel des 21. Spieltags gegen den SC Freiburg. Sie singen vor jedem Heimspiel die Hymne "Hamburg, meine Fußballperle". Macht es unter Flutlicht mehr Spaß? Erleben Sie dann eine andere Stadionatmosphäre?

Lotto King Karl: Unter Flutlicht ist es schon etwas Besonderes. Aber die Stimmung ist immer ähnlich. Da, wo wir am Spielfeldrand stehen, befinden wir uns genau in einer Wetterschneise. Es ist dann knackig kalt oder ich stehe voll in der Sonne. Bei einem Flutlichtspiel ist es dann insofern schöner, weil es überall gleich kalt ist.

bundesliga.de: Welchen Stellenwert nimmt der HSV in Ihrem Leben ein?

Lotto King Karl: Für mich ist der HSV schon ein Stimmungsmacher. Mit den Sorgen um den Club gehe ich abends ins Bett und stehe ich morgens auch wieder auf. Ich bin in Sachen Fußball und HSV schon ziemlich verpeilt, ob das jetzt Turniere der Nationalmannschaft sind oder der HSV. Allerdings ist der HSV das ganze Jahr ein Thema. Das kann man nicht abstellen. Irgendwann stellt man fest, ob man auf blonde oder dunkelhaarige Frauen steht. Genauso stellt man fest, wie weit man den Fußball an sich heran lässt.

bundesliga.de: Sie haben auch schon Konzerte ausfallen lassen, um beim Heimspiel des HSV dabeizusein.

Lotto King Karl: Durch die späten Ansetzungen ist meine Konzertplanung immer ein bisschen wackelig. Wir wurden auch schon aus Kopenhagen oder Oslo eingeflogen, um rechtzeitig im Stadion zu sein. Wir versuchen immer, es einigermaßen hinzubekommen.

"Die Mannschaft hat gesehen, dass sie es kann"

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bundesliga.de: Der HSV hat jetzt innerhalb von einer Woche drei Siege ohne Gegentor gefeiert. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach diesen positiven Resultaten?

Lotto King Karl: Die Stimmung ist natürlich sehr gut, weil auch gerade das Spiel gegen RB Leipzig ein sehr cleveres Spiel von uns war, wie ich finde. Die Partie gegen Bayer Leverkusen war schon gut, gegen den 1. FC Köln haben sie es dann auch perfekt gemacht. Jetzt haben wir die drei Vereine hinter uns gelassen, die wir vor einem halben Jahr überholen mussten. Aber wer weiß, was passiert, wenn Werder Bremen auf einmal mit Bruno Labbadia einen großen Motivator als Trainer aus dem Hut zaubern sollte. Wir müssen jetzt unsere Leistungen bestätigen. Wir haben wieder ein gestiegenes Selbstbewusstsein, weil die Mannschaft gesehen hat, dass sie es kann. Und ich sehe noch mehr Steigerungspotenzial. Walace hat erst sein zweites Spiel gemacht, Kyriakos Papadopoulos und Mergim Mavraj sind ebenfalls neu dabei. Wenn sie noch besser integriert sind, geht da auch nich mehr. Trotzdem ist allen Leuten auch klar, dass es noch ein langer Weg bis zum Klassenerhalt ist.

bundesliga.de: Die erste Etappe auf diesem langen Weg geht über den SC Freiburg. Wie stark schätzen Sie die Südbadener ein?

Lotto King Karl: Der SC Freiburg ist wieder so ein Gegner, der gefühlt 30 Spieler im Kader hat, von denen du kaum einen kennst. Aber du weißt ganz sicher, dass die alle gut spielen werden. In Freiburg haben sie seit langer Zeit einen Klassetrainer und ein sehr realistisches Umfeld. Sie können auch mal mit einem Abstieg umgehen, kommen dann schnell wieder zurück und kommen sogar noch stärker zurück. Das ist eine starke Mannschaft. Mir war von vorneherein klar, dass der Sport-Club weit den Großteil der Saison weit weg von den Abstiegsrängen spielen wird. Sie nehmen immer sehr viel Schwung mit, wenn sie aus der 2. Bundesliga kommen. Freiburg ist beispielhaft.

bundesliga.de: Manchmal fragt man sich beim HSV, ob die Mannschaft gegen die "falschenGegner" punktet, also eher gegen die Topmannschaften wie Leipzig und Leverkusen und nicht gegen die direkten Konkurrenten wie den FC Ingolstadt oder den VfL Wolfsburg.

Lotto King Karl: Das kann man so sehen. Aber im Abstiegskampf muss man jedes Tor und jeden Punkt mitnehmen, ganz egal gegen wen.

"Wir haben schon viele Statistiken widerlegt"

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bundesliga.de: Sie haben Papdopoulos bereits angesprochen. Ist er der Motivator, der die Mannschaft mitreißen kann, und der vorher noch gefehlt hat?

Lotto King Karl: Er hat eine sehr motivierende Art zu spielen. Er haut sich richtig rein. Man merkt, dass er zeigen will, was er kann. Sein Wechsel nach Leipzig ist unglücklich verlaufen. Ich kann auch die Leipziger verstehen, dass sie nach der Hinrunde, die sie gespielt haben, nicht die Mannschaft groß umgebaut haben. Das war ein Glücksfall für uns, keine Frage. Er ist ein hochmotivierter und einsatzfreudiger Spieler. Ich weiß nicht, ob uns dieser Typ gefehlt hat, weil ich auch Mavraj nicht abwerten will. Als er debütiert hat, hat Johan Djourou an seiner Seite sein bestes Spiel seit langem gezeigt. Es haben sich zwei Abwehrspieler integriert und für einen Schub gesorgt.

bundesliga.de: In Köln gab es auch nicht wenige Leute, die sich gewundert haben, dass der FC Mavraj hat ziehen lassen.

Lotto King Karl: Darüber haben wir uns auch gewundert. Es wird aber wohl der Situation geschuldet sein, dass der Verein mit einem Spieler in diesem Alter nicht mehr unbedingt mittel- oder langfristig plant. Beim HSV brauchten wir einen Verteidiger. Ich glaube, dass alle Seiten von dem Wechsel profitiert haben. Köln ist auch ein Verein mit sehr viel Herz, sie haben in den letzten Jahren sehr viel richtig gemacht. Die Entwicklung ist sensationell, da sind sie ein absolutes Vorbild.

bundesliga.de: Unabhängig von den Wechseln hat der HSV auch in den Wochen vor Weihnachten begonnen, seine Heimspiele zu gewinnen und nun die letzten vier Pflichtspiele vor heimischer Kulisse alle gewonnen. Ist diese Heimstärke die Voraussetzung für den Klassenerhalt?

Lotto King Karl: Wenn man den Klassenerhalt schaffen will, ist es egal, wo man die Punkte holt. Aber es ist sicherlich sehr hilfreich, wenn man das Argument Heimstärke anführen kann. Grundsätzlich ist der Volkspark sicher ein Trumpf. Das zeigen schon alleine die Zuschauerzahlen. Der Besucherschnitt ist im Verhältnis zum Tabellenplatz sehr hoch. Das ist schon seit fünf oder sechs Jahren so. Hamburg ist eine Fußballstadt. Das sieht man auch beim FC St. Pauli, bei dem ebenfalls im Verhältnis zur Leistung exorbitant viele Zuschauer kommen, um den Verein zu unterstützen.

bundesliga.de: Wie gut tut es dem HSV, jetzt erst einmal auf Platz 15 zu stehen und drei Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz zu haben?

Lotto King Karl: Wir haben schon genügend Schlagzeilen und Statistiken, nach denen wir schon abgestiegen waren, widerlegt. Ganz schlimm war die Zeit in den ersten Spielen unter Markus Gisdol, als wir munter weiter verloren haben. Mit beispielsweise acht Punkten aus fünf Spielen machst du dann aber im Abstiegskampf größere Sprünge als in oberen Tabellenregionen. Wir haben jetzt ein bisschen Luft nach unten und sogar Tuchfühlung an die Teams über uns. Aber so wenig, wie nach dem 10. Spieltag noch keiner abgestiegen ist, so wenig sind wir jetzt gerettet.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski