Köln - Lothar Matthäus ist Weltmeister und hat mit dem FC Bayern München etliche Titel gewonnen. Der Sky-Experte kennt die Problematik um den Trainingsrückstand nach großen Turnieren und schildert im bundesliga.de-Interview seine Erfahrungen. Dennoch sind die Bayern für ihn klarer Favorit im Kampf um den Meistertitel.

bundesliga.de: Herr Matthäus, welche Aussagekraft hatte der Erfolg der Dortmunder im Supercup gegen die Bayern für die anstehende Saison?

Lothar Matthäus: Für Borussia Dortmund war es ein verdienter Sieg und ein schöner Erfolg zum Saisonauftakt. Doch sollte man dieses Spiel nicht überbewerten. Im vergangenen Jahr hat der BVB auch den Supercup gewonnen und ist in der Saison am Ende mit 19 Punkten Abstand hinter dem FC Bayern gelandet.

bundesliga.de: Haben die Dortmunder denn dieses Spieljahr Chancen auf den Titel?

Matthäus: Der haushohe Favorit ist und bleibt der FC Bayern - trotz der derzeitigen Verletzungsprobleme und dem Trainingsrückstand der WM-Fahrer. Denn die Münchner sind auf alles vorbereitet. Die Verpflichtung von Torhüter Pepe Reina zeigt deutlich, dass die Verantwortlichen immer einen Schritt voraus denken. Ich hoffe einfach, dass das Meisterrennen in dieser Saison spannend bis zum Schluss bleibt und die Entscheidung nicht noch einmal so früh fällt.

bundesliga.de: Sie sprechen die Verletzungen an: Sind die Münchner gerade anfällig?

Matthäus: Der FC Bayern ist schon arg gebeutelt. Es ist ja nicht nur die Verletzung von Javi Martinez, die so kurz vor Saisonbeginn extrem weh tut, sondern auch ein Bastian Schweinsteiger (Personalie), ein Franck Ribery und andere WM-Teilnehmer sind angeschlagen oder nicht bei 100 Prozent ihrer Leistungsbereitschaft. Von daher hat Trainer Pep Guardiola einige Baustellen, die er noch schließen muss. Es könnte also passieren, dass der Motor zu Beginn noch ein wenig stottert.

"Ein Transfer ist nicht unbedingt nötig"

bundesliga.de: Müssen die Bayern zwingend einen Ersatz für Martinez holen?

Matthäus: Die Bayern haben ihre Erfolge in der Vergangenheit ja nicht mit der Dreierkette sondern eigentlich durchweg im 4-2-3-1-System gewonnen. Und der Kader ist durch die Bank mit Top-Spielern besetzt, die mehrere Position auf höchstem Niveau bekleiden können. Von daher sehe ich so einen Transfer nicht unbedingt als nötig an.

bundesliga.de: Wie sieht es mit den Dortmunder Transferaktivitäten aus. Konnte der BVB das Loch, das der Wechsel von Robert Lewandowski gerissen hat, stopfen?

Matthäus: Die Dortmunder haben den Kader insgesamt in der Breite weitaus besser aufgestellt. Ob und inwieweit Trainer Jürgen Klopp sein System, dass in der vergangenen Saison klar auf Robert Lewandowski zugeschnitten war, ändert, wird sich zeigen. Ihm bleiben nun auf jeden Fall mehr Optionen und mit dem BVB wird auch wieder zu rechnen sein.

bundesliga.de: Welche Teams zählen Sie des Weiteren zur Spitzengruppe?

Matthäus: Die jetzigen vier Champions-League-Teilnehmer sind auch in dieser Saison für mich die ersten Anwärter auf die Tickets für die Königsklasse. Dahinter ist aber der VfL Wolfsburg die Mannschaft mit den besten Möglichkeiten, die vorderen Plätze zu attackieren.

"HSV und VfB nicht mehr so weit hinten"

bundesliga.de: Welche Mannschaften machen dahinter das Rennen?

Matthäus: Im Mittelfeld der Tabelle entscheiden nur Nuancen über die endgültige Platzierung. Der Hamburger SV und der VfB Stuttgart werden in dieser Saison in meinen Augen nicht mehr so weit hinten zu finden sein. Auf und außerhalb des Platzes haben sich diese Traditionsmannschaften verstärkt und Spieler, die in der vergangenen Spielzeit unter ihrer Form geblieben sind, werden jetzt wieder ihre Leistung abrufen. Dagegen werden vielleicht Augsburg und Mainz ein paar Plätze verlieren, denn es ist immer schwierig, so eine famose Saison zu bestätigen. Das hat man bei Mainz in der Europa-League-Qualifikation und im DFB-Pokal schon gesehen. Insgesamt wird es zwischen Platz 7 und 14 sehr eng zugehen. Eine Schwächeperiode darf sich kein Club erlauben, sonst findet man sich schnell im Kampf gegen den Abstieg wieder.

bundesliga.de:Welche Chancen haben die beiden Aufsteiger?

Matthäus: Ich persönlich freue mich, dass der 1. FC Köln zurück in der Bundesliga ist. Der Verein hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und das spiegelt sich im sportlichen Erfolg wieder. Mit den tollen Fans im Rücken sollten die Rheinländer mit dem Abstieg eigentlich nichts zu tun haben. Doch als Aufsteiger ist es schon dem Gesetz der Serie nach nicht einfach, die Klasse zu halten. Das wird beim SC Paderborn auch so sein, der nach Fürth und Braunschweig ebenfalls eher als "Nobody" für Furore sorgen möchte. Die Paderborner sollten in erster Linie versuchen, das erste Bundesligajahr zu genießen. Wenn ein bisschen Glück dazu kommt, kann der SCP vielleicht die kleine Chance auf den Klassenerhalt nutzen.

bundesliga.de: Inwieweit gibt die gewonnene Weltmeisterschaft der Bundesliga einen Schub?

Matthäus: Die Bundesliga wird im Ausland schon seit vielen Jahren für das hohe Niveau beneidet. Und das gilt nicht nur für die sportliche Entwicklung, sondern auch für das gesamte Drumherum: perfekte Organisation, moderne Stadien und eine tolle Atmosphäre. Der WM-Titel verstärkt unsere Position in Europa weiter.

Das Gespräch führte Michael Reis