München - Auch wenn er in Budapest wohnt und sich viel um seinen achtmonatigen Sohn Milan kümmert, verfolgt Lothar Matthäus weiterhin tagtäglich die Geschehnisse in der Bundesliga. Im Interview mit bundesliga.de analysiert der Rekordnationalspieler die Hinrunde. Er verrät seine positiven Überraschungen, von welchen Mannschaften er enttäuscht wurde und warum der Abstiegskampf so spannend wie nie werden wird.

bundesliga.de: Herr Matthäus, welche Mannschaften haben Ihnen in der Hinrunde am meisten imponiert?

Lothar Matthäus: Ganz klar der FC Augsburg, den niemand in dieser Tabellenregion erwartet hat. Ich finde auch, dass Hoffenheim zu Recht oben dabei ist, denn dieses Team hat einen sehr attraktiven Angriffsfußball gespielt. Dazu zähle ich Vereine wie den VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach (zum Wintercheck), die über eine gewisse Qualität in ihren Kadern verfügen. Spielerisch haben sie immer wieder Glanzpunkte gesetzt, aber nicht stabil genug gespielt, deswegen haben sie einen solchen Rückstand auf Bayern München.

bundesliga.de: Und wie fällt Ihr Urteil über den FC Bayern aus?

Matthäus: In den letzten zweieinhalb Jahren war der FC Bayern stabil stark mit riesen Schritten in Deutschland vor der Konkurrenz. Da kann man nur den ganzen Verein beglückwünschen, von Kalle Rummenigge bis Karl Hopfner, Matthias Sammer und Pep Guardiola und alle weiteren Leute, die dort arbeiten. Da wird Tag für Tag eine hochprofessionelle Arbeit gemacht. Wenn man so gut arbeitet, dann bekommt man die Möglichkeit, vielleicht über Jahre hinweg den Anderen davonzulaufen. Die sportlichen Erfolge rentieren sich auch finanziell. Dadurch ist man der Konkurrenz natürlich auch wirtschaftlich überlegen.

"Die Rückrunde wird sehr spannend"

bundesliga.de: Von welchen Klubs sind Sie besonders enttäuscht?

Matthäus: Sicherlich Borussia Dortmund an erster Stelle. Wer hätte gedacht, dass der BVB nach der Hinrunde gegen den Abstieg spielt. Dazu gibt es die Traditionsvereine wie den Hamburger SV, den VfB Stuttgart und Werder Bremen, die man auch nicht unbedingt im letzten Drittel der Tabelle erwartet hat. Aber da sieht man, wie spannend die Bundesliga ist, voll mit Überraschungen. Die Rückrunde wird auch sehr spannend sein.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass mindestens ein großer Traditionsklub am Ende der Saison absteigen wird?

Matthäus: Wenn ich mir nach dieser ersten Saisonhälfte die Tabelle anschaue, dann bin ich überzeugt, dass es einen erwischen wird. Aber bei solchen tollen Vereinen wie dem HSV (zum Wintercheck), Werder oder Stuttgart wünscht man sich, dass sie in der ersten Liga bleiben. Wenn sie aber nach 34 Spieltagen mit weniger Punkten da stehen als kleinere Vereine oder Mannschaften mit weniger Tradition, dann haben sie einiges falsch gemacht. Diese großen Namen sind es nicht gewohnt, gegen den Abstieg zu spielen. Sie sind darauf überhaupt nicht vorbereitet.

"Paderborn und Freiburg haben gute Chancen"

bundesliga.de: Was ist noch in der Rückrunde zu erwarten?

Matthäus: Der Abstiegskampf wird brutal, weil es viele Mannschaften gibt, die um den Klassenerhalt kämpfen. Es ist alles unglaublich eng und kein Team schafft es, zwei Partien in Folge zu gewinnen. So haben Mannschaften wie Paderborn oder der SC Freiburg gute Chancen drin zu bleiben. In der vergangenen Saison waren Eintracht Braunschweig und Nürnberg zu schlecht, davon hat der HSV profitiert. Ganz sicher wird ein Verein, den man am Anfang der Saison nicht auf der Rechnung hatte, absteigen. Es sei denn, Freiburg, Paderborn oder Mainz tun den namhaften Teams einen Gefallen.

bundesliga.de: Die Bundesliga überwintert im Europapokal mit sechs Mannschaften. In der Champions League sind zum zweiten Mal in Folge alle vier Clubs ins Achtelfinale eingezogen. Kann man die Bundesliga deshalb als die stärkste Liga der Welt betrachten?

Matthäus: Es ist schon mal klar, dass die Bundesliga zu den Top Drei gehört - zusammen mit England und Spanien. Vor fünf, sechs Jahren habe ich aber bereits erkannt, dass die Bundesliga durch die Nachwuchsförderung auf einem richtig guten Weg ist. Durch diese Nachwuchsförderung, die wir in Deutschland seit fünfzehn Jahren betreiben, haben wir an Stabilität gewonnen. Sie wird immer besser und ich glaube, dass sie in zwei Jahren, Spanien und England überholt hat und dann zur besten Liga der Welt wird.

Das Gespräch führte Alexis Menuge